Shichiro Fukazawa: „Die Narayama-Lieder“

Die Handlung wirkt der Realität enthoben und erzeugt den Eindruck einer erzählten Legende. Doch ist es ein rein literarisches Werk voller Symbolik, die uns innehalten lässt, anregt und stille Fragen stellt. Die Novelle ist 1956 erstmalig in Japan erschienen, lässt sich aber zeitlich im Inhalt nicht fassen. Erzählt wird von einem einfachen Dorfleben, das durch Hunger getrieben, bestimmte Rituale vollzieht. Das Werk war bereits in deutschen Versionen erschienen, doch waren diese stets der französischen Übersetzung entnommen. Nun liegt eine Übersetzung aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg vor, die durch lesenswerte Erklärungen und Nachwörter ergänzt wird. Die Erzählung wurde zweimal verfilmt (u.a. als „Die Ballade von Narayama“)

Ein kleines japanisches Dorf in einem rauen, lebenskargen Hochland. Die Bewohner leben unter ärmlichen Bedingungen und der Alltag wird von der Natur und den Wettereinflüssen bestimmt. Das Miteinander ist wichtig und Diebstahl führt zur Verbannung, was einem Todesurteil gleich kommt. Die Dorfbewohner zählen aufeinander und die Anzahl der Bewohner ist durch die Lebensbedingungen begrenzt. Reis gilt als ganz besonderes Nahrungsmittel und Hunger bestimmt den Lebensalltag. Dies führt dazu, dass, wenn es zu mehr Nachwuchs kommt als der Gemeinschaft gut tut, Säuglinge ausgesetzt werden. Ferner gebietet es der Brauch, dass die Alten mit siebzig Jahren sich auf den Gipfel des Narayama begeben, um nicht zurückzukehren.

Orin sorgt sich um das Glück ihrer Familie. Sie wird bald die Reise zum heiligen Berg antreten und ihr verwitweter Sohn und ihre Enkel wären dann auf sich gestellt. Es gibt ein weiteres Dorf, lediglich das andere Dorf genannt, und von dort organisiert sie eine neue Schwiegertochter. Jedes neue Mitglied wird wahrgenommen als ein weiterer Mund, der durchgefüttert werden muss. „Kein Essen“ gilt daher als schlimmste Beleidigung und Strafe. Der Zusammenhalt wird geprägt durch die archaischen Bedingungen, den Glauben und die Lieder. Der Gesang wird mal umgedichtet, um zu beleidigen, zu loben oder durch humorvolle Zeilen ergänzt. Orin plant bereits schon lange ihren Aufstieg zum Narayama, um dem Gott zu begegnen. Ein Brauch, den sie für die Gemeinschaft oder für ihren Glauben vollzieht. Sie hat das übliche Abschiedsfest geplant und vorbereitet und hofft, wenn sie den richtigen Moment abpasst, dass auch der Schneefall einsetzt, ein positives und göttliches Zeichen für das erbarmungslose Ritual. Ihr noch gepflegtes Aussehen, besonders die intakten Zähne, bereitet ihr Sorgen und bringt ihr zuweilen auch den Hohn der Gemeinschaft ein. Der Weg zum Gipfel folgt einem genauen Ritual, der ihrer Begleitung still anvertraut wird und in der Durchführung genauestens wiederholt wird. Somit ist auch die Erzählung geprägt durch Wiederholungen, die wie ein Mantra die Empfindungen verstärken. Das Mystische, die Traditionen und die Rituale mit ihren bestimmten Liedern erzeugen eine Authentizität, die aber, auch die Liedtexte und Melodien, der Kreativität von Shichiro Fukazawa zuzuschreiben ist.

Senizid als Hauptthema, verwoben mit den Figuren, den Bildern und dem Sprachrhythmus erzeugt einen Klang, der uns bewegt und lange beschäftigen wird. Das vermeintlich Althergebrachte verliert in der Gegenwart nicht an Bedeutung. Vieles in dieser sehr kurzen Erzählung ist  voller Metaphorik. Interpretationsmöglichkeiten ergeben sich ganz individuell, ohne Anstrengung und werden großartig ergänzt durch die Erklärungsangebote im Anhang.  Ein kleines Meisterwerk aus Japan.

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Robert Steinmüller: „Die Meere des Mondes“

Ein Kunstwerk, das den Beweis für die Wirkung der Literatur darstellt. Als gedrucktes Buch mit den eingeklebten Bildern und den inhaltlichen Gedankenspielen ist es eine wunderbare Entdeckungsreise. Hier trifft Nature Writing auf Science-Fiction. Diese Naturlyrik entführt uns, lässt uns träumen und das Erlesene bekommt in unserer Phantasie einen Wahrheitskern. Die Literatur lebt der Wirklichkeit voraus und meist sind es die Geschichten, die unseren Geist beflügeln und uns antreiben, die Realität der Literatur anzupassen. Mit Jules Verne waren wir bereits auf dem Mond, bevor wir tatsächlich dort landeten. Mit Ben Bova erkundeten wir durch seine Bücher den Mars auf erschreckend realistische Weise. Nun versetzt uns Robert Steinmüller genau in jene Zeit zurück, wo der Mond noch magisch war. Nicht nur seine dunkle Seite beflügelte die Kreativität der Literaten, der Filmemacher und Musiker.

In der frühen Mondforschung hielt man die dunklen Tiefebenen des Mondes für Meere und beschrieb sie deshalb mit maritimen Begriffen. Das Buch folgt den Aufzeichnungen von Enzo G. Benevolio (1742 – 1795). Ein Student der Lehren nach G. B. Riccioli (1598 – 1671), dem Namensgeber der Mondmeere. Für die Menschen ist es seither ein Traum, die Meere des Mondes zu bereisen und zu erforschen. Benvolio ist Mondforscher und Kenner, er berichtet über die Meere und sagt, wenn wir einmal die Meere des Mondes besucht haben, werden wir den Ort stets in uns tragen, der uns somit auch verwandelt. Die Mondmeere als Reiseziel, um letztendlich uns und unsere Welt zu verändern. Eine bildhafte Vorstellung eines Gelehrten zur Zeit der Aufklärung. Die Landschaften mit tropischen Urwäldern, mit Ozeanen, die kalt, stürmisch, ruhig oder unermesslich sind. Dabei erforschen wir Fauna und Flora des Mondes. Das unbekannte Leben erwacht durch diese Zeilen. Alles eine Illusion? Beim Durchlesen wird diese Frage immer belangloser, denn die Abenteuer, die wir durch das Buch erleben können, scheinen unglaublich real.

Das Buch ist eine Bereicherung und wenn das Reisen für einige wohl gar nicht möglich ist, ist es ein wunderbares Gedankenspiel, denn wenn die Welt schon nicht erreichbar ist, warum dann nicht einfach durch die Literatur zum Mond fliegen? Ein Gedankenspiel, das inhaltlich und in der Drucklegung begeistert. Hierbei zeigt sich auch die verlegerische Liebe, denn mit sehr viel Hingabe wurde das wunderschöne Werk gefertigt. Die Meere sind durch Karten erfahrbar und durch handeingeklebte Bilder, die sich hochklappen lassen, visualisiert. Die Texte werden durch diverse Zeichnungen belebt.

Das Buch ist ein Wunder. Die Meere des Mondes als lebendige Wasserlandschaften faszinieren. Die Möglichkeiten eröffnen phantastische, wunderbare und philosophische Fiktionen. Das Buch erweitert unseren fixierten Lebensraum ins Unermessliche. Diese Auslegungen sind Wunschträume, die in den alten Betrachtungen münden. Dabei wirkt es so real und wir glauben den Schriften von Enzo G. Benvolio. Doch ist es ein fiktiver Charakter. Diese Aufzeichnungen existierten nicht. Doch was, wenn wir ihm glauben wollen und die Abenteuer einfach weiterträumen …

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Jakob Pretterhofer: „Die erste Attacke“

Ein spannender Roman über den Wunsch, alle, die im eigenen Umfeld geliebt werden, zu beschützen. Sogar vor Alpträumen. Das Bewahren vor Negativem in der Welt und in der eigenen Psyche kann nicht wirklich gelingen, wenn es lediglich durch Verdrängung gelingen soll. Wenn in der Gesellschaft alles Verletzliche von vornerein ausgeklammert wird, auch in der Begrifflichkeit, kann keine gute Verarbeitung geschehen.

Der Roman wird aus der Sichtweise eines besorgten Vaters erzählt. Die Handlung spielt an wenigen Tagen und ist voller Situationskomik innerhalb des Gruppengefüges und spitzt sich dann alptraumartig zu einer Eskalation zu. Die Handlung basiert auf den Tagebucheinträgen des Vaters, der am 1. Juli einen Alptraum hatte, den er heimlich genossen hat. Am kommenden Tag geht es in den Urlaub. Sie fahren mit zwei weiteren Familien in die Natur. Sie nennen ihre gemietete Unterkunft eine Hütte und doch ist es ein unromantisches Haus, eher ein leicht marodes Ferienlandhaus. Somit gerät bereits hierbei die Wahrnehmung durch die Begrifflichkeit in eine Schieflage. Die drei Familien sind alle ganz anders, doch eint sie die Ansicht zum Thema Kindererziehung. Es sind insgesamt fünf Kinder dabei. Die Kinder werden vor jeglicher Gefahr vorbereitet und selbst auf der Hinfahrt meint  der Vater, das Auto würde brennen und ruft den Probealarm aus. Die Kinder kennen den Vorgang spielerisch und sind leicht genervt.

Im Urlaub sind Wandern und Spielen vorgesehen. Aber auch die bestimmten Rituale, wie Traumtagebuch schreiben, gute Gedanken erzeugen, negative Last abschütteln und die jeweiligen Bettgehrituale. Diese bestehen aus Vorlesen, Singen und sich gute Träume wünschen. Denn Alpträume sind für alle furchtbar. Vor Kurzem litt die Tochter des Erzählers unter Träumen, die sie schreiend aufwachen ließen. Aber durch eine Therapie, die sich der Vater ausgedacht hatte, scheint alles beseitigt zu sein und das Kind schläft wieder gut. Doch läuft im Urlaub einiges schief. Nicht alle Kinder vertragen sich. Die Kinder sind Reflektoren und ihre Wesenszüge spiegeln die der Eltern, die manipulierend, verständnisvoll oder sogar versteckt aggressiv sein können. Einige Kinder bekommen Alpträume, mögen aber nicht darüber reden und Stress breitet sich bei den Erwachsenen aus. Die Träume breiten sich aus und gleichen diese dem Traum des Vaters vor der Abfahrt? Ist es ein kollektives Erlebnis oder ist eine Grenze in der Erziehung überschritten worden? Als dann die Kinder verschwunden sind und dann auch noch die Autoschlüssel, eskaliert die Situation.

Der Alp, der sich uns auf die Brust setzt und den bösen Traum beschert, wird hier auf psychologischer Ebene lebendig. „Die erste Attacke“ ist ein unterhaltsamer und böser Spaß in unserer Traumwelt und Realität. Der Handlungsaufbau und die Erzählweise erzeugen eine dichte Spannung, die in die Nähe eines Psychothrillers kommt. Doch ist es ein darüber hinausgehender Roman, der diverse Reflektoren für unsere Gesellschaft anbietet.  

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Dave Eggers: „Die Augen und das Unmögliche“

Ein wunderbarer Hunderoman für die ganze Familie über den Wunsch nach Freiheit. Dave Eggers bekannt durch seine Romane „Der Circle“ und „Ein Hologramm für den König“ schreibt auch Kinder- und Jugendbücher. „Die Augen und das Unmögliche“ ist ab 12 Jahren geeignet, aber egal welche Altersgruppe das Buch lesen wird, wird den charmanten Held, Johannes, sofort ins Herz schließen.

Johannes ist ein freier Hund, der in einem Park lebt. Es ist ein Nationalpark, der am Meer liegt und von vielen Tieren bewohnt wird. Es sind Vögel, Bisons, Erdmännchen, Enten, Ziegen und Waschbären. Die Tiere sind keine Begleiterscheinungen und stehen nicht als menschliche Metapher zur Verfügung. Dave Eggers lässt die Tiere für sich selbst wirken. Im Mittelpunkt steht der Hund. Er lebt seit seiner Kindheit im Park. Seine Mutter, die bei Menschen lebte, hat den Park aufgesucht, um ihren Wurf im Park zur Welt zu bringen. Die Mutter und später die Geschwister von Johannes sind zurück bei den Menschen. Johannes ist für die Bisons, die eine zentrale Rolle im Park einnehmen, die Augen. Johannes rennt gefühlt mit Lichtgeschwindigkeit durch die Natur und dabei beobachtet er alles, denn das Gleichgewicht im Park ist wichtig. Die Menschen kommen immer näher und erweitern sogar das anliegende Museum, das Johannes mit den Gemälden ganz in seinen Bann zieht. Die Bilder bringen ihn sogar in eine Gefahr, aus der ihn nur seine Freunde, die anderen Tiere, befreien können. Ferner fühlt sich Johannes für die Bisons verpflichtet und möchte den mächtigen Freunden die Freiheit schenken. Ein Plan muss her, wie er sie aus ihrem Gehege befreit bekommt. Dann tauchen auch noch Ziegen auf und diese kommen vom Festland, um im Park zu fressen. Von Ziegen und vom Festland haben die Tiere im Park noch nie gehört und der mutige Kampf um Freiheit beginnt für die Freunde.

Das Buch ist stimmig illustriert von Shawn Harris. Die Bilder zeigen klassische Landschaftsgemälde längst verstorbener Künstler. Shawn Harris hat Johannes in die Bilder im jeweiligen Stil hineingemalt.

Eine witzige, wunderschöne Parabel über Freundschaft, Freiheit und das Gleichgewicht der Natur. Das Buch wird schnell zu einem Lieblingsbuch. Die Übersetzung stammt von Ilse Layer.

Siehe auch Leseschatz-TV – Videolink (YouTube)

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Benoit d`Halluin: „Nacht ohne Morgen“

Ein raffinierter Roman um die Geheimnisse der Liebe. Es handelt sich um einen Debütroman, der sofort eine Spannung aufbaut, dass man atemlos bis zur Morgendämmerung nach der Nacht ohne den vermeintlichen Morgen wartet. Es geht schlichtweg um die Liebe, die man schenkt und empfängt. Doch sind das Erkennen und das vertrauensvolle Geben nicht selbstverständlich. Denn es gibt die grenzenlose, die bedingungslose und die Liebe, die festzurren möchte. Vorangestellt ist ein Lebensspruch, der sich aus dem Roman selbst zitiert: „Für ein Schiff, das seinen Kurs nicht kennt, weht kein Wind günstig“. Somit geht es im Werk ferner um das Selbsterkennen, annehmen und akzeptieren.  

Der Prolog beginnt in den Catskills, dem Mittelgebirge im Norden des Staates New York. Alexis geht spazieren und wird angefahren. Es ist kein Unfall, denn das Fahrzeug wendet, als es ihn zuerst nicht erwischt hatte. Somit wird ein Wagen zu einer Waffe umfunktioniert.  Alexi scheint den Fahrer, bevor er fällt, zu erkennen.

Catherine erhält einen Anruf von einem fremden Mann. Es ist Marc der ihr berichtet, dass ihr Sohn, Alexis, in einem New Yorker Krankenhaus im Koma liegt. Für Catherine bricht eine Welt zusammen. Eine Welt, die ihr auch viele Geheimnisse vorenthielt. Denn Marc ist der Lebensgefährte von Alexis und davon wusste sie bisher nichts. Marc, der in New York lebt, ist gerade in Frankreich und holt sie ab und gemeinsam fliegen sie in die Stadt, die eigentlich niemals zu schlafen scheint. Der Roman wird ummantelt von dieser Reise zum Flughafen, dem Flug über den Atlantik und die Ankunft in New York.

In der Handlung springt der Roman zurück in die Vergangenheit. Marc lebt als Kind auf Korsika. Seine Mutter hat die Familie früh verlassen und der Vater verbannt ihn als Teenager, als er mitbekommt, dass Marc sich in einen Jungen verliebt hat. Er geht auf das französische Festland, macht Karriere und wird später in New York sehr erfolgreich. Doch kann er keine Liebe oder Bindung finden. Er hatte eine feste Beziehung, die aber krankhaft wurde und Marc immer wieder einholt. Sein Glück findet Marc mit Alexis. Alexis erkennt seine Sexualität früh, wird dann aber von seinem Lehrer, der den Theaterkurs leitet, missbraucht. Diese empfundene Scham behält Alexis lange für sich und kann dadurch seiner Familie auch nie die ganze Wahrheit sagen. Er flieht, vorerst vor der Schule und später von der vertrauten Umgebung, und trifft auf Marc, die Liebe seines Lebens.

Doch nun liegt Alexis im Koma und wurde mit Vorsatz angefahren. Catherine,  die mit Marc unterwegs ist, fragt sich, wer der Mann ist, der für sie alles mitorganisiert, der von ihrem Sohn anscheinend bedingungslos geliebt wurde. Kannte sie überhaupt ihren Sohn, wenn er über seine Liebe nie gesprochen hatte und wer hat ihm den Tod gewünscht?

Der Roman baut sich schichtweise auf und ist klug komponiert. Die Handlung spielt vor der Kulisse einer wunderschönen mediterranen Landschaft im Wechsel mit der Großstadt. Es gibt viele Ansätze, die zu einer Auflösung führen würden. Bis zum Ende fiebert man aber mit, wer den Anschlag verübt hat und ob die Nacht voller Lebenslügen einen Morgen erfährt. Aus dem Französischen von Paul Sourzac übersetzt. 

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Sjón: „Nachtarbeit“

Nachtarbeit ist eine Lyrik, die nach beenden der Lektüre ins Bewusstsein tröpfelt. Langsam breitet sich durch das chronologische Lesen und Erfassen ein Gesamtbild im Selbst aus. Die Vielschichtigkeit macht sich durch die Kapitel, die unterschiedlichen Stile und die Bildersprache bemerkbar. Der Inhalt besteht aus Gedichten, einer lyrischen Statistik, Übersetzungen von Baumliteratur und Fabeln. Alles wurzelt in einer Naturlyrik, die sich aufspaltet zwischen der Natur, dem Menschen und den kreativen Schöpfungen. Denn Sjón verbindet sein Werk mit den Gedanken anderer Schriftsteller und Mythen. Alles ist hier dem Klang untergeordnet. Eine Lautmalerei, die im Musischen verklingt. Neben den Prosaskizzen und traumwandlerischen Momenten wird in den fixierten Gedanken das Übergreifende verdeutlicht. Alles ist im Einklang, denn als Beispiel taucht der Vogelgesang auf, der wiederum den Bogen zu den Federn macht, die angespitzt uns als Schreibutensil dienen, um unsere Gesänge festzuhalten.

Sjón ist ein gefeierter isländischer Autor. Er hat für seine Romane und Lyrik schon einige Preise erhalten. Er war auch 2001 für den Oscar nominiert. Er ist bekannt für seine Texte für die Musikerin Björk und zusammen mit ihr und Lars von Trier schrieb er die Texte für die Songs des Films „Dancer in the Dark“. Der Film ist ein wunderschönes und tieftrauriges Werk, in dem eine fast blinde Frau (Björk) unter anderem singt, sie habe alles gesehen und dabei in der Dunkelheit tanzt. Diese melancholische Schönheit zeigt sich nun auch in den Texten des Bandes „Nachtarbeit“. Doch ebenso die Liebe zum Leben. Die Musik spielt in den vorliegenden Texten erneut eine Rolle, nicht nur weil Gedichte rhythmisch und klanglich auf uns einwirken, sondern auch weil unter anderem Sir Edward the Great, besser bekannt als Eddie, das Maskottchen von Iron Maiden auftaucht. Beschrieben wird die Platte, auf der Bruce Dickinson seinen großen Einstand hatte und den Spitznamen „Luftsirene“ erhielt. Somit erzeugt Sjón auch durch diesen versteckten Hinweis einen Bogen zum Aufruf, wenn es um Klangkunst geht, genau hinzuhören. Ferner sehen wir hierbei den Menschen als Marionette der auf ihn einwirkenden Mächte.

Sjón betrachtet den Ursprung der Sprache und somit die Grundlage unserer Existenz. Dabei beobachtet er uns als Menschen, die durch den inneren Zwiespalt, durch die Trennung einer äußeren Wahrnehmung und der inneren Welt getrennt leben, wie geteilt durch eine Glasscheibe. Das Überwinden dieser Grenzen ist das Ziel von „Nachtarbeit“. Das Buch liegt in einer zweisprachigen Ausgabe vor. Die isländischen Übertragungen stammen von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason. Diese Nachtarbeit ist keine anstrengende Arbeit, sondern eine, die sofort gewinnbringend ist und lange im Betrachter nachklingen möchte.

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Anna Katharina Fröhlich: „Die Yacht“  

Ein Sommernachtstraum, der der Schnelllebigkeit genussvolles Schauen, Genießen und Erleben entgegenhält. Diese Novelle ist ein Blickfang, die den Moment sinnlich erfasst. Mit einer Leichtigkeit entwirft Anna Katharina Fröhlich ein Spiel aus fixierter Kunst und treibender Lebenskunst voller Sinnhaftigkeit, Humor und einer genauen literarischen Beobachtungsgabe.

Martha verbringt die Sommermonate in Italien. Sie ist aus London in die namenlose Stadt gereist, um zu malen und die Kunst, das italienische Leben auf sich wirken zu lassen. Das Malen kann nur gelingen, wenn genau hingesehen wird. Den Moment zu erleben und wirken zu lassen dient nicht nur der geistigen Entschleunigung, sondern schult auch die Verfeinerung der Wahrnehmung und die Menschenkenntnis. Der umtriebige moderne Mensch verpasst oft den jetzigen Augenblick und ist durch die stets mitgeführte Medienwelt von der Realität abgelenkt. Dies möchte Martha nicht, sie will erfassen, genießen und lernen. Bei der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Karaffe Wein trifft sie im wuseligen Treiben auf Salvatore Spinelli, der ihr wie ein Zauberkünstler einen Platz im Restaurant herbeiwinkt. Sein ganzes Auftreten wirkt manegereif und er entpuppt sich als luftiger Lebenskünstler. Spinelli hat eine faszinierende Wirkung auf die Menschen und scheint in der Achtung einiger hoch angesehen zu sein. Er beeindruckt und hat doch nichts, denn er ist arm. Er ist stets so durch das Leben gekommen. Spinelli erzeugt somit einen Kontrast zwischen seiner Armut und seiner Wesenserscheinung aus extravaganter Eleganz.

Spinelli schlägt vor, nach Sizilien zu reisen. Eine Sommervilla am Meer ist Spielort des Luxus. Martha taucht ein in eine Welt aus Kunst und Illusion. Die Leistungsgesellschaft, die ein mondänes Leben pflegt, ist verkörpert durch ihre Gastgeber, die jene titelgebende Yacht mit dem Namen „Devil´s Kiss“ nutzen.

Die Leichtigkeit, die Spinelli offenbart, zeigt die Lebenskunst, während Martha den Geheimnissen der bildenden Kunst nachspürt. Haben wir das Paradies je verlassen? Sind wir jemals vertrieben worden oder wurden wir lediglich geblendet? Denn die Wege der Kunst führen ins Paradies, in dem wir uns bereits befinden, ohne es wirklich wahrhaben zu wollen.

Anna Katharina Fröhlich spielt mit Kunst, dem Augenblick und ihren Figuren. Ihr Sprachgefühl lässt uns mit den Charakteren die sonnigen Momente erleben. Die feinen Beobachtungen, die angeregten Sinne und die Geschichte lassen uns innehalten, verweilen und verursachen eine Entschleunigung. Dabei ist es kein verklärender Text. Das Licht hat stets seine Schattenseiten. Doch möchte man nach dieser Lektüre selbst die Leichtigkeit im Leben zurück haben. Denn es gibt sie wohl doch, jene Wunder des Lebens, zumindest in der Literatur.

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Janna Steenfatt: „Mit den Jahren“

Ist es das Leben, das ich mir gewünscht habe? Unsere individuelle Lebensplanung wird durch Wünsche, Träume und Wirklichkeiten gelenkt. Dabei spaltet sich das Wunschdenken an der Realität des Umfeldes und den tatsächlichen Möglichkeiten. Haben wir stets die Option, unser Leben wie erhofft zu führen? Werden die Gemeinsamkeit, die Freundschaft und das Liebesleben nicht durch den Eigennutz in Frage gestellt? Sofern der Mensch in Berührung mit anderen kommt und sich ernsthaft auf das Gemeinsame einlässt, muss das individuelle Wunschdenken sich gemeinschaftlich finden und definieren lassen. Der Roman baut sich um den Leitsatz der Großmutter einer der Figuren auf. „Es gibt zwei Sorten Menschen auf der Welt. Die, die zu zweit sind, und die, die allein sind“. Gibt es keine weitere Alternative?

Janna Steenfatt hat nach „Die Überflüssigkeit der Dinge“ ihren zweiten Roman geschrieben. In ihrem Debüt spielt sie mit dem fiebrigen Moment des Wartens, bis der Vorhang zum eigenen Leben sich hebt. Der Roman spielt in der Theaterwelt und handelt von Figuren, die sich im Leben zu finden versuchen. In „Mit den Jahren“ haben die Charaktere ein Leben. Doch sind sie damit glücklich? Der Roman besteht aus Momentaufnahmen in unterschiedlichen Perspektiven, die dadurch den Umfang der Wünsche, Träume und Lebenswege der Charaktere aufzeigen.

Jette lebt allein, versucht einen Roman zu schreiben und arbeitet in einer Videothek. Lukas und Eva sind verheiratet und haben Kinder. Sie ist Lehrerin und akzeptiert die Launen ihres Mannes, denn er ist Künstler und wenn er kreativ ist, benötigt er Freiraum. Doch ist sein verlangter Raum kompatibel mit dem Familienleben und einem gewöhnlichen Alltag? Seine Kunst zeigt das Tierische im Menschen. Alle zweifeln am Leben und sind mit der im Leben eingespielten Routine unzufrieden. Jette hat sich in ihrem Singledasein zurechtgefunden. Dann trifft sie in einer Bar auf Lukas. Eigentlich will sie sich nicht auf Männer einlassen und er möchte eigentlich keine Affäre, doch kommt es zu dieser. Eva stellt sich ebenfalls die Frage, ob das Leben an der Seite von Lukas das Leben ist, das sie befriedigt? Die Beziehungen sind alle porös geworden und es kommt zu weiteren Situationen, die die drei Figuren zusammenbringen. Ist es das Leben, das sie leben möchten oder wäre ein anderes Leben tatsächlich ein besseres?  

Der Roman funktioniert gut und unterhält. Durch die Sprache und Charakterisierungen entstehen zu den Figuren und Handlungen Zugänge, die uns selbst reflektieren lassen. Der ewige Wunsch nach Veränderung oder nach Verbesserung steht dem Wunsch gegenüber, das alles so bleiben soll, wie es ist. Der Wille nach Veränderung kann durch eine gefundene Persönlichkeit und die Sehnsucht nach Verbindlichkeiten gemindert werden. Janna Steenfatt lässt uns an ihren Gedankenspielen teilhaben und hat dabei einen Roman geschrieben, der gute Unterhaltung bietet. Zuweilen mäandert die Handlung leicht, doch zeigt sie gerade dabei die andauernde Unzufriedenheit, die sich gesellschaftlich beobachten lässt.

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Waubgeshig Rice: „Mond des verharschten Schnees“ & „Mond des gefärbten Laubs“

Waubgeshig Rice lässt erneut den Mond auf seine Welt scheinen. Seine Bücher können jeweils ohne Wissen des anderen gelesen werden, aber „Mond des gefärbten Laubs“ ist die inhaltliche Rückkehr und Fortführung der Handlung von „Mond des verharschten Schnees“. Es geht um das Leben und das Überleben der Anishinaabe.

Waubgeshig Rice ist Journalist und Autor aus der Wasauksing First Nation. In Kanada sind seine Romane Bestseller und liegen nun beide in der Übersetzung von Thomas Brückner vor. Der Anfang der Geschichte wird im „Mond des verharschten Schnees“ erzählt. Es sind tiefe Einblicke in das Leben in und mit der Natur. Die Familien der Anishinaabe sind aufeinander angewiesen und haben eine enge Verbundenheit. Sie wurden aus ihrer eigenetlichen Heimat vertrieben und leben in einem Reservat im nördlichsten Teil Kanadas. Die Gemeinschaft ist familiär, doch zerrissen zwischen dem Abfinden mit den Situationen, der Unwirtschaftlichkeit und den alten Traditionen. Depression, Alkoholmissbrauch und Resignation machen sich breit. Besonders weil der Winter hier unendlich erscheint und es plötzlich zu einem Stromausfall kommt. Der Kontakt zur Außenwelt ist gänzlich abgebrochen und die Versorgung bleibt aus. Die Anlieferung kann wegen der anhaltenden Witterung nicht mehr erfolgen und der Nachbarschaftssinn und besondere Überlebenstechniken sind somit lebensnotwenig. Im Mittelpunkt steht das Gemeindehaus und die Hauptfigur Evan Whitesky mit seiner Frau und seinen Kindern.

Zwei Jugendliche, die in der nächsten Stadt lebten, kehren heim und berichten, dass auch dort alles zusammenbricht und es zu Plündereien und Gewalt kommt. Die Welt der Weißen ist somit auch betroffen und plötzlich taucht ein unbekannter Ranger auf, der um Einlass in die indigene Gemeinschaft bittet. Doch kann man dem Neuankömmling trauen? Gerade weil es zu Todesfällen kommt. Ein monatelanger Winter verharscht die Gemüter der Menschen und der Hunger treibt manche in den Wahnsinn. 

In „Mond des gefärbten Laubs“ geht die Geschichte weiter. Eine kleine Gruppe der Anishinaabe hat die vermeintliche Zivilisation verlassen, um im Outback ihr Überleben zu sichern. Zwölf Jahre später haben sich die Familien in der Lebenssituation zurechtgefunden. Erneut sind sie geprägt von den alten Traditionen und dem Leben von der Jagd. Jedem genommenen Leben zollen sie Respekt und sind voller Dankbarkeit. In den Familien gibt es Nachwuchs und dies stellt die Gemeinschaft erneut vor die Zukunftsfrage. Denn das Leben der Anishinaabe in ihrer neuen Siedlung wird durch die Lebensbedingungen erneut bedroht. Der See ist überfischt und die großen Tiere meiden die Region, weil sie gelernt haben, die Menschen zu meiden. Sie überlegen den Rückzugsort zu verlassen und in die herkömmliche Heimat zurückzukehren. Im Mittelpunkt ist die eigensinnige Nangohns, Tochter des Anführers, die im „Mond des verharschten Schnees“ noch ein Kind war. Sie lebt die Rituale der Ahnen und begibt sich nun auf eine beschwerliche Reise. Sie wollen erkunden und treffen auf viele Unwägbarkeiten, Wendungen und Überraschungen.

Waubgeshig Rice kann glaubhaft erzählen und macht für uns eine fremde Welt sichtbar. Die jeweils anfängliche Stille offenbart dann das Unvorhersehbare. Die Naturbilder sind fast schon wunderschön, wenn sie nicht neben der hässlichen Verzweiflung stehen würden. Menschen, die notgedrungen reagieren oder resignieren werden erlebbar und die Hauptfiguren sind greifbar und charismatisch beschrieben. Die Verbindung von Mensch und Natur wird in jeder Zeile spürbar und zeigt uns lediglich als Teil der ganzen Geschichte. Lesenswerte, zuweilen brutale, aber authentische Werke, die uns einen tiefen Eindruck von Kanada vermitteln.

Siehe auch meinen damaligen Beitrag auf Leseschatz-TV zu „Mond des verharschten Schnees“

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Sonja Kettenring: „Vom Krähenjungen“

Dorfgeschichten, die in sich die Realitäten wie durch Magie verbergen. Der Roman spielt in einem kleinen Dorf, in dem die Zeit anders als in den Städten verläuft. Zumindest für die Dorfbewohner mit ihren Geschichten. Ein kleines Dorf in Bayern, das nicht weit von München entfernt gelegen ist. Die Nähe zum Wald und der bestehende Aberglaube erzeugen eine mystische Stimmung, denn etwas Düsteres, Unheimliches ist zurückgekehrt: der Krähenjunge. Vor ihm wird gewarnt, über ihn gibt es Sagenhaftes zu erzählen und er wirkt übersinnlich. Zumindest zieht er einige in seinen Bann, letztendlich auch uns, die von ihm lesen.

„Vom Krähenjungen“ ist ein Debütroman. Sonja Kettenring studierte, entwickelt Software und arbeitet als Postbotin. Sie schreibt aber lieber Geschichten als Programme. Somit wurde dieses poetisch-düstere Erwachsenenmärchen geboren und es flatterte als Manuskript in den Verlag, den ebenfalls der Krähenjunge mit seinen Zeilen abholen konnte.

Aus unterschiedlichen Perspektiven setzt sich das literarische Bild zusammen. Es sind individuelle Stimmen, Meinungen und Erlebnisse, die auf uns einwirken. Auch der Krähenjunge stellt sich vor. Sein Name ist Sam. Samuel Johann Weidenkamp. Samuel nach dem Propheten. Johann nach seinem Großvater. Dann beginnt der Roman wie in einem Märchen: „Es war einmal“.

Alles wirkt hierbei der Wirklichkeit enthoben. Die Landschaft wird durch den Winter bestimmt und verdeckt somit das Morastige mit weißer Klarheit. Diese Klarheit kann, wie in der kommenden Handlung, eine vorgetäuschte sein und sie verbreitet, wie der Krähenjunge, eine empfindliche Kälte. Das Dorf lebt von den Bewohnern, den Menschen. Alle kennen sich, aber kennen sich alle wirklich und was lauern in den Familien für Geschichten? Was ist das Erbe der Vergangenheit? Im Zentrum ist eine Bäckerei, die althergebracht das Brot und weitere Backwaren als Lebensmittelpunkt verkauft. In der Nähe liegt der Wald, ein düsterer Wald, der gleich dem See ein Eigenleben zu haben scheint. Der Wald gibt Wege frei, versteckt oder entscheidet über Pfade. Das Gewässer gefriert nicht und um den See ranken sich ebenfalls Sagen. Alle, die erzählen, haben mit Sam zu tun. Aus der Ferne, aus dem Erzählten und aus der unmittelbaren Begegnung. Das, was mystisch erscheint, ist verwurzelt in einer Familientragödie. Die Generationen erinnern sich und nun taut langsam die Kruste über den Geschehnissen auf. Der Text spielt mit den Wahrnehmungen, mit dem Unheimlichen und erzeugt dadurch eine schaurige Stimmung. Das Leben verändert sich durch die Begegnungen und Handlungen. Das Stadtleben greift nach dem Dörflichen und einst wurde eine junge Frau von einem reichen Münchener mit seinem Cabrio abgeholt. Der Enkel ist der Krähenjunge. Das Symbol der Krähe, die schlau, wissend oder ein Bote zwischen den Welten sein kann, erzeugt diverse Mutmaßungen. Die Figur umgibt etwas Diabolisches. Unaussprechliches beherrscht die Szenerie und bricht langsam aus den Untiefen des Unbewussten hervor bis letztendlich alles taut und Dinge befreit werden.

Ein modernes Märchen, das durch die Sprache und die enorme Stimmung, die gleich mit den ersten Zeilen erzeugt wird, fesselt. Die Handlung verdichtet sich immer mehr und doch bleibt vieles ungesagt und trotzdem erzählt. Die Buchwelt, die gerade das Land- und Dorfleben als Ausgangspunkt für gesellschaftliche Entwicklungen fokussiert, erhält nun eine weitere Ebene und wird viele Buchmenschen gerade dadurch begeistern können. Ein magischer Roman, der einen sofort abholt und verzaubert.

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