Archiv der Kategorie: Erlesenes

Gabriele Kögl: „Brief vom Vater“

Ein Roman über Liebe, Bestätigung, Besitz und Verlust. Im Mittelpunkt steht der titelgebende Brief, doch die wahrhaftige Erkenntnis des Inhalts des Schreibens offenbart sich erst am Ende des Werkes. Ein gesellschaftskritischer Blick mit einem leichten, aber auch humorvollen und melancholischen Ton. Wir sind soziale Wesen und benötigen den familiären Halt. Auf diesem Lebensfundament bauen wir unsere Welt, unsere Geschäfte und unseren Alltag. Doch wenn die Hoffnung, die Bestätigung und der haltende Sockel wirtschaftlich und in den Beziehungen zerstört werden, verliert man alles.

Gleich am Anfang steht die Tat, der letzte Schritt, der aus einer emotionalen Ausweglosigkeit gegangen wird und die Frage aufwirft, warum er begangen wurde. Die Hauptfigur Rosa muss erneut einen Verlust ertragen und wird wieder emotional und materiell entwurzelt. Sie lebt in einer steierischen Kleinstadt und arbeitet als Friseurin. Aus ihrer ersten Ehe hat sie ihren Sohn Severin, der mit ihr ein renovierungsbedürftiges Haus bewohnt. Sigi, ihren ersten Ehemann, lernte sie als Schützenkönig kennen. Anfänglich war es Stolz, der die Liebe mitprägte. Doch keimte in der Beziehung die Langeweile und Rosa lernte im Freibad Klaus kennen, der vermögend und als selbstständiger Drogist in der Innenstadt tätig ist. Er vermietet Liegenschaften im Zentrum und kann sich somit ein gutes Leben mit Reisen und gutem Essen leisten. Doch auch diese zweite Ehe verliert ihren Glanz. Dies mehr in der materiellen Betrachtung. Die Innenstädte sterben durch den Internethandel und die großen Shopping-Center in den Randgebieten immer mehr aus. Klaus will das langsame Sterben der Kleinstadt nicht wahrhaben, scheitert leider letztendlich doch. Wie ein gesellschaftliches Geschwür verwandelt sich das Kaufverhalten und dieser Krebs frisst Klaus auch gänzlich auf. Somit verändert sich Rosas Welt immer wieder und am Ende wohnt sie mit Severin, ihrem erwachsenen Sohn, im Haus ihrer Mutter. Severin hat Kontakt zu seinem Vater Sigi, der sich mit einer neuen Familie ganz neu erfunden hat. Sigi hat erneut einen Sohn bekommen, dem er seine Liebe und Zeit widmet. Severin möchte seinem Vater gefallen und buhlt um dessen Liebe. Er eifert Sigi als Tischler nach, bis er erkennt, sein Leben geht andere Wege und er wird Fernfahrer. Doch dann passiert etwas Unbegreifliches. Auch in Sigis neuer Familie hat sich ein Schmerz eingenistet. Dies erkennen Rosa und Severin durch den Brief vom Vater, den Severin bis zu seinem Ende bei sich trägt.

Ein Roman, der die tatsächliche Verletzung erst am Ende zeigt und trotz der Wege voller Verluste zeigt, dass stets die emotionale Bestätigung vor der materiellen Sicherheit in unserem Leben wichtig ist.

Der Roman ist packend und emotional verfasst. Der Text nimmt hier und dort eine sehr deutliche Sprache an und verwandelt zuweilen die Traurigkeit in eine dezente Ironie. Gerade die Einfachheit zeigt hierbei eine Deutlichkeit, die die Brüchigkeit unserer Leben darstellt. Der Schmerz wird textlich durch Humor aufgefangen und befreit von der eigentlichen Last.

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Florian Knöppler: „Südfall“

Der dritte Roman von Florian Knöppler hebt erneut die nordische Landschaft hervor und erzählt über einen Versuch der Heimkehr. Nach „Kronsnest“ und „Habichtland“, die beide inhaltlich zusammenhängen, ist „Südfall“ ein eigenständiger Roman. Florian Knöppler blickt durch unterschiedlichste Perspektiven auf eine dunkle Zeit, verändert die Sichtweisen durch die Begegnungen und erzeugt durch seine Bilder und Sprache eine Sehnsucht nach Harmonie. Jeder Charakter hat seine Lebensbürde zu tragen und wünscht sich Einklang mit der Umgebung. Jedes Kapitel ist aus der Sicht einer anderen Figur geschrieben und zeigt, wie wenig vonnöten ist, um verändernd in den Lebensweg einzugreifen. Wie bereits in seinen vorherigen Romanen wird die Natur einen Hauptplatz in den Beschreibungen einnehmen und erzeugt eine ergreifende Sinnlichkeit. Wie der Titel bereits verrät, ist es in diesem Roman das nordische Wattenmeer. Die Landschaft ist malerisch, aber niemals beschaulich und rahmt die Handlung stimmungsvoll ein. Südfall ist eine Hallig im Wattenmeer der Nordseeküste von Schleswig-Holstein.

Die Handlung spielt im Jahr 1944 und über der Nordsee wird ein englischer Soldat von der Air Force mit seiner Maschine abgeschossen. Sein Flugzeug stürzt ab und er überlebt im Wattenmeer. Bei Ebbe ist er im Watt und kann die Richtung nicht erkennen. Er hofft auf Hilfe, befürchtet aber auch als abgestürzter Feind auf Probleme zu stoßen. Dave ist es, der nun in Folge dem Roman den Handlungsfaden in die Hand gibt, denn sein Weg und seine Begegnungen sind es, die die erzählenden Figuren berühren und verändern. Dieser Roman lässt Wahres zu und nimmt sich auch tatsächliche Geschichten als Vorbild. Im Wattenmeer wird Dave von  der Halliggräfin von Südfall gerettet. Er ist Tierarzt und seine Kenntnis wird ihm auf seinem Weg noch öfters behilflich sein. Dave möchte heimkehren. Er wandert weiter nach Norden, immer an der Nordseeküste entlang nach Dänemark, um dann nach England zu gelangen. Es folgen Abschnitte aus der Sichtweise verschiedener Menschen, diese sind unter anderem Paul, Anna, Cecilie und Simon. Mit ganz viel Empathie erwachen die Figuren zum Leben und nehmen uns mit in ihre Welt. Da ist Paul, ein Schüler, der verliebt ist und Dave beobachtet, wie dieser ein Schaf rettet. Paul sieht die Welt als junger Verliebter, ist aber hin- und hergerissen zwischen der Romantik und dem Gehorsam. Ob er Dave verrät? Seine Tante, Anna, entschließt Dave zu helfen. Dann taucht noch der totgesagte Großbauer auf, der sich im Leben selbst wieder einfinden muss und das in sich gekehrte Mädchen Cecilie. Der Weg geht weiter in Richtung Dänemark und der Freiheit.

Florian Knöppler hat ein großes Feingefühl für Menschen und charakterisiert diese in seinen Werken stets sehr glaubhaft und liebenswürdig. Der Roman benötigt keine großen Handlungsstränge, um dabei viel zu erzählen. Der Text lebt von der Stimmung, die er erzeugt. Dabei ist die Natur ein großartig eingesetztes Hilfsmittel. Florian Knöppler möchte mit seinen Werken die Hoffnung aufzeigen, die es auch in jeder dunklen Stunde gibt. Dies mag naiv wirken, ist es aber niemals. Mit seinen bisher drei Romanen beweist der Autor, dass er nun mit zu den bedeutenden Schriftstellern der Gegenwartsliteratur gehört. 

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Haruki Murakami: „Honigkuchen“

Eine Erzählung und ein Kunstwerk, denn die Illustrationen stammen von Kat Menschik. Die Kurzgeschichte gab es bereits in der Sammlung „Nach dem Beben“. Übersetzt von Ursula Gräfe.

Junpei schreibt Kurzgeschichten über die nicht erwiderte Liebe. Er hat damals Literatur studiert und nicht, wie seine Eltern wollten, Wirtschaftswissenschaften. Während des Studiums lernt er seine Freunde kennen. Ein eingeschworenes Kleeblatt. Er ist in Sayoko verliebt, die seinen besten Freund geheiratet hat. Trotzdem hält die Freundschaft weiterhin. Nicht aber die Liebe von Sayoko und Junpeis bestem Freund. Somit wird Junpei eine Bezugsperson für Sara, der Tochter von Sayoko. Nach einem Erdbeben kann Sara nicht mehr richtig einschlafen und Junpei eröffnet ihr durch Phantasie andere Welten. Er erzählt Geschichten über einen Bären.

Ein wunderbares Werk. Zwei Buchmenschen, die sich hier gefunden haben. Murakami und Menschik erschaffen Buchwunder.

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Theres Essmann: „Dünnes Eis“

Der neue Roman von Theres Essmann beginnt erneut in der Stille, um daraus einen großen Raum zu erzeugen, der große Themen erklingen lässt. Zu dem Debütroman „Federico Temperini“ schrieb ich hier im Leseschatz: „Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen“. Dies gilt auch für „Dünnes Eis“, in dem es um eine Rückschau geht, die das Persönliche der Erzählerin, aber auch die Weltgeschichte aus dem vereisten Schweigen auftauen lässt.

Marietta ist gerade 99 geworden und geht nun in ihr hundertstes Lebensjahr. Diese Festtage bedeuten ihr nichts, doch überkommt sie eine Unruhe. Viele sind vor ihr gestorben und sie lebt allein in einer Altenresidenz. Sie lebt mit ihren Büchern, die sie im Leben begleitet haben. Die Erinnerungen erwachen in Momenten, zum Beispiel durch das Anlegen eines Schals, den ihr einst ihre Freundin gestrickt hatte. Bilder hängen nicht in ihrem Zimmer. Die Fotos verwahrt sie in einer Schublade. Dies ist ihr emotionales Memory-Spiel, denn die Bilder sind wahllos hineingeworfen und sie zieht sich nach Bedarf eine zufällige Erinnerung heraus. Ein langes Leben mit vielen Geschichten über Flucht, Krieg und Verluste. Besonders schmerzvoll ist die Erinnerung an ihren Sohn Johann.

Marietta nimmt Anteil an ihrer Umgebung und beobachtet das Leben um sie herum. Zum Anlass ihres Geburtstages erscheint die Presse im Heim, um über sie zu schreiben. Die Volontärin, die für das Gespräch kommt, liebt es, Menschenschicksale fotografisch einzufangen. Langsam tauen die Erinnerungen durch die Begegnung auf.

Eine weitere Begegnung ist Enis aus der syrischen Flüchtlingsunterkunft neben. Der kleine Junge teilt mit Marietta ein ähnliches Schicksal. Er sah wie seine Eltern ermordet wurden und sie musste mitansehen wie ihr Sohn erschossen wurde. In das Zimmer ihrer befreundeten und nun verstorbenen Heimnachbarin ist ein übellauniger Herr eingezogen. Diese Begegnung beschwört ebenfalls die Geister der Geschichte herauf. Herr Tacke, der neue Nachbar im Heim, hat eine SS-Vergangenheit.

Ein Roman, der berührt und schön geschrieben ist. Poesie trifft auf nicht verklärte Realität. Kriegsschuld, Sühne und Vergebung werden eindringlich durch den Lebensweg einer fast Hundertjährigen eingefangen. Das dünne Eis ist in der Fluchtgeschichte und in den menschlichen Schicksalen zu finden. Die Kriegswunden, egal welcher Krieg, tragen zu dem kollektiven Trauma unserer Gesellschaft bei. Das einzelne Schicksal wird somit nachvollziehbar, exemplarisch und übertragbar.

Das Buch ist vielfältig und themenreich und trotz der Dramen ganz still und schön. Alles ist ausgewogen und mit großer Empathie erzählt. Die Gefühlswelt ist sehr nachvollziehbar in Sprachkunst verwandelt worden. Ein Text mit Nachklang, wie bereits das vorherige Werk der Autorin („Federico Temperini“).

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Dennis Lehane: „Sekunden der Gnade“

Dennis Lehane schreibt großartige Spannungsliteratur. Sein neuestes Werk „Sekunde der Gnade“ ist ein Sozialdrama um Rassismus. Dennis Lehane ist als Kind mit seinem Vater aus Versehen in eine Protestaktion hineingeraten und die Gewalt, die sie dort erlebten, ist der Anlass für den aktuellen Roman.

Es passiert 1974 in Boston. In der Stadt brodelt es und es kommt zu hitzigen Auseinandersetzungen. Der Bezirksrichter hatte 1971 entschieden, dass schwarze Kinder mit Bussen in weiße Schulen gebracht werden sollen und umgekehrt. Dies sollte als Integrationsmaßnahme dienen. Doch führte es zur geballten Wut in den Arbeitervierteln. Diese aufgeladene Stimmung ist das Fundament des Romans.

Mary Pat Fennessy lebt im Southie, dem irischen Arbeiter-Stadtteil. Sie arbeitet als Krankenschwester und trauert um ihren Sohn. Er ist aus Vietnam zurückkehrt, wurde dann aber drogenabhängig und ging in den Freitod. Ihr Lebensmittelpunkt ist ihre Tochter, Jules. Jules Vater hat sie bereits vor Jahren verlassen. Im Stadtteil wird gerade eine Demonstration geplant, denn die meisten in der Bevölkerung möchten den geforderten Bustransfair nicht mitmachen. Jeder kennt jeden in diesem Bezirk und die Kriminalität ist allgegenwärtig, besonders das organisierte Verbrechen. Wie ein Schutzschirm behütet dieses die Menschen, verlangt dafür aber auch Gehorsam und bestraft oder tötet, wenn erforderlich. Jules ist gerade 17-Jahre alt und hängt mit ihren Freunden gerne im Park oder am Strand ab. Eines Tages kommt sie aber nicht nach Hause und die Welt von Mary Pat zerbricht. Sie beginnt im Freundeskreis und in der Nachbarschaft Fragen zu stellen. Doch erhält sie widersprüchliche Antworten. Dann steht plötzlich auch die Polizei vor ihrer Tür und will mit Jules sprechen. 

Ein junger Schwarzer ist ums Leben gekommen. Er ist in einem für ihn gefährlichen Viertel mit seinem Wagen liegengeblieben. Zeugen sagten aus, der junge Mann wurde von anderen, weißen Jugendlichen, verfolgt. Mit dabei anscheinend Jules, die seitdem verschwunden ist. Mary Pat hat alles verloren und nichts mehr zu verlieren. Sie macht sich auf die Suche nach Wahrheit. Ein Nebencharakter ist der Polizist Bobby, der mit seiner Großfamilie zusammenlebt und durch eine damals gute Tat auch wieder an Liebe und Hoffnung glauben darf. Mary Pat geht weiter als die Polizei dürfte und somit werden die agierenden Figuren Teil eines spannenden, hitzigen und sozialkritischen Dramas.

Erneut schreibt Lehane unglaublich spannend und versteht es, wie in allen seinen Werken, sofort Bilder zu erzeugen. Die Charakterisierungen sind authentisch und von Anfang an plastisch herausgearbeitet. Ein mitreißendes und nachdenklich stimmendes Werk vom Meister der amerikanischen Spannungsliteratur. Übersetzt wurde der Roman aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch.

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Stéphanie Coste: „Der Schleuser“

Der Schleuser erzählt uns eine Geschichte, die wir nicht so schnell verlassen und vergessen werden. Seine Handelsware ist die Hoffnung. Er ist skrupellos und herzlos. Er selbst betäubt sich mit Khat und hat einen sarkastischen Schutzpanzer um sich aufgebaut. Dennoch kommt sein unterdrücktes, inneres Wesen immer mehr zum Vorschein.

Der Schleuser ist Seyoum, ein Eritreer. Sein Vater hat im Unabhängigkeitskrieg gekämpft und als Journalist gegen das Regime protestiert. Die ganze Familie leidet unter den Mächtigen des Landes und verschwindet. Seyoum kann der Gefangenschaft entkommen. In Libyen hat er ein Schleppernetzwerk aufgebaut und sich einen Namen machen können. Er ist einer der Beachteten und wird durch das hohe Schmiergeld, das er zahlt, auch von der Küstenwache meist in Ruhe gelassen. Seine Geschäfte laufen bestens. Sein Gewissen und sein Mitgefühl hat er besiegt und weiß es gut im Innersten zu verbergen. Die Ware Mensch ist ein lukratives Geschäft. Aber eigentlich ist es die Hoffnung, die er verkauft. Er kauft ausgediente Boote von den Fischern, die diese zu Höchstpreisen anbieten. Boote, die eigentlich nur noch auf den Schrottplatz gehören. Durch die Todesrate auf See geraten die Schlepper ins Visier der Politik. Somit gerät die Küstenwache in Bredouille, die den Druck nun auf Seyoum weitergibt.

Es soll die letzte Überfahrt des Jahres durchgeführt werden. Seine Helfer haben Flüchtige durch die Sahara gebracht, die nun über das Mittelmeer Richtung Italien geschleust werden sollen. Die Konkurrenz und die Küstenwache setzen Seyoum immer mehr unter Druck. Sein eigenes Empfinden betäubt er mit Gin und Khat. Dennoch begegnet ihm immer wieder seine eigene Geschichte. Seine Vergangenheit holt ihn ein, denn seine Jugendliebe, mit der der vor Jahren gemeinsame Pläne hatte, steht vor ihm.

Der Roman wurde von Katharina Triebner-Cabald übersetzt und wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet. Stéphanie Coste ist im Senegal und in Djibouti aufgewachsen und lebt in Lissabon. Ihr Debütroman ist ein kurzweiliges Werk, das einen sehr bewegt und beschäftigt. Die Schleuser-Industrie mit ihren unmenschlichen Machenschaften bekommt ein reales und skrupelloses Gesicht. Neben den Schilderungen um die Macht- und Habgier um das Mittelmeer taucht der Roman auch in die Geschichte und Politik der Länder ein. Der Verlust der Menschlichkeit in der persönlichen Betrachtung des Hauptcharakters, den Schleuser-Netzwerken und der distanzierten Politik stehen im Mittelpunkt des Romans. Somit ist „Der Schleuser“ ein Werk, das die Emotion und den Verstand herausfordert. Ein lesenswerter und lohnenswerter Leseschatz.  

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René Fülöp-Miller: „Die Nacht der Zeiten“

Dieser Leseschatz wurde tatsächlich ausgegraben und ist ein literarisches Ereignis. Sprachlich und inhaltlich überzeugt das Werk und ist nun erstmalig in der deutschen Originalfassung erhältlich. Es ist ein Roman, wenn nicht sogar der Roman, über den Krieg. Ein Antikriegsroman, der vieles in den Schatten stellt. Hierbei vermischen sich die Zeiten, die Orte und die Charaktere und durch das tatsächliche Fehlen des historischen Bezuges ist der Text sehr aktuell. Phantastischer Realismus zieht ein in die individuellen Betrachtungen des Kampfes und in den Weg dorthin.

René Fülöp-Miller lebte 1891 bis 1963 und ist mehr für seine Sachbücher als durch seine Romane bekannt. Er schrieb, auch als er bereits in Amerika lebte, stets in deutscher Sprache. Dieser Roman erschien 1955 somit vorerst nur in der amerikanischen Übersetzung (The Night of Time). Stefan Weidle hat das Originalmanuskript gesucht und gefunden und mit Rolf Bulang, der auch das Nachwort geschrieben hat, herausgegeben.

Die literarische Qualität zeigt sich durch die Sprache und die Kunst, die Natur und das Leben lebendig werden zu lassen. Das Leben findet sich hierbei aber stets in der Umkehr. Das Tödliche, Verderbliche wuchert beständig aus dem Lebendigen. Am Anfang ist es ein Marsch. Dies erinnert an „Die rote Tapferkeitsmedaille“ von Stephen Crane. René Fülöp-Miller hat selbst den Krieg erlebt und viele der Antikriegsromane gelesen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass sein Schaffen sich zu Erich Maria Remarque, Heinrich Böll und Stephen Crane gesellt. Crane hat in der Literatur zum ersten Mal das Individuum in den Kriegsbewegungen betrachtet und zeigte dies ebenfalls durch anfänglich lange und für die Menschen ermüdende Märsche. Bei Fülöp-Miller kommt dabei Neues hinzu. Er zeigt das Unmenschliche auch durch die immer unpassierbare und fast schon unwirkliche Natur. Die Naturbeschreibungen des Marsches Richtung Turka werden immer beschwerlicher. Durch Matsch, Gestrüpp und Erdlöcher, die neben dem Feindesfeuer lebensgefährlich sind. Die Truppenbewegung geht aus der Sicht des Erzählers zu sehr in die Natur hinein und verlässt dabei, ohne am Kampfesplatz zu sein, bereits das Menschliche. Der Erzähler ist Adam Ember und er ist ein Mensch-Mensch (Adam kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Mensch, Ember ist ungarisch und bedeutet auch Mensch) und stapft wörtlich durch den Lehm mit seinen Kameraden. Menschen, die zuweilen eine kleine Bedeutung im Namen tragen. Somit ist auch ein Lemming dabei. Erst ist es einer, dann werden durch die Betrachtung alles Lemminge und wie Lemminge laufen sie dem Kommando hinterher in die Unwegsamkeit, in den Kampf und in den Tod. Wenige überleben den Marsch und die Überlebenden der Einheit erreichen einen Hügel, der lediglich eine Nummer als Namen hat. Diesen sollen sie (wie in dem Antikriegsfilm und Roman „Die Brücke“) unbedingt halten. Adam wird Essensholer, steht dann unnütz herum und wird dann zum Totengräber ernannt. Somit arbeitet Adam erneut mit der Erde und kämpft mit den Lebenden und Toten. Der beschriebene Krieg wirkt anfänglich wie der Erste Weltkrieg, die Schlacht in den Karpaten und doch verlässt die Beschreibung das Zeitliche, Örtliche und verwandelt die Ereignisse zu einem übergeordneten Kampfplatz. Somit wird die Handlung surreal, um das allgemein gültige Grauen zu zeigen. Hierbei ist es immer der Krieg und nicht nur einer. Der Krieg in der Menschheitsgeschichte endete nie und dieser Roman schildert es auf großartige Weise. Die Sinnlosigkeit und die Unmenschlichkeit werden immer lebendiger. Das Werk verdichtet immer mehr seine surrealen-phantastischen Bilder und bringt auch den Witz mit hinein.

Ein herausragendes Werk, das uns die Vergangenheit und Gegenwart des selbstzerstörerischen Menschen aufzeigt. Die Sprache und die Metaphorik laden zum Verweilen in den Zeilen ein. Die Satire gibt dem Tragischen eine angenehme Leichtigkeit.

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Volkhard Hanns: „Drachenberg“

„Drachenberg“ ist ein phantastischer Leseschatz für junge und jung gebliebene Buchliebhaber. Dieser Debütroman von Volkhard Hanns ist ein humorvoller sowie spannender Lesespaß. Ein Fantasy-Roman, der diverse Portale in die Realität öffnet und übersprudelt voll eigenständiger Ideen. Der Drachenberg steht im Kyffhäusergebirge und ist einer der Eingänge in ein unterirdisches Land voller Magie.

Dieser Roman ist durch mich, den Leseschatz, mit zur Welt gekommen. Volkhard Hanns bat mich, sein Manuskript zu lesen. Er würde meine Meinung schätzen und fragte, ob ich Ideen hätte für Verlage, die Interesse haben könnten. Nachdem ich es gelesen hatte, zeigte ich es unter anderem Björn Sülter und nun erscheint es im Verlag in Farbe und Bunt. Daher werde ich auch erneut auf der Buchrückseite zitiert.

Es beginnt mit einer Busfahrt nach Thüringen, in das Kyffhäusergebirge, dem kleinsten Mittelgebirge Deutschlands, das im Volksmund schlicht der Kyffhäuser genannt wird. Das Kyffhäuser-Denkmal verweist auf die Barbarossasage. Hat der damalige Kaiser sich dort versteckt oder hat er etwas Fantastisches erlebt? Das Sagenhafte steht Fiete noch bevor. Er reist zu seinen Großeltern, um diese zu besuchen. Er soll dort eine Zeit verbleiben, denn seine Eltern lassen sich gerade scheiden. Im Bus lernt er Luke kennen, der sich ebenfalls in die Region begibt, weil seine Schwester dort verschwunden ist und er sie nun suchen möchte. Lukes familiäre Verhältnisse sind ebenfalls nicht die Besten und er taucht unter und hofft auf Fietes Unterstützung. Doch hat auch Fiete eigene Probleme und einiges zu bewältigen. Sein Großvater redet wirr und in der Region kommt es zu häufigen Bränden. Die Polizei gerät in einen Strudel aus mysteriösen Tiermorden und sucht die Ursachen und Brandstifter. Doch scheint einer der Polizisten mehr zu ahnen, als er bisher preiszugeben bereit ist.

Das Abenteuer nimmt seinen Anfang, als Fiete im Wald plötzlich von einem Waschbären angesprochen wird. Luke trifft auf Maria, die Enkelin einer Schlossherrin, die ebenfalls verschwunden ist. Maria sucht ein Buch und genau dieses Buch ist es, das durch das Berühren die magische Welt zu öffnen vermag. Alle geraten in eine wundersame Welt und treffen auf Zwerge, Kobolde und sogar auf Drachen. Bei den Zwergen gibt es eine alte Prophezeiung, die sich jetzt, in der Gegenwart, zu bewahrheiten scheint.

Dieses Abenteuer nimmt einen sofort gefangen. Mit viel Herzblut, Humor und Hingabe ist hier eine phantastische Welt Realität geworden.

Volkhard Hanns versteht es, mit der Handlung und den tollen Charakteren zu begeistern. Ich bin froh, dass ich den Roman entdecken und auf dem Weg zum gedruckten Buch Wegbegleiter sein durfte.

Ein Werk, das man aufschlägt und dabei sofort die Realität verlässt. Man traumwandelt durch die Zeilen und letztendlich versteht man die Realität wieder ein Stück weit besser. 

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Frank Göhre: „Harter Fall“

Erneut ist es ein cineastisches Erlebnis, den neuen Roman von Frank Göhre zu lesen. Man inhaliert diesen förmlich, denn die Krimis von Göhre leben von ihrer Schnittigkeit. Die Handlung baut sich durch die kurzen Szenen schnell auf und die Stimmungen und Charaktere werden punktuell erfasst und werden mit jedem Szenenwechsel immer spürbarer und plastischer. Frank Göhre erhält viel Anerkennung und ist auch ein Meister des Noir-Krimis. Durch seine Romane tauchen wir stets ein in die Schattenwelten unserer Gesellschaft. Meist direkt vor unserer eigenen Haustür. Trotz der Düsternis in seiner Literatur ist es immer eine Freude, diese zu lesen. Ein kurzweiliger Trip mit schwarzem Humor und einem charmanten und eigenwilligen Drive. Die Menschen in der Göhre-Welt sind nicht für das Glück geschaffen. In seinem neuen Werk „Harter Fall“ werden wir in zwei Welten katapultiert. Vom Hamburger Kiez nach Jamaika. Beide geprägt durch die Bilder unserer Vorstellungen. Erneut lebt das Buch durch den Klang. Es ist der Klang der Sprache, der Menschengruppen und der Musik. Die Musikclubs auf der Reeperbahn mit ihren schummrigen und dunklen Ecken sind der Ausgangspunkt. Aus Jamaika stammt der Reggae. Diese rhythmische Musik vermischt Tanz mit Politik und ist somit Sinnbild dieses Romans.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Szenenbeschreibung aus dem Kultfilm „The Harder They Come“. Ein jamaikanischer Kinofilm des Regisseurs Perry Henzell aus dem Jahr 1972. Ein Rock-Reggae-Film, der als einer der Wegbereiter des Reggaes für ein internationales Publikum angesehen wird. Hierbei vermischt sich ebenfalls Geschichte mit Musik und Politik.

Es beginnt 1978 in Dänemark. Ein siebzehnjähriges Mädchen macht sich auf den Weg zu ihrem neuen Freund. Sie ist verliebt und will zu ihm nach Flensburg und fährt per Anhalterin in den Süden. 1978/79 kam es im Winter zu der großen Schneekatastrophe in Norddeutschland. Beim Tauwetter wird In Hamburg ein unbekanntes Mädchen tot aufgefunden. Drei junge Männer träumen von der Freiheit. Der Film, „The Harder They Come“, den sie gerade im Kino gesehen haben, hat sie animiert. Sie möchten Jamaika erleben. Sie wollen die Wurzeln des Reggaes erspüren. Die Schwester des einen bleibt in Hamburg, sie erlebt das Kiez-Milieu und die Clubs im Wandel des Jahrzehnts und des Umbruchs.

Die Szenen sind kurz wie Filmschnitte und alles steht miteinander in Bezug. Die Jamaika-Reise und die Geschichte in Hamburg, die der Daheimgebliebenen und die Ermittlungen um die tote Dänin. Alles ist im Privaten, wird aber immer mehr politisch. Freundschaften waren keine oder werden gebrochen und die Kluft in der Individualität und in der Gesellschaft wird immer deutlicher. Schuld trifft auf Sehnsucht nach einer besseren Welt. Doch gibt es meist nur Dunkelheit und Kälte. Zumindest in diesem großartigen Noir-Krimi. Ich bitte um Verzeihung, aber dieser Satz wollte hinaus: Was für eine Göre, der Göhre!

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Ruth Landshoff-Yorck: „Leben einer Tänzerin“

Ein wahrer Zeitblick wird uns durch diesen Roman, die Entstehungsgeschichte und den realen Bezug geschenkt. Eine Zeitreise in die 20er Jahre, in das Nachtleben, die Bars und die ganze fiebrige Stimmung der Metropolen. „Leben einer Tänzerin“ ist ein Roman, doch dient der Romanfigur eine echte Biographie als Vorbild und aus Lena Amsel wird jener schillernde Vogel, um genau zu sein, Lena Vogel. Die damals berühmte Tänzerin Lena Amsel (1899 – 1929) war eine emanzipierte Frau voller Lebenslust und Freiheitsdrang bis ihr Leben auf tragische Weise abrupt endete.

Das Buch war bereits gesetzt und der damalige Verlag sendete Ruth Landshoff-Yorck die Druckfahnen zur Korrektur und Druckfreigabe nach Paris, wo sie sich aufhielt. Doch sollte das Buch nicht erscheinen. Es war das Jahr 1933 und aus politischen Gründen wurde die Publikation zurückgezogen. Aufgrund der jüdischen Hauptfigur, die ein emanzipiertes und kosmopolitisches Frauenbild verkörperte, wurde die Verbreitung dieser Schrift untersagt. Jetzt wird der Roman über ein damals neues Frauenbild voller Freiheitsdrang und Lebenslust veröffentlicht. Ergänzt wird das Buch durch ein Nachwort des Herausgebers, Walter Fähnders. Der Roman über die Tänzerin wird durch das unbedingt zu lesende Nachwort gänzlich abgerundet, historisch eingebunden und durch Wissenswertes ergänzt.

In den pulsierenden Metropolen, Berlin, Wien und Paris liebt und lebt die Tänzerin Lena Vogel. Sie lebt ihren Freiheitsdrang aus und definiert diesen stets neu. Es sind die 1920er Jahre und die modern denkende Frau erfindet sich immer wieder neu. Sie tritt oft als schillernde Persönlichkeit auf und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Kleidungsstil, ihr Erscheinungsbild, ihre Gedanken und ihre Weltsicht sind unkonventionell. Ihre Ehen sind flüchtig und mit den Männern wechselt sie auch oft ihr Gesamtbild. Auch das Landleben versucht sie, für sich zu entdecken. Alles im Leben dieser Tänzerin ist und wird zu einem Tanz.

Ein authentischer Roman, der etwas Dokumentarisches in die Literatur einbindet. Der Stil ist temporeich und die Geschlechterrollen werden neben den gesellschaftlichen Betrachtungen sehr lebendig. Die Schilderungen sind knapp und auf den Punkt kommend formuliert. Ein gradliniger, fast etwas ungehobelter Ton stellt hiermit einen neuen Frauentypus der 20er Jahre in den Vordergrund. Das Buch ist eine lohnende Bereicherung.

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