Jaroslav Rudiš: „Trieste Centrale“

Ein kleines Buch mit enormer Wirkung. Ein kurzweiliger, schöner und melancholischer Text voller Lebenskraft. Das Buch lebt neben der Wortkunst von den Illustrationen von Halina Kirschner.

Nach „Weihnachten in Prag“, ebenfalls eine Miniatur und ein Leseschatz, reisen wir mit den Figuren nach Triest. Natürlich ist es eine Reise mit der Bahn, wie könnte es bei Jaroslav Rudiš auch anders sein? Es ist eine Reise in Erinnerungen. Ein Erinnern für die Charaktere und eine Wiederkehr innerhalb der Literatur, denn es spielt in Winterbergs Welt. Diese kurze Geschichte ist ein Nebengleis des großen Romans „Winterbergs letzte Reise“. Doch ist keine Vorkenntnis nötig, um dieses kunstvolle Kurzwerk gänzlich verstehen und genießen zu können. Doch lädt das Büchlein dazu ein, sich spätestens jetzt in diese Romanwelt zu vertiefen.

Herr Winterberg sitzt mit Herrn Kraus im „Heidelberger Krug“ in Berlin. Vor ihnen stehen die frisch gezapften Biere und ein antiquierter Baedeker, der Herrn Winterbergs Wissen über Historisches und Touristisches untermauert. Das schöne Wetter draußen stimmt Herrn Winterberg traurig. Es war seine Frau, die sonniges Wetter bevorzugte. Er liebt es regnerisch, denn dann hat er bei seinen Erkundungen die Wege meist für sich. Das Ausblenden des Schönen erklärt sich auch in Folge seiner Erzählung, denn seine Frau war schwer krank, als er ihr eine Freude bereiten wollte und dies ist der Kern seiner Erzählung, die er mit feinen Ausschweifungen schmückt.

Der eiserne Vorhang beherrscht noch die Landschaften Europas und er reist mit seiner Frau mit dem Zug in den sonnigen Süden. Die Reise geht über die Alpen, von Berlin über München, Innsbruck, Verona nach Triest. Dabei wird Herrn Winterberg, als Bahnfahrer, auch die historische Bedeutung der Alpenüberquerung auf den Gleisen bewusst. Die Bahnhöfe, hier besonders „Trieste Centrale“ sind Orte der Ankunft und der Abfahrt. Diese zentralen Gebäude sind Sammelpunkte diverser Geschichten. Die Eisenbahn als Verbindungsgleis, die alles überwindet, die Alpen, die Ländergrenzen, nur nicht den Tod.

Alles was Herr Winterberg erzählt ist spannend, schön und wie er selbst zu sagen pflegt: „Traurig, traurig …“ Triest mit seiner Schönheit kann erahnt werden. Herr Winterberg ist besorgt, dass sein Zuhörer, Herr Kraus, zuweilen nicht bei der Sache ist und ruft ihn aus seinen Gedanken. Auch vermischen sich Wahrnehmungen. Denn im Barmann im „Heidelberger Krug“ in Berlin, meint er Pola zu erkennen, der das beste Bier zapfte, doch ist dieser auch bereits schon verstorben, wie Herr Kraus öfters zum Besten gibt.

Eine Begegnung, eine Reise und eine Erzählung, die wunderschön nachdenklich stimmt und sehr berührt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Isabelle Autissier: „Acqua alta“

Im neuen Roman von Isabelle Autissier sind es erneut die Lebensbedingungen, die eindringlich beschrieben werden. Nach den lesenswerten Werken „Herz auf Eis“ und „Klara vergessen“ lässt sie wieder das Meer aufleben. In „Acqua Alta“ wirft sie einen Blick in eine mögliche Zukunft und lässt Venedig versinken. Der Titel bezieht sich auf das jährliche winterliche Hochwasser in Venedig. Doch ist es im Roman ein gigantisches Hochwasser und der vermeintliche Schutz hilft nicht mehr. Die Handlung spielt 2021 und ist dennoch zukunftsweisend. Die Schutzmaßnahmen und die Politik versagen und das Festhalten am Tourismus, besonders an der Kreuzfahrttouristik beschleunigt hier das Unvermeidliche.

Die Autorin, die selbst die Weltmeere besegelte, macht stets die extremen Lebenssituationen zu ihren Themen. Neben ihren Romanen sorgte sie 1991 für Furore, als sie als erste Frau allein im Rahmen einer Regatta die Welt umsegelte. Ihre Weltsicht und das Abenteuerliche sind stets ein Teil ihrer Werke. Spannend erzählt Autissier über unsere Gier, Blindheit und Stagnation, ohne dabei zu sehr moralisierend zu werden. Vergleicht man dieses Werk mit den vorherigen, so fällt auf, dass die ersten Romane aus ihr erwachsen sind und sprachlich und inhaltlich in ihr reiften. Das neue Werk liest sich ebenfalls großartig, ist aber mehr dem Herzenswunsch entsprungen, auf unser Verhalten hinzuweisen.

Guido kommt aus einer Familie, die von der Landwirtschaft lebt. Er ist ein handelnder Mensch und kann dann in der Politik Karriere machen. Er möchte Erfolg und Macht erlangen und wird zum wichtigen Wirtschaftsrat Venedigs berufen. Wie es Katrin Seddig in ihrem Roman „Sicherheitszone“ machte, wirft nun Isabelle Autissier eine Familie in die kommenden Ereignisse. Bei Autissier sind es auch Familienmitglieder, die unterschiedliche Sichtweisen präsentieren. Guido lernt Maria Alba kennen, die aus dem venezianischen Adel stammt und weiterhin in der Pracht des ehemaligen Venedigs schwelgt. Die kommende Generation wird repräsentiert von Léa, der Tochter. Léa möchte auf die Veränderungen hinweisen und will die Stadt retten, auch wenn sie sich damit gegen ihren Vater stellen müsste.

Es wird vor dem kommenden Hochwasser gewarnt. Doch Guido vertraut auf die Warn- und Sicherheitsmechanismen. Er denkt stets an den wichtigen Tourismus und macht sogar noch Witze, dass die Gäste dann alle halt in Gummistiefeln ihre Selfies machen können. Doch Venedig wird überschwemmt und die Pfähle und das Mauerwerk können den Gewässern nicht mehr standhalten. Guido wird Zeuge, wie seine Frau in die Fluten gerissen wird. In Folge fährt er als einer der wenigen Überlebenden durch die Ruinen und Kanäle auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter.

Ein spannender Roman, der uns das Wasser bis zum Hals steigen lässt. Das Szenario wird sehr bildreich eingefangen und der Weg in die Katastrophe glaubhaft beschrieben. Doch lebt der Roman von der Authentizität der Figuren, die uns im Kleinen alle repräsentieren. Der Roman wurde von Kirsten Gleinig aus dem Französischen übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Daniel Mason: „Oben in den Wäldern“

Die Idee ist nicht neu, denn ein Objekt in den Mittelpunkt des Handlungsverlaufs zu stellen gab es schon öfters. Doch die Umsetzung überzeugt in dem Roman „Oben in den Wäldern“. Ein Haus ist Lebensmittelpunkt, Rückzugsort und Heimat. Der Wohnraum ist eines der wichtigsten Fundamente im Leben. Die meisten Gebäude haben eine ältere Geschichte als die Bewohner. Was sind das für Erlebnisse, für Schicksale und wer lebt vor einem in denselben Räumen und nannte es ebenfalls Zuhause? Dies ist die Ausgangssituation für den umfangreichen Roman. Daniel Masson lässt uns teilhaben an Entwicklungen, Veränderungen und blickt dabei in menschliche Abgründe und verweist auf die Vergänglichkeit. Was bleibt am Ende von uns, unseren Leben und Geschichten übrig?

Das Auffällige am Roman ist die verspielte und vorgespielte Authentizität. Es sind zuweilen Briefe, Dokumente und persönliche Berichte. Jede Perspektive bekommt auch ihren individuellen Sprachklang. Um das Zeitgefühl zu erleben, wurden die Begrifflichkeiten und der Sprachgebrauch der jeweiligen Epoche übernommen. Die Handlung kreist um ein Haus in den Wäldern von Massachusetts und reist durch die Zeitgeschichte. Somit ist das damalige Menschenverständnis ein anderes und würde es sprachlich dem gegenwärtigen angepasst werden, würde es den Charakterisierungen der Figuren und der jeweiligen Epochen nicht gerecht werden. Der Roman möchte auf den Wandel aufmerksam machen. Wobei die Zeiten oft nur zu erahnen und doch sehr deutlich ausgearbeitet wurden.

Es beginnt mit einer Flucht aus Liebe. Ein junges Paar flieht aus seiner Kolonie und nach einer langen Wanderung, werden sie in den Wäldern von Massachusetts sesshaft. Eine Frau, deren Dorf von Native Americans überfallen wird, wird verschleppt, wohl um Lösegelder von den weißen Siedlern zu erpressen. Sie wird zu der erstgenannten Frau gebracht, die ihren Mann bereits verloren hatte und mit einem Urbewohner zusammenlebt und die Hütte in den Wäldern bewohnt. Das Religiöse und die Andersartigkeit schüren die Ängste, Beklemmungen und das Misstrauen beiderseits. Das Haus wird in Folge viele Kämpfe erleben. Den Siebenjährigen Krieg und den beständigen Kampf gegen die ursprünglichen Bewohner dieser Regionen. Der Wandel kommt mit den Äpfeln. Eine Bestattung zeigt den Weg des Natürlichen, denn aus einem Begräbnis erwächst in der Natur neues Leben und ein englischer Soldat hat ein Zukunftsbild und beginnt oben in den Wäldern einen wunderbar schmeckenden Apfel zu züchten und anzubauen. Seine Töchter werden lange von der Plantage leben können. So wandert die Handlung durch die amerikanische Geschichte. Die Plantage wird wiederentdeckt und es folgen noch weitere Episoden mit menschlichen und tierischen Begegnungen.

Alles ist vereint durch die Fixierung der Örtlichkeit im Wandel der Zeit. Der Roman erinnert in den anfänglichen Kapiteln an den epischen Roman „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer. Der Aufbau des Romans lässt den Vergleich zu dem kolossalen Werk „Das grüne Akkordeon“ von Annie Proulx immer wieder aufblitzen. „Oben in den Wäldern“ überfliegt die Epochen und deren Menschen. Dabei verändern sich die Stimmungen, die Sprache und die Inhalte. Doch ist es stets der Drang, etwas Bleibendes zu hinterlassen. Dies ist zumindest dem Autor mit diesem Epos gelungen. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Cornelius Hartz.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Die Werkausgabe von James Tiptree Jr.

Ein Gesamtwerk, das süchtig macht. Wenn man sich auf dieses Leseabenteuer einlässt, ist es ein längerer Vorgang, der aber enorm viel Spaß macht und sich mehrfach lohnt und auszeichnet. Es ist die Frau, die hinter den Werken steht, die begeistert. Als James Tiptree Jr. Ende der 60er-Jahre seine ersten Geschichten veröffentlichte, waren die Literaturwelt und besonders die Leser von Science-Fiction-Geschichten begeistert. Nur ein Mann könne sich so in die Materie einarbeiten und so frech und frei schreiben. Besonders der männliche Blick auf die Frau und das sexuelle Verständnis bestätigte das Maskuline. Als dann das Gerücht aufkam, es könne eine Frau sein, die schreibt, wurde „er“ von Weggefährten verteidigt. James Tiptree Jr. ist das Pseudonym von Alice B. Sheldon, die mehrere Namen annahm, um sich von ihrer eigenen Rolle zu befreien. Natürlich auch, um sich in einem männerdominierten Genre behaupten zu können, denn was wisse ein Frau von technologischer Entwicklung? Natürlich nahm sie auch das Pseudonym an, damit sie eine bessere Chance hatte, verlegt zu werden. Tiptrees Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu Spekulationen, es glaubten alle, sie sei ein Mann und die spätere Aufdeckung war ein Ereignis.

Alice Bradley Sheldon (* 24. August 1915 in Chicago, Illinois; † 19. Mai 1987 in McLean, Virginia, USA) veröffentlichte mit 51 Jahren ihre ersten Erzählungen, die hart, frech und ungewöhnlich waren. Sie selbst hatte ein außergewöhnliches Leben. Sie wächst in einer vermögenden Familie in Chicago auf und verbringt Teile ihrer Kindheit in Afrika. Ihre Mutter ist als Schriftstellerin angesehen und vermittelt ihrer Tochter wohl das Kreative. Denn Alice Bradley Sheldon wird Malerin und Kunstkritikerin. Im Zweiten Weltkrieg tritt sie in die US-Armee ein und arbeitet für die CIA. Später promoviert sie in Psychologie und beginnt zu schreiben. Die amerikanische Journalistin Julie Phillips hat die  Biografie über sie geschrieben, die Teil der Gesamtausgabe ist und unglaublich faszinierend und spannend zu lesen ist.

Das Werk von Alice Bradley Sheldon aka James Tiptree Jr. ist meist der Science-Fiction-Literatur entsprungen. Ihre Texte sind aber von einer Andersartigkeit, Dichte und voller Humor, dass sie über das Genre hinaus verstanden werden können. Auch Kafka schrieb fantastische, skurrile Texte und wird als Klassiker gesehen. Tiptree sollte mit ihren Texten auch so verstanden werden. Denn das Zukünftige und Ferne der SF-Literatur bietet einfach mehr Spielraum und kann das Tatsächliche einfach noch mehr verzerren und überspitzt wiedergeben. Der Humor ist ein trockener und zuweilen schwarzer, denn oft enden die Geschichten tödlich. Bei humorvollen Zukunftsgesängen denkt man an Douglas Adams, der genauso viel Spaß macht, aber dann doch neben Tiptree nicht bestehen bleiben kann, denn sie blödelt nicht nur einfach, sondern vertieft ihr Können in Psychologie, Politik und Literatur. Ihr Debüt war die Geschichte eines Mannes, der im Auftrag der Erde selbst, sich opfert, um die Erde von der Menschenplage zu befreien. Ihre Betrachtungen sind urkomisch, weil sie uns einen Spiegel vorhalten. Sei es in einer Raumfahrtbehörde, wo die pure Bürokratie die Handelsrouten lähmt. Ein Planet, der von uns Terranern als Rennbahnen-Planet an Renntiere der gesamten Galaxie vermietet oder jene Geschichte, die ihren Ruhm ausmachte „Houston Houston bitte kommen!“, in der ein irdisches Raumschiff mit ausschließlich männlicher Besatzung in der Zukunft kurz vor der Erde feststellt, dass sich auf der Erde nur noch Frauen befinden. Sie spielt mit Feminismus in der Rolle als Mann und schreibt Phantastisches, zuweilen auch Abenteuerliches, wie „Quitana Roo“ und spielt mit Wissen und Philosophie. Gleich ihre ersten Geschichten erzeugen eine Faszination. Geschichten, die weit über die Zeit strahlen und eine Gültigkeit haben. Auch ihre Figuren bekommen dies zu spüren, denn eine außerirdische Bestrafung kann eine individuelle Verschiebung der Zeit bedeuten.

Sämtliche Erzählungen sind in sieben Bänden erschienen und sind chronologisch geordnet. Ferner beinhaltet das Gesamtwerk die oben genannte Biografie und zwei Romane. Einen Zusatz gibt es noch in dem Buch „Wie man die Unendlichkeit in den Griff bekommt“. Hier befinden sich, neben ihrer Lyrik, Essays und Briefe. Zum Beispiel der Briefwechsel zwischen James Tiptree Jr. und Ursula K. Le Guin.

Ihre Werke, Texte und Ansichten verändern die eigene Sicht und machen nebenbei unglaublich viel Spaß. An die Schulen gerichtet: Tiptree versuchen, es gibt viel zu besprechen, zu erleben und zu lachen. An alle Lesenden sei der Aufruf gestattet: los, Tiptree lesen!

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“

Es gibt Werke, die über den Verstand aufgenommen, dann aber über den Verstand hinaus erfasst werden. „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ trägt autobiografische Wahrnehmungen der Autorin und wirkt aus der Zeit gefallen. Alles wird aus der kindlichen Perspektive erzählt und wirkt dadurch zuweilen märchenhaft. Das Sagenhafte trifft durch Kindesaugen auf Realität. Dies verdeutlicht sofort der Anfang. Die Stadt, in der die Handlung angesiedelt ist, kann geografisch und historisch eingeordnet werden und doch wirkt sie durch die Erzählerin in der Zeitwahrnehmung herausgenommen und wie ein geometrisches Werk erbaut.  

Leena ist ein Schulkind und lebt bei ihrer Großmutter. Die Mutter verstarb kurz nach ihrer Geburt und der Vater, ein Trunkenbold, sagt man, verschwand und gründete eine neue Familie. Leena ist verträumt und sieht die Welt mit besonderen Augen. In ihr ist eine Traurigkeit, die sich durch das Unverständnis und die Einsamkeit erklärt. Die Großmutter kann sich ihr nicht öffnen, gibt wenig Liebe und erzieht das Mädchen streng religiös. In der Schule wird sie oft von der Lehrerin drangsaliert und gibt Leena auch eines Tages einen Brief mit der Aufforderung, die Erziehungsberechtigten mögen Kontakt mit der Lehrerin herstellen, da Leena aus deren Sicht starrsinnig und faul sei. Leena liest den Brief und ihr Schmerz vergrößert sich. Sie sucht, wie immer, Zuflucht in der Natur. Besonders das Wasser zieht sie stets magisch an. Das fließende Element ist ein Sprudel an Klärung und Musik für sie. Sie lässt den Brief wie einen Vogel los und danach passiert es, sie fällt und wacht später wieder auf und meint, im Himmel zu sein. Doch ist es ein Mediziner und sie habe wohl die Fallsucht. Durch die Erkrankung bleibt sie einige Tage der Schule fern und dadurch lenkt sie erneut durch das unentschuldigte Fehlen die Aufmerksamkeit der Lehrerin auf sich.

In Leenas Welt trennt sich die Wahrnehmung von Realität. Als Leena später durch die Stadt geht, wird eine Straße zu einer Himmelsbrücke und der Weg führt sie zu einer katholischen Kirche. Hier hört sie zum ersten Mal die Musik von Bach und sie ist sehr berührt. Die darauffolgenden Gespräche mit der Nonne und dem älteren blinden Mann, der die Orgel gespielt hatte, sind der Wendepunkt.

Kindheitserinnerungen und Wahrnehmungen sind der Antrieb für diesen Roman. Die kindliche Perspektive wirkt auf den Lesenden ein und erzeugt emotionsvolle Bilder und Gedanken. Der Roman berührt durch seine feinfühlige, märchenhafte und poetische Sprache. Die Handlung und der Sprachklang erzeugen eine Stimmung die wunderschön traurig ist. Der Roman wurde aus dem Finnischen von Maximilian Murmann übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Chrizzi Heinen: „Tropicalia Passagen“

Der Kulturbetrieb kann zuweilen wie ein großes Einkaufzentrum wirken, besonders wenn es Verlage gibt, die sogar imaginäre Literatur verlegen. Die „Tropicalia Passagen“ werden im Roman über Nacht in einen ganzen Literaturbetrieb umgewandelt und in diesem Verwandlungsprozess beobachten wir drei Menschen, die in den Strudel der Ereignisse hineingerissen werden. Die Reise in diesen außergewöhnlichen Kulturbetrieb ist eine humorvolle, ungewöhnliche und wird untermalt mit vielen Sound- und Sprachbildern.

Die irre, aber auch sehr innige Schau in die Welt der Figuren beginnt mit einem Umzug. Mila hat einen Schlussstrich gezogen. Sie war verantwortlich für die Klangkompositionen, mit denen die Besucher und Mitarbeiter des Einkaufzentrums „Tropicalia Passagen“ beschallt wurden. Sie kreierte Musik, um den Konsum, den Wohlfühlmoment und die Motivation klanglich zu verstärken. Ganz gezielt setzte sie ihre Musik ein und wurde zum Star des After-Work-Clubs. Nun hat sie gekündigt und ist umgezogen. Ihre Lebensveränderung spüren die Mitarbeiter der Passagen. Die Shops sind bereits dem Wandel verfallen und durch das Wegbleiben von Vitamin-M aka Mila entsteht eine Unzufriedenheit mit dem Centermanagement. Paul ist das Opfer der Modernisierungen. Er ist Einlagenhersteller und kennt alle Füße seiner Kunden. Er hat eine besondere Art, die Einlagen zu bemessen und benötigt dazu Bücher. Literatur ist für ihn somit nur ein Handwerksutensil. Doch ist sein Können durch die Industrie nicht mehr gefragt. Dennoch hat er sein Ladengeschäft in den Passagen noch, das fortan mehr als Postabholstation genutzt wird. Mila, die erfolgreich einen kleinen Handel mit Mimosen-Setzlingen gegründet hat, ist weiterhin auf der Suche nach künstlerischer Betätigung und Freiheit. Sie erschafft Puppen, drei Repliken als Stoffpüppchen, die sie willkürlich in die Nachbarschaft versendet. Somit schließt sich der Kreis zu Paul, der nichtzugestellte Sendungen in seinem Shop einlagert. Ein Literaturagent, der sich auf posthume Literatur spezialisiert hat, erhält ebenfalls eine der Puppen. Es ist Wagner, der im Büro ungern gesehen wird, da er durch sein Spezialgebiet wenig Umgang mit lebenden Menschen hat.

Die Passagen wurden durch die Unzufriedenheit von den Angestellten bestreikt und sogar stark beschädigt. Über Nacht hat das Centermanagement die Passagen in einen Literaturbetrieb umgewandelt. Somit vereinen sich nun die Handlungsstränge und die Puppen erhalten ein Eigenleben. Mila, die auch neuerdings in der Pflege tätig ist, findet eine ihrer versehentlich im Heim gelandeten Puppen. Durch die Print-On-Demand-Buchhandlung und den darunter liegenden Verlag wird auch die Geschichte von Vitamin-M als Buch angedacht.

Ein abgearbeitetes Shoppingcenter als Mittelpunkt einer Verwandlung und als Kulisse für unsere Gesellschaft und unseren Wunsch nach künstlerischer Selbstfindung. Nebenbei zieht der alltägliche Wahnsinn in das Leben und alles verwandelt sich. Puppen, die menschlich sind und Einkaufspassagen, die ein kulturelles Zentrum werden. Ein witziger, aber auch ein überspitzter sowie präziser Blick auf die Kulturindustrie.

Ein Roman, der einen ganz besonderen Sound hat und damit auch inhaltlich, sowie sprachlich spielt. In diesen Passagen kehren Buchmenschen gerne ein und können sich verwirren, verzaubern und bespaßen lassen. Literatur und Musik werden hier ein Ort zum Verweilen.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jens Rassmus: „Regentag“

Ein ganz besonderes Bilderbuch ohne Text von dem Kieler Autor Jens Rassmus. Das Buch benötigt keine Worte, um die ganze Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Fantasie.

Bücher sind Portale in diese, in andere und in ganz fremde Welten. Wie ein solcher Ausflug ohne Reise geschehen kann, zeigt das Buch ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Zwei Stadtkinder, ein Junge und ein Mädchen, schauen aus dem Fenster. Es ist ein typischer, grauer Regentag. Um nicht nass zu werden, bleiben sie drinnen. Am Anfang wissen sie nichts mit sich anzufangen, doch dann ergibt eine kleine Geste ein fantastisches Bild und Gebirge, die erklommen werden wollen, entstehen, Bäume werden zu einem Dschungel und die Kinder werden in ihren Phantasien ganz groß und können sich sogar selbst verwandeln. Mit wenigen Hilfsmitteln erleben sie alles, was sie sich vorstellen können und durchleben einen Regentag voller bunter Wunder. Bis letztendlich die Sonne sie nach draußen lockt und die farbenfrohe Phantasien-Welt sich am realen Horizont andeutet und den grauen Alltag verbannt. 

Die Zauberformel für alles in dieser Welt lautet: „Stell dir vor …“.  Bücher sind Wegbereiter für unsere Vorstellungskraft und schulen unsere Fantasie. Das Finden der Kreativität, der Gemeinsamkeit sprich Empathie sind bei solchen Büchern keine Nebenwirkung, sondern sind die Hauptursache, warum Bücher immer wieder begeistern.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Peter Flamm: „Ich?“

Peter Flamm, bürgerlich Erich Mosse, wurde 1891 in Berlin geboren. 1962 war sein psychologischer Debütroman eine Sensation und die Begeisterung gilt auch heute für die Wiederentdeckung. Sebastian Guggolz, der neben seinem eigenen Verlag auch für den Fischer Verlag nach Perlen der Literatur sucht, hat diesen Leseschatz gehoben.

„Ich?“ ist ein Spiel mit der Persönlichkeit. Denn was ist das Ich? Die Persönlichkeit und das Menschliche werden durch Kriege zerstört. Dies gilt für die Menschen, die den Kampf erleben und für jene, die auf die Rückkehr warten. Auch wenn der Krieg vorbei ist, sind das Leid, die Zerstörung und die Vernichtung noch nicht beendet. Das Fremdsein wird im Roman erlebbar. Die eigene Fremdheit, die des Rückkehrers und die der Zurückgebliebenen. Alle sind traumatisiert, erkennen sich nicht wieder und nur der Hund schlägt an. Denn wer ist der, der heimgekehrt ist?

Der Roman besteht aus einem Monolog, einem Geständnis und es sprudelt aus dem Erzähler heraus. Er beichtet seinen Richtern und beginnt mit Negationen. „Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinen Mund. Nicht ich stehe hier, nicht mein Arm, der sich hebt, nicht mein Haar, das weiß geworden, nicht meine Tat, nicht meine Tat.“ Er hat das Schlachtfeld überlebt. Er war Zeuge von Massakern und von abgetrennten und fliegenden Körperteilen. Er ist körperlich ein Ganzes, doch was ist mit seinem Innenleben? Der Krieg ist beendet und er stolpert beim Verlassen der Front über eine Leiche und nimmt sich dessen Papiere an. Seitdem hat er dessen Persönlichkeit angenommen. Aus Wilhelm Bettuch wird Hans Stern, ein Chirurg im bürgerlichen Berlin. Doch fragt er sich jetzt selbst, wer er ist.

Peter Flamm beleuchtet durch das Selbstgespräch alle Facetten der Persönlichkeit, die sich selbst nicht erkennt. Das Ich, das das Ich ablegt und wieder anlegt. Das Leben und das Selbst getrennt durch Glaswände, die unsichtbar und doch da sind. Starke Wände und doch porös. Dieser Roman ist eine Sensation und begeistert durch seine literarische Tiefe. Der Autor emigrierte nach Amerika und liess sich als Psychiater in New York nieder. Sein Wissen und sein Können machen diesen Roman zu einer mitreißenden Wiederentdeckung, die auch heute ihre Faszination nicht einbüßt. Ich möchte von einer Leseverpflichtung sprechen …

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Dilek Güngör: „A wie Ada“

Ein Roman voller Lebensfixierungen als Kind, als Frau, als Tochter und als Mutter. Viele Themen werden, wie in den Werken der Autorin üblich, sinnbildlich ergriffen. Das Erzählte wirkt erlebt und jeder wird sich zuweilen dabei selbst wiederfinden können. Mit ganz viel Empathie für die Figuren ist der Roman verfasst. Alles wirkt ganz leicht und zart, doch ist es stets ein großes Bild oder ein kluger Gedankenimpuls, der die kurzen Kapitel formt. Mit viel Humor und Kenntnis wurde das Buch geschrieben und die Momente werden beim Lesen lebendig. Dies ist die große Kunst der Autorin. Die Komplexität ist ein Gewebe, das sich leicht annehmen lässt und dann einen bleibenden und begeisternden Eindruck hinterlässt.

Ada ist eine Insel, so auch die Übersetzung des Namens in der Sprache der Mutter. Eine Insel, die aber niemals für sich alleine ist. Stets gibt es Berührungen, Verschiebungen und Besuche. Das Menschliche steht bei jeder Episode im Mittelpunkt. Wie in ihrem vorherigen Roman „Vater und ich“ geht es um Familie, Integration, Sprachbarrieren und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Generationen. Bei „Vater und ich“ waren im Mittelpunkt die Sprachlosigkeit und das Schweigen. Beide Werke verbinden sich in den kleinen Gesten. Das Alltägliche rückt in die Betrachtungen, um uns dadurch einzufangen und etwas mitzugeben. In der Kleinigkeit offenbart sich etwas Großes. Die Reduktion zeigt sich auch in den Kapiteln und im Text. Kein Füllwort taucht auf und kein Wort ist hier zu viel.

Erkundet wird das Leben in den Beziehungen von Ada. Ada geht in den Kindergarten, zur Schule, zur Uni und wird Mutter. Stets sind es ihre Betrachtungen auf sich und das Umfeld. Die Sehnsucht nach Verbundenheit steht im Mittelpunkt. Dabei lernt sie auch die Abgrenzung kennen. Zum Beispiel wenn die Mutter beim Kindergeburtstag alle Kinder als ihre Freunde benennt, aber Ada dies nicht so empfindet. Oder eine dieser Freundinnen ihren Schlafanzug anziehen soll, den sie selbst noch nie getragen hatte. Sie beobachtet ihre Eltern beim familiären Leben, beim Tanz und beim täglichen Miteinander, um dann selbst Mutter zu werden. Ada möchte sich selbst verstehen und bei ihren Reflexionen dürfen wir dabei sein. Voller Poesie und Witz nehmen wir uns bei der Lektüre selbst wahr. Es sind kunstvolle Anekdoten auf dem Lebensweg. Ada und / oder die Autorin versucht zu verstehen, zu beeindrucken und stets den Erwartungen, meist den eigenen, gerecht zu werden. Das Leben ist niemals eine einsame Insel, sondern immer ein Miteinander. Das kann zuweilen eine Herausforderung sein, aber dies formt uns und die Sehnsucht nach Innigkeit überstrahlt alles. Das Fremde durch das Fremdsein ist oft nur eine Kopfphantasie.

Mit einem großartigen Humor und einer besonderen Hingabe zu den Figuren, die sehr erlebt wirken, begeistert dieser Roman. Sätze und Episoden laden zum Nachsinnen ein. Ein wunderbarer Leseschatz!

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Henning Schöttke: „Wenn dich jemand sieht“

Henning Schöttke ist in der Literaturwelt eine feste Konstante geworden. Er ist ein Kieler Comic-Zeichner, der auch literarisch tätig ist. Er veröffentlichte einen Romanzyklus über die Todsünden und diverse Kurzgeschichten in unterschiedlichen Anthologien. Sein neuestes Buch „Wenn dich jemand sieht“ beinhaltet elf Kurzgeschichten. In der Kürze und dem Aufbau des Spannungsbogens zeigt sich sein wahres Können. In der Spannungsliteratur ist der Autor zuhause und sagte einst, dies sei auch das Genre, das er als Leser bevorzugt. Dies merkt man seinen neuen Geschichten an. Dabei mindert dies aber nicht sein Romanprojekt um die Todsünden, denn dieser noch nicht ganz abgeschlossene Zyklus ist eine Lesereise wert. Die Romane und die Geschichten sind immer eine Reise in Zeit und Raum und eröffnen dem Leser viele neue Ansichten.

„Wenn dich jemand sieht“ ist ein kleiner, ideenreicher Schatz und bietet eine enorme Vielfalt. Die Storys können mal Krimi oder mal Mystery beinhalten und beschäftigen sich mit der künstlichen Intelligenz. Die literarischen Vorbilder schlagen hierbei einen Bogen von Isaac Asimov zu Stephen King und werden auch mal etwas kafkaesk. Denn was ist denn an Klingelstreichen so schlimm, dass Kinder sich in einem beklemmenden Prozess wiederfinden? Auch Betrachtungen über die Zeit stimmen nachdenklich, denn wenn diese aus den Fugen gerät und langsam vergeht, während man selbst schnell erfasst, gerät das Umfeld dadurch in eine Stille und kann für einen Torwart einen Glückmoment erzeugen, der dann letztendlich erstarrt. Der Einstieg in die Geschichten gelingt durch eine übersinnliche und unheimliche Operation. Eine Verstorbene, die für die Organspende vorbereitet wird, regt sich unheimlich über die Geschehnisse im Operationssaal auf und es kommt zu einem Drama. Ferner wird ein überfälliger Besuch bei einem Großvater beschrieben, der durch die technologischen Entwicklungen die Frage aufwirft, was noch Realität ist. Auch haben die Geschichten zuweilen viel Humor. Zum Beispiel, ein Einbrecher, der überrascht wird und in Gedanken das Gespräch im Amt durchspielt, als er das Kindergeld beantragt und seinen Beruf angeben soll.

Jede Geschichte baut sofort ein Interesse und eine Spannung auf, so dass man diese zügig inhaliert. Die Texte sind gute Unterhaltung und gleichzeitig Literatur, die fesselt und begeistert. Mit wenigen Skizzen zeichnet der Autor Figuren und Szenerien, die gruseln und zum Nachdenken einladen.

Am Donnerstag, 4. April 2024 um 19:00 Uhr wird Henning Schöttke bei uns in der Buchhandlung lesen.

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes