Gudrun Büchler: „Koryphäen“

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Koryphäen sind Menschen, die an der Spitze stehen, ursprünglich Chorleiter. Meist versteht man eine Koryphäe als jemanden, der in einem Gebiet Besonderes geleistet hat, sozusagen ein Experte für etwas ist. So lernen wir auch zwei Hauptprotagonisten kennen, die jeder für sich eine Koryphäe ist. Der eine arbeitet auf einer erbauten Plattform im Atlantik, der andere sucht die Einsamkeit auf einer paradiesischen Insel. Beide sind der Wirklichkeit enthoben – denn die Handlung spielt in einer nicht definierten Zukunft. Die Höhe, d.h. die Sphäre, in der sich die beiden treffen, wird durch den ständigen Durst auf Tomatensaft deutlich. Niedriger Luftdruck verändert den Geschmacksinn und lässt den Verlust von Bodenhaftung oder sogar Menschlichkeit erahnen. Die Polaritäten zwischen der Erdnähe, dem Enthobenen, der natürlichen Insel und einer gebauten Plattform über dem Meer spiegeln den Kern der Handlung. Es ist die Spannung zwischen der Gesellschaft und deren Systemen und dem Individualismus.

Auf der Plattform im Atlantik werden Profile und genetische Informationen der Menschen gesammelt. Es sind bereits 80% der Menschheit digital codiert. Die Suche nach Algorithmen für die Optimierung der lebenswichtigen Ressourcen sollen gefunden und geschrieben werden. Große Verbände sind interessiert an jenen Daten. Bleibt der Mensch der Zukunft noch ein Zufallsprodukt? Curt ist Leiter dieser Serverfarm und ist für die Auswahl der Suchläufe und sogenannten Castings zuständig. Alles gebilligt von Regierungen, Interessensverbänden und der Kirche. Dabei verstößt die Arbeit auf der Plattform gegen die Menschenrechte und den Datenschutz. Ferner laufen Gedanken über eine Unterwanderung der eigentlichen und bestehenden digitalen Netzwerke. Denn wer benötigt ein Smartphone mehr, der Besitzer oder jene, die die Daten über den Nutzer durch das Gerät sammeln?

Den Sprung zu einer losgelösten Kunst der Kommunikation erlangt Hausman, ein ehemaliger Wissenschaftler, der nun als Aussteiger auf einer Insel im indischen Ozean lebt. Er verbindet sich mit dem grenzenlosen Bewusstsein und erlangt dadurch Zugang zu allen Gedanken, Orten und Menschen.  Mit seinem Bewusstseinsfaden verknüpft er sich mit dem telepathischen Netz der Menschheit. Lediglich sein Gummibaum, den er mit seinem Computer verbunden hat, meldet, wenn sich sein reales Umfeld verändert. In diesen körperlosen und globalen Streifzügen wandert er durch Raum und Zeit. Als ein Attentat auf den Papst ausgeführt wird und dieser im Koma liegt, gesellt sich dieser u.a. mit in die Sphärenwelt. Als Hausman das Bewusstsein von Curt berührt, werden Curts sensorische Fähigkeiten geweckt. Nun wissen und ahnen beide, dass das Wissen über grenzenloses Bewusstsein und freie Energien gefährlich ist und die Netze geraten außer Kontrolle…

„Menschen können zwar getötet werden, aber kein Gedanke, der einmal gedacht worden ist.“

Ein Roman, der mit der Vielschichtigkeit des Bewusstseins, der Realität und der Wirklichkeiten spielt. Der Mensch endet nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Im Gegensatz zu ihrem Vorgängerroman: „Unter dem Apfelbaum“ verlässt Gudrun Büchler etwas die Bodenständigkeit, versteht es aber sehr zu unterhalten und anzuregen. Obwohl ein tatsächlicher Spannungsbogen fehlt, versteht es die Autorin, die Bilder und Handlungsstränge gekonnt aufzubauen und uns Leser zu fesseln. Ein Buch, das nicht allein durch die Aufmachung auf uns zurückblickt, wenn nicht sogar uns Leser anstarrt.

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