Mieko Kawakami: „Heaven“

Heaven, nicht der Himmel, nur „Heaven“ ist der Zufluchtsort der Protagonisten. Ein Roman, der beim Lesen viele Gefühlsausbrüche heraufbeschwört. Durch die wachsende Empathie wird das Werk zu einer emotionalen Fahrt, die von jungen Menschen berichtet, die stoisch das Erdulden für sich akzeptieren. Aus dem Japanischen wurde das Buch von Katja Busson übersetzt.

Das Innenleben des namenlosen Erzählers ist für den Leser offen, bleibt aber seinem Umfeld stets verschlossen. Sein Herz und Verstand sind groß und dennoch verbirgt er dies. Das Umfeld ist ein alltägliches, graues und pessimistisches Bild. Es spielt kurz vor der Jahrtausendwende in Japan und eine dezente Weltuntergangsstimmung nistet sich ein.

Der vierzehnjährige Erzähler lebt bei seiner Stiefmutter. Selten kommt der Vater von der Arbeit nachhause. Die Sicht des Jungen ist düster und verzweifelt. Denn er wird von seinen Mitschülern drangsaliert, gemobbt und gedemütigt. Die körperlichen Schläge erreichen ihn stets so gekonnt, dass keine Spuren zu sehen sind. Als hätten die Peiniger die Gewalt als beständige Aufgabe perfektioniert. Der Grund ist seine Andersartigkeit und sein Augenleiden. Er hat eine Fehlstellung und schielt. Die Schikane erduldet er schweigsam, denn wie er sich verhält, ist es meist falsch und erzeugt nur neue Pein. Somit versucht er wenig aufzufallen.

Eines Tages findet er einen Zettel in seiner Federtasche, auf dem nur ein Satz mit Bleistift skizziert wurde: „Wir gehören zur selben Sorte“. Die Notiz stammt von dem Mädchen Kojima, die wie er in der Klasse gemobbt wird. Es entstehen ein Briefwechsel und eine Freundschaft. Ihre Treffen und ihre Schreiben werden ihr gemeinsamer heimlicher Rückzugsort. Sie finden Orte, die für sie Stätte der Freiheit werden. „Heaven“ ist ein Bild, das in einem Museum ausgestellt wird. Das Bild zeigt ein Paar, dem laut der Interpretation von Kojima etwas Schreckliches passiert sein muss. Doch das Paar hat den Horror überwunden und lebt nun in seinem Glück, die beiden sind in einem Zimmer, ihrem Heaven angekommen. Das Bild reflektiert die Sehnsucht von Kojima und dem Namenlosen. Beim Museumsbesuch offenbaren die beiden sich auch einen Wunsch. Sie möchten sich vergegenständlicht sehen. Neutral sein. Weder, wie in der Gemeinsamkeit, ihr Glück finden noch durch die beständige Angst geprägt werden. Der Moment dazwischen wäre ihr Lebenswunsch. Vorher haben sie nie über den alltäglichen Schrecken gesprochen, sie haben diesen in der Gemeinsamkeit ausgeschlossen.

Das pessimistische Bild und die traurige Lebenssituation der Charaktere nehmen den Leser mit. Mieko Kawakami beweist großartiges Feingefühl für Menschen und Situationen. Die Bilder, die sie mit ihrer Sprache erzeugt, machen den Lesenden zu einem Teilnehmer. Auch wenn es jugendliche Figuren sind, ist es ein Buch voller erwachsener Tiefe. Die letztendliche Willkür des Schreckens ist es, die dem Erzähler und dem Leser den meisten Grusel beschert. Eine Gewalt, die keine Begründung sucht, sondern einfach ausgeführt wird, weil die Möglichkeit dazu besteht. Ein Ventil der Sinnlosigkeit. Doch gerade dies macht das Buch zu einem ganz besonderen Werk. Denn die Sehnsucht und die Suche nach einem friedvollen Ort, einem Rückzugsort werden bildreich eingefangen.

Ein großartiges, bestürzendes und lesenswertes Werk voller Hoffnung und Freundschaft. Die Sicht auf die Ausweglosigkeit, Ausgrenzung und Hilflosigkeit wird erlebbar in Worte eingefangen. Ein Buch, das keinen unberührt lassen wird.

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