Gudrun Büchler: „Unter dem Apfelbaum“

Unter dem Apfelbaum Septime

„Unter dem Apfelbaum“ von Gudrun Büchler ist ein kunstvoller Roman, der gefüllt ist mit emotionalen Seelenmomenten. Ein anspruchsvoller Text, der mich sehr berührt und mitgenommen hat. Ein literarisches Debüt, das von vier Generationen von Frauen erzählt, die über Jahrzehnte verstreut leben, aber stets verbunden sind und deren Schicksale sich zunehmend vermischen.

Das Buch wurde mir von unserem Freund, dem Autor Henning Schöttke, sehr ans Herz gelegt. Ich habe es sehr gerne gelesen und es hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Buchgestaltung ist gleich dem Inhalt und zeigt eine verstörende Behausung. Das Titelbild zeigt ein leerstehendes, verwahrlostes Zimmer, das man von oben oder unten betrachten kann. Eine Wolldecke und ein Stuhl sind kopfüber an der Zimmerdecke befestigt. Hier spiegelt sich der Erzählstil, denn die geheimnisvolle Ich-Erzählerin, die nur ab und zu auftaucht, wechselt stets die Perspektiven und beseelt die jeweiligen Protagonistinnen. Diese Erzählerin, diese mysteriöse Erscheinung, bleibt aber immer eine stille Beobachterin, eine wissende und friedvolle Seele…

Das Buch spannt einen Bogen von 1902 bis 1973 und erzählt über die berührenden Schicksale von Magda, Mathilda, Marlies und Milla. Vier Generationen einer Familie, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Während Magda immer stiller wird, kommt Milla bereits stumm zur Welt. Es geht ums genaue Hinsehen und darum, das Erlebte nicht zu verschweigen, sowie um die seelischen Verbindungen zueinander über Raum und Zeit.

„Ihre Körper saßen drüben im Haus und auf dem Beifahrersitz nun, und ihnen hingen all die Fäden, die sie zusammenhielten und sie miteinander verbanden und mit all den Synapsen am Himmel. Tagsüber vergaßen die Menschen oft diese Verbindungen. Nachts jedoch wurden sie sichtbar, die Synapsen, und der Mensch nannte sie Sterne.“

Es sind Lebensgeschichten, die beim Lesen das Herz zuschnüren, aber auch Hoffnung schaffen. Hoffnung auf verbleibende Menschlichkeit.

Der Roman beginnt 1973 mit Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie lebt in einem Heim für behinderte Jugendliche. Ihre Umwelt nimmt sie staunend auf und begibt sich summend in ihre erträumte Realität. Millas Urgroßmutter, Magda, wird als junges Mädchen an einen reichen Hof gegeben, um dort zu arbeiten und die eigene Familie zu entlasten. Hier erlebt sie eine entbehrungsreiche Zeit. Es zeigt sich, dass die wohlwollenden nicht unbedingt die guten Menschen und die schweigsamen, strengen nicht unbedingt die schlechtesten Menschen sein müssen. Magda stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Mathilda, die von ihrem Vater in ein Internat für Landwirtschaft geschickt wird. Mathilda ist eine wütende junge Frau, die sich gleich Milla und Magda allein gelassen und ungeliebt fühlt. Der Krieg veranlasst wiederum Jahre später auch Mathilda dazu, ihre Tochter Marlies fortzuschicken. Sie selber wartet auf ihrem Hof auf ihren Mann, während die Front immer näher rückt.

„…Die Plane des letzten Wagens verdeckte ihr den Blick auf Marlies. Mathilda kniff die Augen zusammen, suchte nach einem Riss oder einem Loch in der Plane, nach einer Möglichkeit, hineinzuspähen und etwas zu sehen, was das Herzklopfen und die Übelkeit eindämmte, die sie mit jeder Wagenlänge stärker spürte, die sich der Treck entfernte. Mathilda hob die Hand und öffnete den Mund. Ein stummer Schrei verpuffte in der Kälte.“

Die Tochter von Marlies ist Milla, die von Geburt an taub und stumm ist. Sie wird auch aus dem familiären Zuhause in die Obhut einer Bäuerin gegeben, die ihr Haus als Heim für Behinderte führt. Die Mitbewohner bekommen von Milla eigene Namen, die sich auf ihre Erscheinung begrenzen. Es bleibt vom Menschen nur die Tat und die Äußerlichkeit übrig. Doch es gibt trotz der beständigen Traurigkeit ein fröhliches Wiedersehen und eine beseelte Heimreise…

Ein tiefgründiger und kluger Roman, der in einer klangvollen Sprache verfasst ist und durch seine genaue und tolle Beobachtung fesselt. Ich wünsche diesem Buch viele Leser und hoffe, es hinterlässt seine Spuren im Leser. Ein Werk das beengen kann, aber gegen Ende seinen Frieden findet. Ein beseelter Roman.

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