Yanick Lahens: „Sanfte Debakel“

Eine literarische Reise, die stets das Gefühl einer fiebrigen Hektik verbreitet und über der auch etwas Bedrohliches, wenn nicht sogar der Tod selbst mitschwingt. Der Alltag und die Flucht aus diesem sind durchdrungen von Poesie, Sinnlichkeit und Musik, das heißt der gesellschaftliche Blues wimmert beständig und wohlklingend mit. In diesem Buch ist es die Sprache, die den Rhythmus schlägt und somit einen Takt für den Verlauf der spannenden Handlung vorgibt.

Auch wenn man anhand der Inhaltsangabe einen kriminalistischen Plot erwarten könnte, wird man doch viel umfangreicher von diesem kurzweiligen Roman mitgerissen. Es ist ein spannender Haiti-Roman, der in der Kürze ein umfangreiches Portrait des Landes und der Menschen beschreibt. Die Figuren sind getriebene und versuchen aus dem Umfeld oder der Lebenssituation zu flüchten. Doch verlaufen diese sanften Debakel oft in Niederlagen.

Port-au-Prince wird in diesem Werk als eine Stadt voller Korruption beschrieben. Die Machtspiele sind gut geschmiert von Menschen eingefädelt worden, die davon weitreichend profitieren. Wer sich Ihnen in den Weg stellt, wird bedroht oder gänzlich zum Schweigen gebracht. So auch der Richter Raymond Berthier, der sich nicht auf diese Spiele einlassen will und sich damit Feinde gemacht hat. Er schreibt an seine Frau, denn auch seine Familie wurde indirekt bedroht und er ahnt das unausweichliche Ende seines Lebens. Sechs Monate nach seiner Ermordung versucht seine Tochter Brune das Drama zu verarbeiten. Ihr Traum ist es, Sängerin zu sein und sie versucht den Schmerz und den Verlust durch die Musik zu kompensieren. Ihr Onkel möchte durch seine Vernetzungen Einblick in den damaligen Vorfall erhalten und der Anwalt Cyprien möchte Karriere machen. In diesem Umfeld bewegen sich unter anderem noch ein revolutionärer Straßenkämpfer und ein französischer Journalist. Alle Figuren kreisen umeinander und enthüllen immer mehr ihr eigenes Innenleben. Durch sie wird die Gesellschaft erlebbar. Langsam werden auch die ganzen Zusammenhänge deutlich.

Die Nichtexistenz der Machlosen wird beleuchtet und durch diesen Text in Frage gestellt. Das pulsierende Leben in Haiti und besonders in Port-au-Prince wird in einem fiebrigen Leseblitz farbenfroh beleuchtet. Ein Buch, das durch die Poesie, Musik und die Sprache lebendig wird.

Yanick Lahens wurde 1953 in Port-au-Prince geboren. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium lehrt sie selbst und interessiert sich beständig für die traditionelle Kultur Haitis, was sich in ihren Werken widerspiegelt. Übersetzt wurde das Buch aus dem Französischen von Peter Trier.

Zum Buch in unserem Onlineshop

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