Dany Laferrière: „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“

Wird nicht der schreibende Mensch ein empfundener Nachbar von uns, wenn man dessen Werke liest? Ist die Identität für das Begreifen einer Lektüre von Nöten? In dem Roman von Dany Laferrière werden auf humorvolle Weise die Identität und die Zugehörigkeit beleuchtet.

Dany Laferrière wurde in Port-au-Prince Haiti geboren. Aufgrund des politischen Klimas sah er sich gezwungen ins Exil zu gehen. Er lebt in Montreal und seine Werke sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Einen ähnlichen Weg beschritt auch sein Erzähler im Roman. Das Buch erschien 2008 im französischen Original und liegt nun in der deutschen Übersetzung von Beate Thill vor.

Der aus Haiti stammende Autor lebt in Montreal. Er ist oft mittellos und schuldet seinen Vermietern auch zuweilen die Miete. Er lebt vom Schreiben und denkt gerade über sein neues Werk nach. Werk ist dabei eigentlich schon zu weit gegriffen, denn das Wichtigste ist vorerst ein guter Titel. Bei bestimmten Werken der Weltliteratur haben sich die Titel in der Gesellschaft verfestigt, so dass durch Nennung jeder ein Bild hat. Dabei ist es meist unwichtig, ob das Werk gelesen wurde oder nicht. Hiervon träumt der Autor. Als sein Verleger weiteres Wissen möchte, entscheidet sich der Erzähler spontan für den Buchtitel „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“. Der Titel gefällt und entlockt dem Verleger sogar einen Vorschuss.

Warum sollte ein auf Haiti geborener Schriftsteller, der in Kanada lebt, nicht auch ein japanischer Schriftsteller sein? So kreisen zumindest die Gedanken des Erzählers um den zukünftigen Lesestoff. Das Buch, das noch gar nicht geschrieben ist, wird in Folge viel Staub aufwirbeln. Den japanischen Schriftstellern fühlt sich der Autor verbunden. Eigentlich nur seiner stets im Taschenformat mitgeführten Ausgabe eines Reiseberichtes von Bashô. Doch auch Murakami wird noch in Folge auftauchen. Aber auch die isländische Sängerin Björk. Somit Weltstars, die stets durch ihre Herkunft und den entsprechenden Klangraum ihre Kultur in die Welt tragen. Japan selbst reizt den Erzähler nicht als Reiseziel. Seine Neugier und die Suche nach authentischen japanischen Erfahrungen bringen ihn mit der Clique der japanischen Sängerin Midori zusammen. Seine Suche ist holprig, da er die asiatischen Menschen und Länder mehrfach verwechselt.

Seine Recherche und die Verbreitung seiner Idee des Titels „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ bringen ihn immer häufiger in brenzlige Situationen. Die Verzettelungen greifen durch einen Suizid innerhalb der Gefolgschaft der Sängerin. Auch in Japan hört man von ihm und die Behörden zeigen Interesse an seiner Person und dem ungeschriebenen Buch. Ferner erlangt der Erzähler in gewissen Kreisen Kultstatus.

Der Roman ist ein kurzweiliger, humorvoller und kultureller Ritt. Die knappen Kapitel und Szenen steigern das Lesetempo und das Vergnügen. Die Bedeutung der Identität und das Zugehörigkeitsgefühl werden hier auf sehr charmante Weise ins Absurde getrieben. Durch die bewusst verwendeten Klischees, die klugen Bilder und Sätze ist der Roman eine intelligente und lesenswerte Komödie.

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