Claire Keegan: „Reichlich spät“

Claire Keegan benötigt nicht viel, um Großes zu erzählen. Ihr Roman „Das dritte Licht“ gehört für die englische Times zu den 50 wichtigsten Romanen des 21. Jahrhunderts und die Verfilmung war für den besten internationalen Film bei der Oscarverleihung nominiert.  

Ihre Bücher sind stets klein. Es sind aber Geschichten, die ganz genau hinsehen und dadurch begeistern. Das Stille offenbart in ihren Texten oft mehr als jeder Klanglaut. „Reichlich spät“ (So Late in the Day) wurde auch unter dem Titel „Misogynie“ veröffentlicht. Nun liegt die Übersetzung aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser vor.

Ein sonniger Tag in Dublin, doch die Sonne wird als dreist tituliert, denn Cathal sieht die schöne Landschaft, durch die er oft mit dem Bus fährt, nur von weitem. Sein Chef muss ihn förmlich zum Feierabend überreden und somit begibt sich Cathal zur Bushaltestelle, um den Heimweg anzutreten. Der Bus ist überfüllt und nur noch ein Platz ist neben einer Frau frei, den er hadernd aufsucht. Er hat Bedenken, dass die Sitznachbarin allzu geschwätzig ist. Die Busfahrt geht durch die irische Hügellandschaft, in der er noch nie war. Während der Fahrt und besonders bei der Heimkehr, denkt er an Sabine.

Sie hatten sich vor mehr als zwei Jahren auf einer Konferenz in Toulouse kennengelernt. Seitdem kam es zu regelmäßigen Treffen. Sie kocht gerne und gut und kauft dabei gute Lebensmittel ein, das ihn wundert und, als sie mal ihr Portemonnaie nicht dabei hat und er für die Kirschen zahlen soll, grämte ihn der Preis sehr. Sie ist mit einer Leichtigkeit in sein Leben getreten. Sie geht gerne Barfuß, schielt ganz leicht und nimmt das Leben als Geschenk. Er ist dagegen kein sehr liebender Mann. Er ist auch mal verbal verletzend und erinnert sich auch an eine Kindheitserinnerung mit seiner Mutter, die nur die Jungs und der Vater witzig fanden. Sabine glaubt an die Gemeinsamkeit und geht auf die unromantische Verlobung ein. Doch als sie bei ihm einzieht, hat Cathal nicht bedacht, dass sein Lebensraum verringert wird und Sabine Raum benötigt und einnimmt. Sabine ist nur noch eine Erinnerung, gleich den Glückwunschkarten und Präsenten in der Wohnung. Denn Sabine ist die Frau, die mit ihm gelebt hätte, wäre er ein anderer Mann gewesen.

Diese kleine Geschichte über ein gescheitertes Paar spielt mit der Misogynie, die sich in vielen Menschen bewusst oder unbewusst eingepflanzt hat. In dieser Geschichte wird wenig gesagt, aber ganz viel erzählt. Dabei zeigt sich die große Kunst der Autorin, die mit einer literarischen Klarheit ihre Themen fixiert und meisterhaft Stimmungen einfängt, verwandelt und spürbar macht.

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Pascal Garnier: „Der Beifahrer“

Französischer Noir wird bei Garnier aufs Schönste zelebriert. Ein kleiner Gewinn für die Krimiwelt, die abseits des Herkömmlichen liest. Anspruchsvolle, fiese Unterhaltung, die zynisch und klug unterhält. Dabei verzichtet der Autor auf tiefgründige und psychologische Charakterisierungen, denn die Profile der Figuren erschließen sich durch die Handlung und die Bilder. Die Agierenden verstricken sich in ihre Taten und dadurch kommt es zu einer Anhäufung von Toten. Dabei zeigen die Charaktere ihr wahres Gesicht.

Fabien kommt aus dem Schweigen. Zumindest hat er gerade seinen stillen Vater besucht und erfährt bei der Rückkehr nach Paris, dass seine Frau einen tödlichen Verkehrsunfall hatte. Sie war in Begleitung ihres Liebhabers, der ebenfalls starb. Bei der Identifikation in der Leichenhalle begegnen ihm die Witwe des verstorbenen Liebhabers und deren beste Freundin. Seitdem gärt in Fabien der Rachegedanke. Er sucht die Nähe zu Martine, der Witwe, und beobachtet ihre Wohnung aus einem Café gegenüber. Er bricht auch bei ihr ein, verändert ihren Lebensraum. Später kann er sie und ihre Freundin, die fast immer dabei ist, beobachten, wie sie eine Reise nach Mallorca buchen. Er bucht diese selbe und es kommt zu einem Treffen. Es kommt zu einer Annäherung, die auch nach der Reise anhält. Doch wer verführt hier wen? Und warum ist stets die Freundin dabei? Seit der Begegnung ist eine Lunte entzündet, die ein ganzes Pulverfass zum Explodieren bringt. 

Aus dem anfänglich stilleren Spannungsfeld voller Trauer und Leid wird ein düsteres Spektakel mit irren Verstrickungen und Wendungen.  Übersetzt von Felix Meyer.

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Michaela Maria Müller: „Zonen der Zeit“

Zwei Pole, die sich anziehen und abstoßen und nicht voneinander loskommen, sind in „Zonen der Zeit“ der Mittelpunkt. Zwei Menschen, die unterschiedlich sind, treffen zufällig aufeinander. Die Frau, Enni, agiert beruflich und privat stets gegenwärtig, ist aktiv und handelt umgehend. Jan ist eher das Gegenteil. Er ist in einer Starre verfangen und als Historiker richtet sich sein Blick zurück.

Mit einer Reduktion von Handlungszeiten erzeugt der Roman diverse Zeitzonen und erzählt von einer Begegnung, die mit viel Empathie eingefangen wird. Die Handlung berührt Geschichte, Privates und Gesellschaftliches. Der Roman ist schön geschrieben und funktioniert wie ein Blues-Song, der durch die Reduktion den Klangraum erweitert. Vieles wird im Roman angedeutet und es entsteht ein Raum zwischen dem Erzählten, den wir Lesenden finden dürfen. Die Geschichte wird persönlich und der Blick auf das Historische gelingt durch das individuell Erfahrbare und durch Empathie.

Jan ist Archivar und soll im Auswärtigen Amt die Akten des Jahres 1991 bearbeiten. 1991 war Jan zehn Jahre alt und das Jahr hatte sein Leben von Grund auf verändert. Anfang der Neunziger ist er mit seiner Mutter nach Berlin gezogen. Sein Vater ist nach Russland gegangen. Jan hat wenig Gefühl für sich. Er nimmt viel auf, bemerkt aber wenig. Er verinnerlicht Situationen, kann diese aber nicht vergegenwärtigen. Dennoch sind seine Beobachtungen und Formulierungen genau, aber mit sich selbst fremdelt er oft. Am Kiosk trifft er auf Enni, die sich ein Bier kauft. Er sein Haselnusseis. Beide beobachten sich. Enni ist als Notrufdisponentin der Feuerwehr-Leitstelle tätig. Sie muss also stets schnell reagieren, um zu helfen, zu schützen oder etwas zum Positiven zu verändern. Beide sind sich in ihrem Zögern beziehungsweise Handeln fremd und doch spüren beide eine Verbindung. Jan fällt es schwer, Zugang zu finden. Dies zeigt sich auch durch seinen Schlüsselverlust, der Enni nun als Helferin reagieren lässt. Sie hören sich beide gerne zu. Beide haben Veränderungen erlebt. Jan lebt im Alltag von seiner Frau und den Kindern getrennt und erfasst die Geschichte durch die Konservierung der Dokumente. Doch hat das Historische das Leben seiner Familie sehr geprägt. Er hat eine andere Auffassungsgabe als Enni, die sofort wusste, was ihr Weg sein wird, als sie damals die Einsatzkräfte beim Rettungseinsatz am 11. September in den Medien verfolgte. Für sie heißt es stets  weitermachen, egal wie aussichtslos eine Situation ist.

Mit viel Feingefühl entfaltet Michaela Maria Müller diesen Roman. Die Entwicklung der Charaktere erschließt sich in einem kleinen Handlungsrahmen, der dann einen weiten Bogen um europäische Geschichte spannt. Dabei das Politische aber ganz behutsam privat werden lässt. Diese Zonen bilden einen Zeitteppich, der in einem Wechselspiel zwischen Jan und Enni gewoben wird. Durch die Handlung und Sprache erinnert der Roman an die Werke von Iris Wolff. Die Kapitel sind kurzweilig und immer in Abwechslung der Perspektiven der Hauptfiguren geschrieben. Ein stiller Roman, der in der Feinheit ganz viel zu erzählen hat.

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Adam Morris: „Bird“

„Bird“ ist ein realistischer Blick auf die Gesellschaft und nimmt uns nicht einfach an die Hand, um uns auf Missstände, den Rassismus und die Gewalt aufmerksam zu machen, sondern reißt uns regelrecht mit. Die Bezeichnung Kriminalroman kann hierbei leicht in die Irre führen, denn es ist keine herkömmliche Ermittlungsgeschichte, sondern ein Gefängnisroman, der durch die wechselnden Perspektiven einen Strudel erzeugt, der die Charaktere und uns beim Lesen herumwirbelt. Dabei wird nichts inhaltlich oder sprachlich verschönt. Mit dem Wechsel der Perspektiven verändern sich auch das Vokabular und der Blick auf die Mitmenschen und Ereignisse. Der tiefe Einblick in den Mikrokosmos des Gefängnissystems, der Kriminalität und der entsprechenden Figuren erinnert an die Erfolgsserie „The Wire“. Durch die kurzweiligen Kapitel, die die Gefängniswelt widerspiegeln, wird  die Geschichte immer komprimierter und spannender. Somit ist die Bezeichnung „Kriminalroman“ dann doch passend.

Im Mittelpunkt steht Carson, ein Aborigine, der gerade um die Zwanzig ist und bereits mehrfach seine Erfahrungen mit der Polizei, dem Gericht und dem Gefängnis gesammelt hat. Er ist, zumindest aus Sicht des Kunstlehrers, im Gefängnis einer der Klügeren und somit hebt er sich wohl von den meisten Insassen ab. Doch immer wenn Carson zum Beispiel beim Gefängnis-Kunstkurs dabei ist, gibt es Unruhen. Langsam baut sich ein Mosaik zusammen, das uns den ganzen Kosmos um Carson erklärt. Durch die diversen Erzählstimmen der Nebenfiguren, die Carson kennen, begegnen oder zu resozialisieren versuchen baut sich das Gesamtwerk zusammen. Immer wieder gelangt Carson ins Gefängnis. Die Handlung ist in drei Kapitel eingeteilt: „In“, „Out“ und „Shake it all about“. Sein Lebensweg ist geprägt von einem Kreislauf aus Drogengeschichten oder anderen kleinen oder großen kriminellen Handlungen. Er ist jung und hat einen guten Körper und weiß diesen auch stets zu seinen Gunsten einzusetzen. Daher gibt es auch diverse Frauengeschichten. Sein Werdegang ist durch das Wechselspiel zwischen dem kriminellen Leben draußen und dem Gefängnis geprägt. Die Aborigine sind in Australien eine Minderheit geworden, nicht aber im Gefängnis. Die Arbeitswelt und die Gesellschaft räumen der weißen Hautfarbe weiterhin bessere Chancen ein. Rassistische Vorurteile prägen noch immer die moderne Gesellschaft. Alle Figuren sind Facetten der ganzen Geschichte. Carsons Geschichte wird durch ihn, von Freunden, der Psychologin und dem Mitarbeiterstab des Gefängnisses erzählt. Carson windet sich durch die Ereignisse, passt sich agierend oder rein sprachlich seinem Umfeld an. Dabei bekommt die schmutzige Düsternis zuweilen auch viel Humor. Alle Charaktere handeln, denken und sprechen ganz nach ihren Gegebenheiten. Manche wollen Gutes erreichen, doch verzweifeln sie an der Bürokratie und an der Aussichtslosigkeit. Es gibt für einige viel zu tun und zu planen. Andere agieren planlos und werden durch das Umfeld und die Ereignisse getrieben. Der Gefängnisalltag wird dabei zur Routine oder zu einer Herausforderung.

Adam Morris erzeugt cineastische Bilder und kann seine glaubhaften Erfahrungen einbringen. Er ist Musiker, preisgekrönter Filmemacher, Sonderpädagoge und Universitätsdozent und lebt in Westaustralien. Er war als Kunst-, Tanz- und Musiklehrer in westaustralischen Gefängnissen tätig. Conny Lösch hat den Roman aus dem Englischen übersetzt.

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Marianne Philips: „Hochzeit in Wien“

Der Blick in ein Haus, an einem Tag erzeugt ein ganzes Panorama der Gesellschaft und es entsteht ein Bild der porösen Demokratie im Jahr 1933. Wien als kulturelles Sinnbild wird Zeuge der Begebenheiten auf dem Weg in die Katastrophe.

Das Buch ist eine Wiederentdeckung und war nach dem Tod von Marianna Philips Schullektüre in den Niederlanden. Der Roman ist voller Lebendigkeit und zeigt neben den Schattenwürfen auch ganz viel Humor und Hingabe zu den Figuren. Es sind die einzelnen Charaktere, die fesseln und durch die einzelnen Schicksalsgeschichten einen gesamten Handlungsbogen erzeugen. Somit wächst aus den Episoden ein imposanter Gesellschaftsroman. Im Mittelpunkt steht ein Haus, das wohl schönste der Luftbadgasse. Eine Sackgasse, die viele Gesellschaftsschichten vereint. Händler, Handwerker, Künstler, arme und vermögende Menschen. Die Bewohner des Hauses sind fiktiv. Doch präsentieren sie die damalige Wirklichkeit, die sich in der Gegenwart aber auch erneut erkennen lässt. Es ist der Zeitpunkt des Ungewissen, der nahenden Bedrohung und alle, die armen, aber auch jene, die zu es zu Vermögen gebracht haben, verspüren Angst vor der Zukunft.

Marianna Philips weiß worüber sie schreibt. Sie beschreibt, was sie erfahren, erlebt und gehört hat. Das Buch ist Aufgrund eines Wettbewerbes entstanden, ruhte dann, weil Marianna Philips sich politisch und sozial sehr engagierte. Ihre Biographie ist selbst spannend. Marianne Philips (1886-1951) war das Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie. Doch lernte sie dann schnell die Armut kennen. Das gesellschaftliche Gefälle lässt sie politisch werden. Sie wurde für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt. Wegen ihrer jüdischen Herkunft musste sie während des Zweiten Weltkriegs untertauchen. Ihr literarisches Schaffen kreist um ethische und soziale Fragen. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Sympathie für Menschen.  Zurzeit gibt es zwei Werke von Marianna Philips in der deutschen Übersetzung: „Die Beichte einer Nacht“ und „Hochzeit in Wien“ beide übersetzt von Eva Schweikart.

Die Hausbesitzer, die auch ein lukratives Malerhandwerk im Erdgeschoss betreiben, feiern goldene Hochzeit. Somit wird das prächtige Haus noch mehr herausgeputzt und für die Gäste und Feierlichkeit vorbereitet. Doch das Haus lebt von den weiteren Bewohnern. Die Operndiva Maria Ritter, die den begabten Geiger Paul, der im Hofschuppen lebt, bei seiner Karriere behilflich sein möchte. Die adligen Damen, die bereits alles verloren haben und durch den Besuch aus Amerika vor dem Hungerstod gerettet werden. Doch ist jener weitgereiste Besuch auch gekommen, um seine Liebe wiederzufinden. Das bedrohliche jener Zeit wird durch den Juden Meyer Jonathan am deutlichsten verkörpert. Er wartet auf seinen Enkel, Daniel, der sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen hat. Doch es soll auch gefeiert werden, die Hochzeit und die Geburt des Enkelkindes der Gastgeber. Aber die unheimlichen Wolken, die bald ganz Europa überziehen, verdichten sich immer mehr.

Diese Begegnungen im Haus in Wien sind fixierte Lebensmomente der Gesellschaft und der Geschichte. Ein großartiger, lesenswerter Roman, der sehr bewegt und berührt. Jede einzelne Figur wird lebendig und wir werden durch diese Zeugen der Zeit, die sich nicht wiederholen darf. Ergänzt wird der Roman durch ein Nachwort von Judith Belinfante.

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Fuminori Nakamura: „Die Flucht“

Ein umfangreicher Roman, der neben der Spannung viel über die Geschichte Asiens erzählt und sich glänzend neben die Literatur von Yoko Ogawa, Haruki und Ryu Murakami sowie Shusaku Endo einreihen lässt. Besonders die Werke von Endo werden durch den Bogen zur Gegenwart, den Nakamura schlägt, vertieft. „Die Flucht“ greift Themen auf, die bereits Endo mit „Samurai“ und „Schweigen“ beschrieben hatte. Doch geht Nakamura weiter und zieht den Bogen von der Verfolgung der Christen in Japan über den Abwurf der Atombombe bis ganz nah an unsere Gegenwart heran. Dabei wird er, wie in der japanischen Literatur üblich, auch mystisch und nebulös. Es tauchen Charaktere auf, die auf den Anfangsbuchstaben reduziert werden und einer, lediglich „B“, agiert wie ein Beelzebub. Zumindest ist er ein Bindeglied zwischen der Realität und der Fiktion. Die Trennung zwischen den Lebenssphären erfolgt durch Gewässer und somit ist jener „B“ auch oft nass. Jene bedrohliche Figur taucht auf und möchte die sagenumwobene Trompete haben, die der Erzähler in seinem Besitz hat und dadurch um sein Leben bangen muss. Denn „B“ gibt ihm nur etwas Zeit, um zu handeln und sich zwischen drei Todesmöglichkeiten zu entscheiden. Auch wenn er eine lebende Version wählen würde, wäre sein Selbst zerstört.

Die Handlung beginnt in Köln, denn Kenji Yamamine ist auf der Flucht und ist in die Domstadt gereist. Beruflich ist er Journalist und schreibt oft gegen die politische Entwicklung Japans an. Auch hat er bereits ein Buch erfolgreich herausgebracht. Die immer weiter nach rechts rückende Politik möchte er durch seine Worte bekämpfen. Doch ahnt er, dass die menschliche Natur mit Logik allein nicht zu besiegen ist. Durch starke Emotionen hat sich in den meisten Menschen das festgefahrene Denken verhärtet. Die Menschen benötigen einen Gegenentwurf zu ihrer Weltanschauung, die sich oft durch die Beziehungen in die sozialen Medien verlagert. Durch Zufall oder durch Fügung gerät er an die Geschichte um das legendäre und teuflische Instrument. Der Komposition und der Trompete von Suzuki werden nachgesagt, sie hätten im Zweiten Weltkrieg der unterlegenen japanischen Armee zu einem Sieg verholfen. Die Trompete „Fanaticism“ ist somit ein Inbegriff der menschlichen Hörigkeit. Auf den Philippinen ist das Instrument plötzlich aufgefunden worden. Kinder haben sie in einem „Geisterhaus“ gefunden. Kenji reist dorthin und beschaut sich die Trompete und wird in den Bann gezogen. Dort trifft er auch auf Anh, die aus Vietnam kommt und ihm später, da sie sich verliebt haben, nach Tokio nachreist. Sie möchte mit ihm die Geschichten sammeln, ihre, seine, die der Länder und die der Trompete. Er wird es sein, der ihren Traum verwirklicht, denn auf einer Demonstration wird sie tödlich geschubst. Dadurch, dass er es ist, der die Geschichten fixiert, trägt das Werk später den Titel „Eine Seite der Geschichte“. Doch bevor er schreibt, ist er auf der Flucht, denn das Schicksal hat ihn in den Besitz der Trompete gebracht und das Instrument weckt Begehrlichkeiten und Kenji wird bedroht und weltweit verfolgt. Alles, was er am Ende nur noch möchte, ist den Wunsch von Anh zu erfüllen. Die „Eine Seite der Geschichte“ beginnt in der damaligen Zeit der Verfolgung der Christen und des Schreckens der Atombombe.

Der Roman „Die Flucht“ ist ein ganz besonderer. Nach „Der Revolver“, „Der Dieb“ und „Die Maske“, die alle bereits Leseschätze sind, ist der aktuelle Roman, das umfangreichste Werk des Autoren, das aus dem Japanischen von Luise Steggewentz übersetzt wurde. Fuminori Nakamura wird in Japan als junger und erfolgreicher Autor gefeiert und gilt als Meister des Düsteren. Seine Romane sind eindringlich, verstörend und sehr spannend. Sehr verstrickt, unheimlich und voller Geschichten, die besonders im zweiten Teil des Romans ins Historische wandern und somit Geschichte lebendig werden lässt. Kann es eine gerechte Welt geben oder sind wir lediglich unserem individuell geprägten „Gerechte Welt“-Wunsch hörig? Ein großer japanischer Roman, der eine Bereicherung ist.

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Leo Vardiashvili: „Vor einem großen Walde“

Dieser Roman ist der Beweis, warum Literatur uns mehr ergreift, als es jede mediale Nachricht oder ein sachlicher Bericht vermag. Ein Buch, das uns abtauchen lässt und Grenzen überschreitet. Die der Länder, der Geschichten und die der Wirklichkeiten. Trotz des dramatischen Abenteuers ist es auch ein sehr humorvoller Text und ist dadurch ein Lesevergnügen.

Am Anfang steht die Frage nach der Mutter, die Kinder vermissen diese. Diese Frage bleibt bestehen und die Vermissten mehren sich im Handlungsverlauf. In den Wirren des Bürgerkrieges fliehen sie aus Georgien, nur die Mutter bleibt zurück. Sie immigrieren nach England und später macht sich der Vater auf, als sie genug Geld haben, um seine Frau zu suchen. Doch auch der Vater verschwindet und der ältere Bruder von Saba, der dem Vater nachgereist ist, ebenfalls. Nun liegt es an Saba die Suche fortzuführen und er bricht auf in ein ihm fremdes Land. Tbilissi ist überfüllt mit Geschichten und sich anhäufenden Erinnerungen und er beginnt, allen Hinweisen zu folgen. Hinweisen seines Bruders, der ihn aber auch eine ernste Warnung gegeben hat. Die Reise wird abenteuerlich und märchenhaft und endet in einem großen Wald, der zwischen den Grenzen liegt.

Der Roman fesselt sofort und erzeugt sehr lebendige Bilder. Eine menschliche Odyssee im Gestrüpp der gegenwärtigen Zeitgeschichte. Ein Irrweg voller Ironie und Schicksale. Es ist die Menschlichkeit, die sich hier in der politischen und gesellschaftlichen Maschinerie verheddert. Dabei trifft Humor auf Drama und das anfängliche Lächeln verklingt gegenüber dem machtlos machenden Weltblick. Ein Roman, der zuweilen an die Werke von Hosseini erinnert. Gleich am Anfang, mit der Landung in Georgien, breitet sich eine Bedrohung und Beklemmung aus, die sich kontinuierlich steigert. Ein kraftvoller Text, der beim Lesen sehr viel Emotion und Empathie erweckt. Übersetz von Wibke Kuhn.

Ich durfte vor Drucklegung das Manuskript lesen und werde bereits aus obigem Text in den Verlagsvorschauen und Presseexemplaren zitiert.

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Rainer Moritz: „Vielleicht die letzte Liebe“

Dieses Buch lebt, auch wenn man es als Friedhofsroman bezeichnen könnte. Der Friedhof Père-Lachaise als letzte und kultumrankte Ruhestätte, die unzählige Geschichten in allen Facetten beherbergt. Ein Roman, aus dem das Leben sprießt und der enorm viel Liebe entfacht. Liebe zu Menschen, zu ihren Geschichten, zu den Kulturen und der französischen Leichtigkeit.

Prof. Dr. Rainer Moritz war Fußballschiedsrichter, später nach seiner Promotion arbeitete er als Cheflektor und als Programmgeschäftsführer bei unterschiedlichen Verlagen. Seit 2005 leitet er das Hamburger Literaturhaus. Er tritt als Literaturkritiker in Erscheinung, ist Übersetzer und Radiomoderator. Damit nicht genug, schreibt er auch noch Bücher. In seinen Romanen sind stets seine Leidenschaften integriert, seine Liebe zu Frankreich, die gute Küche, Literatur und das Interesse an guten Geschichten. 

Für Bernard Vautrot war die Welt früher noch überschaubarer gewesen. Auch weniger bedrohlich und er zieht sich aus dem Leben zurück. Die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und die folgenden Ereignisse haben seine Weltsicht verändert. Er hat ein Weingeschäft in Paris betrieben, das er nun verkauft und als Untermieter bei seiner Schwester einzieht. Die Schwester, die selten da ist, wohnt direkt am Friedhof Père-Lachaise. Dies kommt Bernard zurecht, denn nun wandert er jeden Tag durch die Parkanlage. Seine Frau ist vor kurzem verstorben und zu seinem Sohn hat er kaum Kontakt und der, wenn sie sich treffen, sehr kurz angebunden ist. Auch offenbart ihm dieser, dass er nach Kanada auswandern wird. Somit ist Bernard allein, kommt aber mit seiner Lebenssituation bestens zurecht. Er streift durch den Park und beobachtet die Trauernden, die Touristen und macht sich seine Notizen, wenn er auf Gräber von wohl bedeutenden Menschen trifft, er aber keine Kenntnisse von deren Leben oder Wirken hat. Diesen Geschichten geht er begierig nach. Ihn interessieren die berühmten Grabstätten von Jim Morrison, Oscar Wilde oder Édith Piaf weniger. Sein Müßiggang wird durch Aurélie unterbrochen. Sie fällt buchstäblich in seine Rundgänge und Leben. Sie ist eine lebensfrohe Fotografin und möchte durch ihre Fotokunst ein ungewöhnliches Porträt des Friedhofes erstellen. Für beide wird die Begegnung eine Veränderung sein. Ein Zusammentreffen an einem Ort, wo eigentlich das Leben endet, lässt neues Leben und Liebe beginnen. 

„Vielleicht die letzte Liebe“ ist wohl der bisher beste Roman von Rainer Moritz. Er verbirgt in seiner Kurzweiligkeit eine Fülle an Geschichten, Anekdoten, Wissen und Empathie. Père-Lachaise als Ort der abgelegten Dramen, Kulte und Erlebnisse. Wir erfahren durch das literarische Wandern durch den Ort, zum Beispiel sehr viel über Senf, Kartoffelanbau, Homöopathie, Literatur, Philosophie und Geschichte. Nichts wirkt dabei gewollt oder belehrend, sondern alles webt sich in die wunderschöne Handlung ein. Rainer Moritz hat ein enormes Allgemeinwissen und versteht es, dies mit einer charmanten Weise einzupflanzen, das alles unser Interesse mitanregt.

Ein lebensfrohes Buch, das voller Leben ist und uns miteinbezieht. Alles, was Rainer Moritz ausmacht, ist hier verewigt: Humor, Wissen und gute Unterhaltung. 

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Zara Zerbe: „Phytopia Plus“

In diesem Roman verknüpft sich die moderne Technologie mit der Natur. Hier wird das Digitale mit der Pflanzenwelt kompatibel gemacht und greift somit durch das menschliche Bewusstsein in die Fauna ein. Ferner begibt sich der Roman in eine zukünftige Möglichkeit, die durch die Phantasie und den Sprachklang eine Realität erschafft, die uns gegenwärtige Fragen stellt. Sozial- und Gesellschaftskritisches durchwächst die ganze Handlung. Mit Wissen, Humor und Tiefgang reflektiert Zara Zerbe die Themen unserer Zeit und wirft sie in nicht allzu weite Ferne. In knappen Szenen und Sätzen entwirft Zerbe eine Welt, die unsere Gegenwart in eine Verlängerung stellt. Die Umwelt und das Gesellschaftliche haben sich verändert. Wenn das Leben und das Sterben zu teuer werden, wie soll das Überleben bezahlt werden? Zumindest wurde in Zerbes Vision der Fortbestand des Bewusstseins gesichert. Sofern es finanzierbar ist.  Es wird Zeit für eine persönliche Umpflanzung.

Der Kapitalismus beherrscht das Leben in den Siedlungen und das Überleben sieht in den 2040er Jahren nicht sehr positiv aus. Die Wirtschaft und die Klimakrise bestimmen die Wahrnehmung des Alltags. Aylin liebt Pflanzen und arbeitet als Aushilfsgärtnerin der Hamburger Droste AG. Doch werden in den Gewächshäusern keine gewöhnlichen Pflanzen gehegt und gepflegt. Der Biotech-Konzern hat ein Verfahren entwickelt, das das Bewusstsein digitalisiert und in Pflanzen speichert. Doch ist dieses Verfahren lediglich den Besserverdienenden vorbehalten. Das neue Pflanzenbewusstsein erklingt ebenfalls in kurzen Sequenzen und erfreut sich am Dasein, bangt vor Insekten oder ist verwundert durch Beschnitt.  Aylin lebt unter ärmeren Bedingungen und kann lediglich davon träumen das Bewusstsein ihres Großvaters in einer Pflanzen-DNA speichern zu lassen. Gerne arbeitet sie in den Gewächshäusern für sich und dabei fällt ihr ein auffälliges Wachstum eines ihrer Schützlinge auf. Eine Speicherpflanze wächst schnell und weist ungewöhnliche Muster auf. Beim angeordneten Umtopfen kann Aylin sich einen Ableger organisieren und aus dem Firmenkomplex schmuggeln. Sie betreibt einen Tauschhandel, Pflanzen gegen Lebensmittel, beziehungsweise beginnt auf dem Schwarzmarkt Profit aus ihren Setzlingen zu schlagen.

Der Roman spielt mit Welten, die uns fern und doch sehr nah sind. Hier trifft Botanik auf Informatik und Bewusstseinserhalt auf den alltäglichen Lebenskampf. Mit Leichtigkeit und dem dazugehörigen Fachwissen spielt der Roman mit der Vielschichtigkeit der Realität und der phantastischen Science-Fiction. Das Werk erinnert an „Koryphäen“ von Gudrun Büchler. In dem Roman von Büchler endet der Mensch nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Dabei entsteht ein Netzwerk aus grenzenlosem Bewusstsein und eines der Zentren ist ein Gummibaum. In Büchlers Werk verlieren sich die Bewusstseinskonturen, die Zerbe mit ihrem Werk geerdeter einpflanzt.

Dies ist ein Debütroman einer Autorin, die in der literarischen Welt keine Unbekannte ist. Zara Zerbe lebt als Schriftstellerin und Netzkünstlerin in Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Magazins für Literatur „Der Schnipsel“ und veranstaltet die Lesebühne FederKiel. Ihre Erzählung „Limbus“ wurde mit dem Preis „Neue Prosa Schleswig-Holstein“ 2018 / 2019 ausgezeichnet. „Phytopia Plus“ ist ein herrlicher Aufruf, der durch die literarische Dichte, die Kreativität und die Stilvermischung zu begeistern versteht.

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Percival Everett: „James“

Mit „James“ von Percival Everett erhält die amerikanische Literaturgeschichte und Geschichte eine großartige Perspektive hinzu. Die Abenteuer des Huckleberry Finn von Mark Twain sind seit 1884 aus der Weltliteratur nicht wegzudenken und Wegbereiter der kulturellen und individuellen Entwicklung. Huck Finn und Tom Sawyer prägen unser Bild der damaligen Zeit und waren die Schlüsselfiguren der moderneren amerikanischen Literatur. Twain erschuf durch ihre Perspektive eine detailreiche Beschreibung des Lebens am Ufer des Mississippi und verwebte neben den Lausbubengeschichten bissige Beobachtungen und Einblicke in die damaligen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten. Es waren Abenteuer voller Leben und Freiheitsdrang. Das Abenteuer von Huckleberry Finn ging sogar noch weiter, als es die vorangestellten mit Tom Sawyer beschrieben. Denn durch den Charakter von Jim wurden der Rassismus und die Sklaverei miteinbezogen.

Percival Everett adaptiert nun diese Abenteuer und erzählt aus der Perspektive vom Jim. Dabei wird durch den Namen, der nicht in der verkürzten Form auftaucht, sondern als Ganzes mit James ausgesprochen wird, die Gewichtung des Werkes verdeutlicht. Denn hier sind die Hauptfiguren der Twain-Welt Kinder. Weiße Kinder, die in einer Umwelt aufwachsen, die herablassend, brutal und besitzergreifend gegenüber den Schwarzen ist. Für Tom und Huck ist James ein typischer Sklave, der ihnen unterlegen ist. Dies ist aus ihrer Sicht nicht böswillig, aber für ihre anfängliche Weltsicht prägend. Doch ist James gebildet und belesen. Er unterrichtet seine Kinder die richtigen Verhaltensweise und in einer besonderen Sprache, die sie alle anwenden, wenn die weißen Herrschaften anwesend sind. Sie gaukeln durch vereinfachtes Vokabular und imitierten Slang eine nicht provozierende Unwissenheit vor. Denn die vermeintlich gebildeten Weißen sind handzahmer, wenn sie sich überlegen fühlen können. Mit diesem Kunstgriff wird das ganze Herrschaftssystem lächerlich gemacht und die Sklaven haben durch ihre Sprache ein Freiheitsgefühl und entziehen sich in kleinen Schritten der Opferhaltung. Das Abenteuer folgt den Twain-Geschichten, doch vieles ist ganz anders. James soll nach New Orleans verkauft werden und er verlässt seine Familie und begibt sich auf die Flucht. Dabei trifft er auf Huck, der seinen Tod vorgetäuscht hat, um seinem prügelnden Vater zu entkommen und somit auch James in weitere Gefahr bringt. Beide fliehen zusammen auf dem Floß über den Mississippi. Zwischendurch trennen sich auch mal ihre Wege und James scheint vorerst darüber nicht ganz böse zu sein. Doch wachsen beide immer mehr zusammen und müssen diverse Abenteuer bestehen. Ein Roman voller spannender Wendungen, der stets kritisch, humorvoll und aus der damaligen Zeit unsere Gegenwart einholt.

Der Roman lebt von der Perspektive und den Sprachklängen. Eine begeisternde Rückkehr in die Welten von Twain in einem ganz anderen Gewand. Es ist ein Ruf nach Freiheit durch die damalige Geschichte und der klassischen amerikanischen Literatur, die hierbei eine neue und bleibende Facette erhält. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.

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