Janna Steenfatt: „Die Überflüssigkeit der Dinge“

Janna Steenfatt Die Überflüssigkeit der Dinge Hoffmann und Campe

Ein Warten bis sich der Vorhang zum eigenen Leben hebt. Dieser fiebrige Moment, bevor das Stück auf den Brettern, die die Welt bedeuten, losgeht, erzeugt eine Spannung auf das Kommende, das noch im Ungewissen liegt. Das Warten dahin wird mit Dingen ausgeschmückt, die aber in Bezug auf den eigenen Werdegang niemals als überflüssig bezeichnet werden sollten.

Janna Steenfatts großartiges Debüt erzählt die Geschichte von Ina, die für sich bisher keine großen Erwartungen an das Leben formulieren konnte. Sie hat Germanistik und Philosophie studiert, ohne sich Gedanken zu machen, was sie damit mal beruflich anfangen möchte. Sie sehnt sich nach Geborgenheit, nach jemandem in ihrem Leben und wünscht sich lediglich eine Arbeit, die sie etwas erfüllt und ihren Alltag finanziert. Sie lässt sich treiben und empfindet sich als eine Gelähmte, die einsehen muss, dass ihr wirkliches Leben, auf das sie bisher gewartet hatte, eventuell schon angefangen hat. Ihre Beziehungen sind bisher keine ernsthaften und eher Phasen in der persönlichen Entwicklung.

Auf Wohnungssuche in Hamburg findet sie ein WG-Zimmer bei Falk, mit dem sie sich anfreundet. Er liebt sie und sie weiß von seinen Gefühlen. Beide blenden dies aber bisher gekonnt aus. In St. Pauli leben sie nun mit einer Katze und ziehen abends auch gerne um die Häuser. Als Inas Mutter stirbt, ist es Falk, der alles organisiert, die Haushaltsauflösung und die Seebestattung in Travemünde. Die Mutter war Schauspielerin, deren große Rollen aber in der Vergangenheit lagen. Sie hatte zuletzt nur noch kleinere Auftritte und es ist fraglich, ob Inas Mutter sich das Leben genommen hat oder ob es ein Unfall war. Während der Trauerbewältigung kommt die Erinnerung an die Zeiten als Inas Mutter noch eine gefragtere Schauspielerin war. Oft sind sie umgezogen und jede neue Spielzeit verlangte von Ina als Kind und Jugendliche viel familiären Verzicht. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als die Mutter aber eines Tages angetrunken war, verriet sie den Namen. Es ist Wolf, der gerade jetzt wieder nach Hamburg anreist, um im Schauspielhaus Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Regisseur zu inszenieren. Ina will ihren Vater endlich treffen und nimmt einen Job in der Schauspielkantine an. Die Atmosphäre in und um das Theater lässt sie ankommen. Sie atmet diese Welt ein und kann sich langsam öffnen, gerade als sie die Schauspielerin Paula kennen und lieben lernt. Paula ist gleich der Figur Puck, die sie auf der Bühne spielt. Beide verbringen eine gemeinsame Zeit, die Ina verändert. Auch Ihrem Vater begegnet sie im Theater. Aber wie sich das Gefühlsleben von Ina entwickelt, ihr hin und her zwischen Falk und Paula und ob sie sich ihrem Vater zu erkennen gibt, soll selbst erlesen werden.

Ein Roman, der mit der Handlung und den gut gezeichneten Charakteren, sehr überzeugt. Besonders das Getriebene und das noch nicht Gefestigte im Leben der Protagonistin wird sprachlich toll eingefangen. Der Text glänzt in den Beschreibungen der einzelnen Beziehungen, zur Mutter, zum Mitbewohner, zum Kollegium und innerhalb des Liebeslebens. Die Suche nach Geborgenheit und das Angenommenwerden sind hier glaubhaft mit Humor und Einfühlungsvermögen erzählt. Durch Kleinigkeiten werden die Dinge groß, die nur auf den ersten Blick überflüssig erscheinen.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Janna Steenfatt: „Die Überflüssigkeit der Dinge“

  1. Hallo,

    das Buch ist mir in der Vorschau schon ins Auge gesprungen. Es klingt so, als würde es sich lohnen, das Buch von der Merk- mal auf die Wunschliste zu setzen. Schöne Rezension!

    LG,
    Mikka

  2. Pingback: [Rezension] Die Überflüssigkeit der Dinge von Janna Steenfatt – queerBUCH

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