Eva Ladipo: „Räuber“

Nach der „Wende“ kommen die „Räuber“. Im zweiten Roman von Eva Ladipo geht es um die Immobilienwirtschaft und ist im Gegensatz zu ihrem vorherigen Roman „Wende“ kein Spannungs-, sondern ein Gesellschaftsroman, der mit Hilfe von drei Hauptperspektiven die klaffende Schere zwischen Reich und Arm, den täglichen Kampf um Würde, Gleichberechtigung und den Wohnraum beschreibt.

Immobilien sind nicht nur Lebensräume, sondern auch Spekulationsobjekte. Aufgrund wertrelevanter Instandhaltungsmaßnahmen besitzen viele Mietobjekte immenses Verwertungspotential. Im Roman geht es um eine marode Sozialbausiedlung, für die die staatliche Förderung ausläuft und die Liegenschaften privatisiert werden. Somit keimt die Frage, was der neue Vermieter mit den Wohnräumen und Objekten vorhat. Bleibt das Leben dort sozial verträglich? Wohnraum ist für alle existentiell. Was passiert mit der Gesellschaft, wenn der Lebensraum der reinen Spekulation und Gewinnmaximierung überlassen wird? Somit lernen wir im Roman drei Perspektiven kennen, die jede für sich einen Blickwinkel auf die sich zuspitzende Entwicklung hat und sich die Frage stellt, wem diese Lebensgrundlage und somit die Stadt eigentlich gehört?

Olli Leber wohnt mit seiner Mutter in einer Sozialbausiedlung in Berlin. Seine Eltern haben bereits eine Wohnungsodyssee erlebt. Ollis Vater war Bauarbeiter und seine Mutter Krankenschwester. Das Viertel, in dem sie vorher gelebt hatten, wurde gänzlich saniert und sozial umgestaltet und dadurch erhöhten sich die Mieten exorbitant. Es blieb nur noch der Umzug in eine Sozialwohnung, um weiterhin in Berlin leben zu können. Der Vater verunglückt und stirbt. Hier beginnt der Roman, mit der Beerdigung von Ollis Vater. Trotz der mangelnden Mittel will die Mutter ihn im schöneren, ehemaligen Stadtviertel beigesetzt sehen. Auch Musiker sind zur Trauerfeier geladen, die vor einer sehr überschaubaren Trauergemeinde spielen werden. Dies macht die Mutter aus innerem Trotz und resignierter Wut. Nach der Beisetzung zieht sie sich innerlich zurück und lässt auch die Post ungeöffnet liegen. Olli, der ebenfalls am Bau tätig ist und viel arbeitet, öffnet die Anschreiben von der Verwaltung, dem Mieterbund und der Nachbarschaft, die zu einem Treffen einlädt. Die Sozialbauwohnungen sind von der Stadt verkauft worden und in den kommenden Tagen soll eine Mieterversammlung stattfinden.

Die zweite Perspektive ist Amelie Warlimont, sie ist Journalistin und gerade erneut Mutter geworden. Ihr Mann kämpft um den Erhalt seiner Zeitung und ist ständig in der Redaktion. Amelie erfährt von ihrem Mann, dass er sie betrogen hat. Somit gerät ihr Leben ins Wanken und privat und beruflich ist sie ausgelaugt. Bei einer Recherche lernt sie Olli kennen, hört von seiner Geschichte und fängt für diese Feuer. Sie verbünden sich, um dem Immobilienwahn, d.h. –boom und der daraus resultierenden sozialen Ungerechtigkeit entgegenzuwirken.

Dann gibt es da noch Falk Henning, der ehemalige Finanzsenator, der es in seiner Amtszeit zugelassen hat, dass viele Sozialwohnungen privatisiert wurden. Falks Familienleben ist eher ein Flickenteppich zu nennen, in dem ihm seine Tochter sehr wichtig ist. Ihm sind keine Wege oder Mittel zu gering, um diese glücklich zu machen. Während er sich auf die Hochzeit seiner Tochter vorbereitet und ein ausschweifendes Fest plant, gerät er in das Visier von Amelie und Olli. Amelie hat bereits auch aus der Vergangenheit eine Verbindung zum Finanzsenator und jetzt, durch Ollis Geschichte, wird in ihr die Journalistin gänzlich belebt.

Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr vielschichtig, hält Überraschungen parat und spannt einen stimmigen Bogen um die Gesellschaft. Die Spannungskurve wird kontinuierlich gesteigert und die Charaktere sind lebensnah und glaubhaft skizziert.

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