Christine Avel: „Nur hier sind wir einzigartig“

Ein Roman wie aus der Zeit gefallen. Ein Text, der uns mit seinen Protagonisten gänzlich aus dem Umfeld zieht und mit seiner sonnigen Wärme auf eine griechische Insel zum Verweilen einlädt. Es geht um den Verlust der kindlichen Leichtigkeit im Leben.

Die Handlung spielt um eine Gruppe von Kindern, die jeden Sommer zusammen auf einer griechischen Insel verbringen und eine sorgenfreie Zeit genießen. Im ersten Satz keimt bereits die endliche Weite der Protagonisten: „Die Welt beginnt und endet hier.“ Sie leben in einer kindlich reduzierten Welt. Die Vereinfachung spiegelt sich auch in den Kurznamen, die sie sich jeweils geben. Mit jedem neuen Sommer rückt aber die Schwelle zum Erwachsenwerden auf sie zu und mit ihr zieht auch die Schwere in ihren Alltag.

Am Anfang können die Kinder gar nicht schnell genug in die Sonne und ans beziehungsweise ins Meer kommen. Die Helligkeit, die sie umgibt, prägt ihre jährlichen Sommermonate. Später, mit dem Älterwerden, meiden sie die heiße Sonne immer mehr. Die Kinder kommen aus Italien oder Frankreich und freuen sich stets aufeinander und auf die gemeinsame Zeit. Die Insel wird für sie zu einer Parallelwelt, die ihre eigentliche Heimat wird. Auf der Insel, die nur durch die Nennung eines Ortsnamens auf Kreta schließen lässt, arbeiten die Eltern als Archäologen. Die Ausgrabung wird aber immer ausufernder, wobei sie wenig ergiebig ist. Durch den Umfang der Ausgrabungsstätte reisen die Erwachsenen immer wieder an und überlassen die Kinder ganz sich selbst. Somit rückt der Alltag gänzlich aus deren Wahrnehmung in den jeweiligen Sommermonaten. Die Familienprobleme oder die Schule bleiben der Insel fern. Hier, in der Einfachheit der Unterkunft und Umgebung, finden die Kinder ihr Paradies und empfinden sich in der Gemeinschaft als einzigartig.

Sie machen alles in der Gemeinschaft und dies stärkt das soziale Miteinander. Anfänglich werden die Sprachbarrieren durch eigene Wortschöpfungen überbrückt. Sie streunen um die Ausgrabungsstätte, die Dörfer und die umliegende Landschaft. Sie baden im Meer und vergraulen die Touristen aus ihrem Refugium. Doch jedes Jahr bringt seine kleine individuelle Veränderung mit sich. Das Ungehemmte und vor den Freunden Entblößte wird von der erwachenden Scham bedeckt. Die irritierende Gefühlswelt trifft auf die Teenager und erweckt Neues in der eingeschweißten Gemeinschaft. Die Kinder ahnen das Ende ihres Sommers und ihrer Kindheit. Die Liebe und die ganze Gefühlswelt überschattet die bisherige Leichtigkeit.

Der Roman verzaubert durch seine Herzlichkeit und literarische Wärme und man tobt mit den Kindern in der griechischen Insellandschaft. Bis der Alltag die Kinder und uns, die Leser, einholt. Eine zarte Melancholie fordert ihren Platz. Wie die griechische Folklore, die von einer lebensfrohen Melancholie getragen wird, lebt auch der stimmungsvolle, poetische Text von diesem natürlich wirkenden Zwiespalt.

Ein Roman, der sinnlich, schön und bildreich geschrieben ist. Aus dem Französischen wurde der Roman von Christine Ammann übersetzt. Es sind ein Ruf nach Freiheit und der beständige Wunsch nach Sorglosigkeit, die diesem Werk inne wohnen. Beim Lesen färbt die wärmende Inselsonne unseren Alltag. Mit leichter Wehmut bekommt die vermeintliche Leichtigkeit ihre Tiefe und Schwere zurück.

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