Andreas Pflüger: „Wie Sterben geht“

Erneut pflügt der Autor durch die Geschichte und hinterlässt uns einen spannenden und klugen Roman. Mit Horst Eckert bildet Andreas Pflüger die Speerspitze der anspruchsvollen Politthriller-Autoren in der Spannungswelt. Wiedermal ist es eine Frau, die in einen machtvollen Strudel gerissen wird, dessen Inhalt Bestandteil unserer Gegenwart ist. Nach den Heldinnen Jenny Aaron und Paula Bloom ist es nun Nina Winter, die als ehemalige Athletin als Schreibtischagentin auffällt und in den aktiven Dienst wechselt. Andreas Pflüger gibt somit dem Agentenromanen und Actionszenen das Feministische zurück. Pflüger versteht es, geballtes Wissen rasant in Szene zu setzen und komprimiert dabei die Geschichte, um diese in seiner Handlung passend einzubauen.

1983 findet auf der Glienicker Brücke in Berlin ein Agentenaustausch statt. Nicht ohne Grund wird die Brücke „Bridge of Spies“ genannt. Ein KGB-Offizier, Rem Kukura, der unter dem Decknamen Pilger eine wichtige Quelle des Bundesnachrichtendiensts war, soll gegen den Sohn eines Politbüromitglieds ausgetauscht werden. Nina Winter, die Kukura als Einzige identifizieren kann, ist beim Austausch dabei. Als die Grenzen zwischen Ost und West überschritten werden sollen, explodiert die Brücke.

Wenige Jahre vorher arbeitet Nina Winter beim BND und wertet Informationen aus. Sie hatte einst einen Text verfasst, der zynisch und kritisch war und mit der Zeile: „dass Schriftsteller nicht die Ärzte sind, sondern der Schmerz“ Aufsehen erregte. Plötzlich soll sie aktiv in Moskau als Führungsoffizierin eingesetzt werden. Ein wichtiger Agent, der mysteriöse Pilger, macht seine weitere Zusammenarbeit von Nina abhängig. Dies ist die Chance ihres Lebens und sie unterzieht sich den persönlichen Tests und macht eine Blitzausbildung. Ziemlich schnell lebt sie sich in ihrer neuen Rolle ein und kann die beständigen Verfolger gut abschütteln und die Informationen an den BND weiterleiten. Doch warum wird sie beständig und großangelegt überwacht? Hat es jemand auf sie persönlich abgesehen? Um aus diesem Spionagenetz lebend herauszukommen, muss Nina lernen, wie sterben geht …

Die Spannung wird sofort durch die Sprengung der Brücke erzeugt und danach springt Pflüger ganz leicht in der Zeit zurück, um sehr detailliert und kenntnisreich ein politisches Panorama aufzubauen. Die Handlung macht Zeitgeschehen erlebbar. Eine Epoche, die in der Gegenwart wieder eine unheimliche Bedeutung hat. Andreas Pflüger schreibt kunstvoll und versteht es mit Handlung und Sprache zu spielen. Ein Spionageroman, der sich neben die Klassiker von zum Beispiel John le Carré einreiht. Ferner bereitet es viel Freude, die gedanklichen Verzweigungen zu Kunst, Musik, Film und Literatur im Roman zu finden. Ein richtig toller, neuer Pflüger.

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Roskva Koritzinsky: „Keine Heiligen“

Das Buch beinhaltet sieben Kurzgeschichten, die einzeln, aber doch als Ganzes  gelesen und verstanden werden sollten. Der Titel „Keine Heilige“ spiegelt sich in vielen Bildern der Texte wieder. Religion im Wortbegriff ist der Inhalt. Die Suche nach Bindung und Verbindung. Die Geschichten kreisen um Sehnsucht und Einsamkeit und sind jede für sich ein Raum zum Innehalten und Reflektieren. Die Texte erschließen sich einem nicht sofort, sondern die Bilder und Worte erklingen nach oder wollen erneut erfasst werden. Sprachlich, emotional und gedanklich macht es sehr viel Freude, sich auf die Texte einzulassen. Die Autorin zählt zu den jungen, großen Talenten der norwegischen Literatur. Übersetzt wurde das Buch von Andreas Donat.

Es sind stille, melancholische und wunderschöne Geschichten, die einen bewegen. Es beginnt mit einer Parzival-Anspielung. Ein Ritter, der die versteinerten Menschen und Tiere erst durch die Rückkehr und durch Mitgefühl aus der Erstarrung befreit. Im Mittelpunkt stehen Geschwister, die das Familiäre nie richtig erlebt haben. Die Lieblosigkeit entsteht durch das Fehlen des Vaters und einer Mutter, die nicht die wahre Liebe kennt und lebt. Dabei wird für ein Kind ein kleiner Punkt, der mit einem Stift über das Bett gemalt ist, zu einem ganzen Tunnel.  Ein Fixpunkt, der sich ausweitet zu einem Fluchttunnel. Es sind Menschen, die für sich alleine im Leben sind und stets die Nähe suchen. Mal reicht das Finden einer Ikone, mal ist es eine Nachtwache, die durch die Erinnerung die damalige Nähe heraufbeschwört. Das menschliche Miteinander als chorales Bild. Singt man mit oder ist es lediglich der Chorgesang, der in der Brust einen summenden Ton erzeugt? Das Religiöse wird ein Begleiter. Zum Beispiel durch Schutzengel, das Bild des Drachenkampfes oder durch ein ehemaliges Kloster. Ein Kloster, das nun als Heim umfunktioniert wurde. Sind die Bewohner aus freien Stücken dort?

Das Buch beinhaltet kluge und schöne Sätze, die sich langsam entfalten. Die Geschichten handeln von der Sinnsuche und der Sehnsucht nach Liebe. Dabei ist das Emotionale in kleinsten Gesten, Handlungen oder Bildern verborgen. Das Heimkehren als Bild des Weges zu sich selbst und die Sinnhaftigkeit des Lebens werden auf schöne und komplexe Weise in Literatur verwandelt. Erneut eine besondere Ausgabe in dieser Verlagsreihe, die durch das Printmedium und den Inhalt alle Sinne anzuregen versteht. Ein Werk, das uns auf etwas fokussiert und dadurch ein Wachstum entstehen kann, zumindest in der Empathie und an der Freude an Literatur.

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Sophia Lunra Schnack: „feuchtes holz“

Ein außergewöhnlicher Roman. Dies offenbart sich bereits beim ersten Durchblättern. Hier vermischt sich Prosa mit Lyrik. Der Inhalt wirkt wie in Worte gegossen und die Handlung verbirgt sich in Klang und offenbart eine sinnliche Welt, die nicht verklärt. Die Prosa zerfließt in Poesie und die Lyrik verschließt sich niemals vor dem Lesenden, sondern wird zum Träger des Romans. Das Buch ist eine literarische Osmose, die einen sofort erfasst und deren Inhalt sich in die eigene Wahrnehmung ergießt. Die Handlung verliert sich in Raum und Zeit und beim Lesen überträgt sich diese Welt und der reale Bezug hebt sich auf. Die Sprache verliert die Satzaussage, ohne die tatsächliche Aussage zu verlassen. Das Einheitliche verbirgt sich bereits in der Lyrik mit der fehlenden Groß- und Kleinschreibung.

Unsere Erinnerung ist eng mit den Gerüchen, den Sinnen verbunden und oft reicht ein kleiner Hauch, um plötzlich in die Kindheit zu gelangen. Hier ist es zum Beispiel der Geruch von feuchtem Holz. Die Erinnerung setzt ein und wandert durch familiäre Generationen. Erinnerungen rattern durch Sinneseindrücke angeregt und erzeugen Bilder und Emotionen. Eine Reise zurück an den Ort der Kindheit wird in der Handlung beschrieben. Das nicht mehr existierende Elternhaus als Ausgangspunkt der Wanderung durch Landschaft, Raum und Zeit. Die früheren Eindrücke, Gerüche und Gefühle tauchen aus den Tiefen auf. Wie aus einem See, dessen Wellen langsam die Veränderung erzeugen.

Die Familiengeschichte beginnt mit dem Urgroßvater, den Kriegen und den Verlusten und besonders dem Trauma, das sich durch Generationen festgesetzt hat. Der Weg zurück ist hier zweideutig. Der anfängliche Weg der Erzählerin in das Heimatliche, in die eigene Kindheit und dann der Weg zurück in das einfache Leben nach den schicksalhaften Ereignissen, deren Muster den Geist der ganzen Familie erfasste.

Im Roman offenbart sich immer mehr durch Bilder und die Sprache. Das Erlebte wird erfasst und meist waren es kleine Dinge, die das Untragbare hervorzaubern. Das ganze Buch verzaubert und minimiert die Zügigkeit des alltäglichen Lebens und macht einen Schritt zurück, um sich in der Stille lautstark zu ergießen. Ein Roman, der Aufmerksamkeit verlangt und dann immer mehr ein Staunen zu erzeugen vermag. Ein unkonventionelles und großartiges Werk, das aus Beobachtungen und Sinneseindrücken besteht. Durch diese Episoden entstehen Bilder aus Geschichte und das ganze Sprachkonstrukt wird immer komplexer. Dabei ist es niemals anstrengend, sondern purer Genuss es zu lesen.

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Temur Babluani: „Sonne, Mond und Kornfeld“

Dieser Roman ist eine Reise durch Geschichte und Emotionen. Er verbindet den Abenteuerroman mit dem historischen- und dem Liebesroman. Das Politische wird hierbei persönlich und es entsteht ein Panorama von Georgien, das in den 1970er Jahren beginnt und den Bogen bis in die Gegenwart schlägt. Die ganze Handlung wird sehr bildreich und lebendig erzählt und fesselt bis zum Ende.

Es beginnt 1968 in Tbilissi in einem Ortsteil, der gänzlich in kleinen und großen Netzwerken verwurzelt ist. Die Mafia, die kleinen Ganoven und die einfachen Menschen müssen sich vor den Spitzeln des KGB hüten. Alles wird von allen Seiten beobachtet. Ein summendes Misstrauen beherrscht den Alltag und viele Unwägbarkeiten werden durch Bestechung oder Gewalt gelöst. In dieser Welt wächst Dschude auf. Er ist siebzehn Jahre alt und macht gerade seinen Schulabschluss. Er könnte eines Tages die Schuhwerksatt seines Vaters übernehmen, doch möchte er lieber zur Kunstschule, denn das Zeichnen liegt ihm sehr. Die Armut beherrscht das Leben und wenn eine neue Hose benötigt wird, wird diese auch gerne von der Trockenleine in einem anderen Stadtteil organisiert. Sein Freund Chaim bittet ihn eines Tages um einen Gefallen, er soll Filmbänder nach Russland bringen. Vorher soll Dschude die Tasche mit den Filmen im Zimmer von Manuschaka, die er über alles liebt, verstecken. Immer mehr verstrickt sich damit Dschude in die Machenschaften des organisierten Verbrechens und wird am Ende ausgenutzt. Bei einer Übergabe kommt es zu einer Hinrichtung und die Pistolen werden dann Dschude in die Hand gedrückt und er wird fortan als der Mörder gesucht. Er steckt nun in der Zwickmühle, verrät er die Mafia und riskiert dadurch sein Leben oder stellt er sich den Behörden und verkürzt dann seine Haft durch die Verlegung in Arbeitslager. In der Hoffnung, daß seine Liebe zu Manuschaka überlebt, stellt er sich für das Verbrechen, das er nicht begangen hat. Seine jetzige Odyssee beginnt in einem Straflager in Ostsibirien. Seine Reise durch Sibirien, durch russische Gefangenenlager und Gefängnisse offenbart ihm die sinnlose Gewalt und lehrt den Kampf ums Überleben. Die Irrfahrt endet Jahrzehnte später in einem veränderten Tbilissi. Die Rosenrevolution hat vieles verändert und das Land ist unabhängig geworden.

Die ganze Handlung nimmt einen gefangen und gebannt folgt man der Geschichte voller Freundschaft, Liebe und letztendlich der Historie einer ganzen Region.

Temur Babluani, 1948 in Swanetien geboren, ist ein bekannter Filmregisseur, Drehbuchautor und Schauspieler. Er studierte am Staatlichen Theaterinstitut Tbilissi. „Sonne, Mond und Kornfeld“ ist sein Debütroman, der von Rachel Gratzfeld aus dem Georgischen übersetzt wurde und bereits Preise erhielt.

Ein wunderbarer, lebendiger Roman, der einen ins Herz und im Verstand trifft. Ein Epos voller Sprachbilder, Härte, Humor und Schönheit.

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Neue Prosa aus Schleswig-Holstein 2022/23

Am 20.11.2023 wurde der Literaturpreis „Neue Prosa“ und die dazugehörige Anthologie gefeiert. Die Preisverleihung fand im Literaturhaus Schleswig-Holstein statt. Ein toller Preis und eine großartige Förderung für die Literatur Schleswig-Holsteins.

Die Jury bestand aus Ruth Bender (Kulturredakteurin Kieler Nachrichten), Jan Christophersen (Schriftsteller), Svenja Lanz (Kulturredakteurin NDR), Dr. Maike Schmidt (Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien der CAU Kiel) und Hauke Harder (Buchhandlung Almut Schmidt).

Ich durfte die Laudatio für Kai Solvind, den Preisträger halten. Wir, die Jury, haben uns durch die Texte gearbeitet und alle genauestens geprüft und besprochen. Aus mehr als 100 anonymisierten Einsendungen von Prosatexten bis 20 Seiten haben wir uns als Jury entschieden. Die Anthologie vermittelt mit den ausgewählten Texten einen Eindruck der lebendigen literarischen Szene Schleswig-Holsteins.

Kai Solvind las aus seinem Siegertext. Ferner lasen Dara Brexendorf, Nikola Anne Mehlhorn und Arne Suttkus. Alle Vortragenden zeigten die Vielfalt der Literaturszene und machten neugierig auf die gesamte Anthologie.

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Verena Prantl: „Glas“

Ein raffinierter Roman, in dem sich alles gekonnt fügt. Alle Bilder, jedes Wort sind bei der Handlungsentwicklung wichtig. Es geht um das Getrenntsein und das Erkennen der Persönlichkeit. Glas ist der Titel und dieses ist als Material hart, aber sehr zerbrechlich. Oder soll der Titel eine Anspielung auf die Filmwerke von M. Night Shyamalan sein? Die Trennung, die Vertreibung und die ewige Suche nach dem Gegenstück, nach Harmonie und einer inneren Ruhe sind Themen, die bereits in der Biblischen Vertreibung aus dem Paradies, dem Garten Eden, erzählt werden. Erkenne ich mich? Wer bin ich wirklich und kann ich meinen Erinnerungen trauen? Die Spiegelung des Selbst zerspringt in diesem Roman immer mehr und spielt dabei mit unserer Wahrnehmung und der Wahrnehmung der Figuren. Ein unkonventioneller und herausfordernder Text, der eine Spannung aufbaut und diese bis zum Ende aufrechthält und dabei philosophische Fragen einstreut. Die Perspektiven wandeln sich und ziehen uns direkt mit hinein. Es sind distanzierte Blicke, intime Sichtweisen und Tagebuchnotizen, die langsam das gebrochene Bild zusammenfügen.

Eva ist eine junge Frau, die unter Selbstzweifeln leidet und sich selbst nicht zu begreifen vermag. Am Anfang steht ein brutaler Überfall und sie verreist, um das zu verarbeiten und kehrt wieder heim. Doch war das alles ein Traum? Sie trifft sich oft mit ihrer Freundin Mirjam, die alles verkörpert, was Eva an sich selbst vermisst. Eva empfindet sich oft als Nebenfigur in ihrem Leben. Bis Aaron auftaucht, der Evas Wesen eher als sie selbst zu erkennen scheint. Doch das Selbstbewusstsein zerbricht immer wieder, denn es scheint sie jemand beständig zu verfolgen. Durch die wachsenden Ängste und Zweifel strauchelt sie in Realitätsverluste.

Der Roman ist voller Anspielungen und Tiefen. Die Namen sind biblischen Ursprungs und die Handlung baut durch die kunstvolle Sprache eine manische Stimmung auf. Ein literarisches Spiel mit den Figuren, mit den Wahrnehmungen und letztendlich mit uns, die das Buch lesen. „Glas“ ist ein Erlebnis! 

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Jens Wawrczeck: „How to Hitchcock“

Jens Wawrczek ist ein absoluter Hitchcock-Fan. Schon als Jugendlicher wurde er auf dessen Kinofilme aufmerksam. Dann aber sollte Alfred Hitchcock sein Leben besonders gestalten, denn, wie jeder Fan der Drei ??? weiß, ist Jens Wawrczek die Stimme des zweiten Detektivs Peter Shaw. Jens Wawrczeck ist Sänger, Schauspieler Synchronsprecher, Hörspielsprecher, Hörbuchinterpret sowie Autor.

Sein Buch „How to Hitchcock“ ist seine spannende Reise durch das Hitchcock-Universum. Das Buch macht neugierig auf die Filme, die fast alle wirkliche Meisterwerke sind. Für Jens Wawrczek gibt es keinen einzigartigeren Regisseur, der seine eigenen Ängste, seinen Humor und Obsessionen in Filme verwandelt hat. Hitchcock hat die Filmlandschaft verändert und geprägt. Seine Kamerafahrten sind stets besonders. Er war der Auffassung, man ginge aus demselben Grund ins Kino wie auf den Rummelplatz, sprich in die Geisterbahn. Gemeint ist der gepflegte Grusel und der Überraschungsmoment, der nur durch eine gut aufgebaute Geschichte und die genaue Platzierung funktioniert. Hitchcocks Filme bereiten einen angenehmen Nervenkitzel und begeistern noch heute. Die Leidenschaft prägt bereits in jungen Jahren Jens Wawrczek, der nun uns ein Portal öffnet, das ganze Film-Universum neu oder wieder zu entdecken. Sind alle Mütter, wie Mrs Bates, Monster? Wie werden die Ehen in den Filmen dargestellt? Wer sind die wahren Schurken? Was sind die Schattenseiten mancher Meisterwerke? Der Bezug zur Literatur ist oft gegeben, denn viele Filme von Alfred Hitchcock basieren auf literarischen Vorlagen. Doch hat Hitchcock daraus oft etwas ganz eigenes gemacht und die Romanhandlung zu seinem Stoff umgewandelt. Jens Wawrczek hat die Vorlagen aufgespürt und benennt diese. Lohnenswert ist auch die Hörbuchreihe, die er im eigenen Hörspiellabel herausbringt, denn hier spricht  Jens Wawrczek nach dem Motto: „Zuerst der Roman, dann der (Hitchcock) Film, jetzt das Hörbuch“ die Romanvorlagen ein, die den Meisterregisseur inspiriert hatten.

Jens Wawrczek ist somit ein absoluter Kenner der Hitchcock-Welt. Nicht nur, weil Hitchcock die Schirmherrschaft der ersten Drei ???-Bücher und -Hörspiele übernahm. Wie in den Filmen tauchte Hitchock auch in den ersten Folgen auf und nahm die jungen Detektive ernst und gab ihnen Anstoß für einige spannende Fälle. Nun sind es die Anstöße von Jens Wawrczek, die uns neugierig machen auf seinen Blick auf den Hitchcock-Kosmos. Ein launiges und tolles Buch und für alle Filmfans eine Pflichtlektüre!

Am 01.06.2018 war Jens Wawrczeck unser Gast in der Buchhandlung. Seit unseren Kindertagen ist uns diese Stimme ein wahrer Freund geworden. Ein Freund, der durch viele Produktionen ein treuer Begleiter ist und nun tatsächlich ein Freund unserer Buchhandlung geworden ist. Für uns war es eine große Ehre, dass ein Künstler, der mit seinen Kollegen die Ostseehalle füllt, bei uns gelesen hat. Aber er liest nicht nur, er lebt seine Rollen und haucht allen Figuren und Szenen viel Leben und Liebe ein.

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Der Schnipsel

Der Schnipsel ist ein Literaturmagazin, das einen jährlichen Raum für literarisches Schaffen junger Menschen bietet. Es kann Prosa, Lyrik, Essays, Fotokunst, Zeichnungen und Illustrationen oder zuweilen auch Comics beinhalten. Der Schnipsel kommt aus Kiel, die Autorinnen und Autoren kommen aus der Region oder von ganz woanders her. Wichtig ist, der Text konnte die Redaktion überzeugen. In der 23. Ausgabe, die den Titel „ach, eigentlich alles“ trägt, versammeln sich Beiträge zum Thema Kommunikation.

Es geht um Verständigung. Das Leben wird immer visueller. Das schnelle optische Erfassen nimmt leider Oberhand in unserem Alltag. Im menschlichen Miteinander ist es der Blick, der das erste Erkennen suggeriert. Durch Kommunikation kommt dann das tiefgründige Erfassen. Die Kommunikation kann durch Reden, Schreiben, oder durch das Gespräch erfolgen. Doch funktioniert eine Verständigung auch durch Signale, durch Mimik, durch Schweigen und in der Stille. Die Botschaften können auch einfach durch ein Handeln übermittelt werden. Alle Autorinnen oder Autoren haben sich mit diesen ganzen Facetten beschäftigt. Die Kommunikationsformen sind vielfältig, wie die Literatur. Dabei sind die Botschaften stets abhängig vom Sender und Empfänger. Somit tauchen Signale auf, Nachrichten in Brotdosen oder in ganz kleinen Gesten. Das Fehlen der Gespräche steht ebenfalls im Mittelpunkt. Das Unaussprechliche oder die Angst durch das Gesagte ins Leben des Zuhörers zu sehr einzugreifen oder durch das Gesagte dem Zuhörer zur Last fallen zu können. Es sind die sensiblen Themen, die in der Mitteilung schwerfallen. Tod, Trauer, Erkrankung oder Seelenschmerz werden oft im gewöhnlichen Gespräch ausgeklammert. Dann ausgesprochen kann es weitere Wunden aufreißen. Ferner gibt es Gesagtes auch in Leerstellen „Ich bi n ich t“ zu entdecken.

Der Wunsch nach Fernsignalen oder der Bereitschaft mit Pflanzen zu reden ist der Wunsch nach Distanz oder natürlicher Nähe. Dabei hat die innere Stimme ebenfalls eine wichtige Funktion. Doch wenn zum Beispiel viel Sauerkraut gegessen wurde, können die inneren Geräusche auch irreführend sein. Humor, Leichtigkeit kann auf Tiefe treffen. Die Texte sind alle gut und berühren. Ein Magazin, das einlädt sich mit frischer Literatur, sich selbst und dem Gegenüber zu beschäftigen. Das Ich kann ein Du nur im Abglanz zu sich selbst erkennen, aber je mehr ein Ich an Empathie besitzt, desto mehr kann das Du im Ich erwachen. Also ist der Schnipsel auch eine Aufforderung, sich Zeit für Literatur zu nehmen, denn diese lässt uns gehörig wachsen.

„ach, eigentlich alles“ sagt es, denn eigentlich ist alles gesagt. Aber nur eigentlich, denn das Geschriebene und Gesagte muß noch empfangen werden. Der Versuch gelingt nur durch Mitteilung und durch Sprache. Diese Mitteilungen kunstvoll in Sprache zu verwandeln, ist diesen Schnipseln gelungen. In der 23. Ausgabe sind Beiträge von: Destina Yildirim, Philipp Laue, Sarah Rinderer, Sophie Wischnewski, Clemens Braun, Oliver Gehrmann, Paula van Well, Caro Reichl, Ly Böhnlein, Kathrin Wilk und Thomas Steiner.

Mehr über den Schnipsel: https://derschnipsel.org/

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Bente Faust und Claus-Peter Lieckfeld: „Das Süderende der Welt“

Die sieben Leben des Jürgen Rickmers

Ein Buch über einen der erfolgreichsten Kapitäne des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Roman, der sich mit dem Charakter eines Sachbuchs vermischt und mehrere Stimmen beinhaltet. Es ist die Geschichte von Jürgen Rickmers von der Insel Föhr. Mit dem Roman bekommen wir einen spannenden Einblick in die Jahre 1850 bis 1895. Das Zentrum dieser Welt ist Föhr mit der Verbindung zu New York und den ganzen Weltmeeren.

Das Friesendorf Süderende auf Föhr lässt erahnen welche traditionsreichen Kapitänsfamilien einst in diesem Dorf gelebt haben. Das Dorf hält an den alten Traditionen fest und ist durch die reetgedeckten Häuser mit deren Schmalgiebeln und der prachtvollen Kirche auffällig. Die Kirche St. Laurentii in Süderende und St. Johannis in Nieblum erzählen durch ihre „sprechenden“ Grabsteine viele solcher Geschichten.

Bente Faust ist Musiker, Theatermacher und Podcastproduzent und ein Nachfahre von Jürgen Rickmers. Als sein Onkel das Haus in Süderende verkaufen muß, findet Bente Storm auf dem Dachboden eine alte Seekiste. Es ist die Seemannskiste seines Ururgroßvaters. Es ist genau jene Kiste, die Jürgen Rickmers das Leben rettete. Der Inhalt sollte Faust jahrelang beschäftigen. Nach einem Podcast schrieb er nun mit Claus-Peter Lieckfeld den vorliegenden Roman. Jürgen Rickmers hatte bereits damals mit Broder Stern, einem Skribent, sein Leben zu Papier gebracht.

Jürgen Rickmers war ein reicher und bekannter Kapitän. Bereits mit 23 Jahren wird er zum Kapitän auf einer amerikanischen Dreimastbark ernannt. Er befährt die Weltmeere. Durch seine Beziehungen zu Amerika wird er einer der reichsten Männer Schleswig-Holsteins und kann sich früher zur Ruhe setzen und sich und seiner Familie ein gutes Leben gönnen. Doch vorher hat er viele Abenteuer erlebt. Sein größtes ist der Anfang des Romans. Er überlebt, was damals nicht möglich war, einen Taifun.

Ein Roman über ein bewegtes Leben. Ein Föhr-Roman, der in die ganze Welt der damaligen Seemannszeit blickt.

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Matthias Hübener: „Die indische Kugel“

Wir haben in unserer Entwicklung die Realität immer weiter entzaubert. Durch die Bücher von Matthias Hübener wird das Leben wieder etwas magischer. Seine Werke machen neugierig auf die Welt. Nach „Vom Libellenflug“ lädt uns Matthias Hübener erneut ein, ein literarisches und globales Abenteuer zu erleben. In „Die indische Kugel“ geht er einen Schritt weiter und der Einstieg ist ein unheimlicher. Doch versteht es der Autor immer wieder, das Gute im Menschen und in seiner persönlichen Geschichte freizulegen. Eine Kugel, die raum- und zeitlos ist und in uns etwas erweckt, ist der Grundstein der vorliegenden Gedankenwelt. Das Böse ist am Anfang nur ein Gedanke. Dieser Gedanke verführt, rollt wie eine Kugel in jeden Winkel und entfacht dadurch zuweilen Böses, wenn wir es nicht anders zu betrachten lernen.

Es ist eine spannende Geschwistergeschichte, die in New York beginnt. Es kommt zu Unglücksfällen, die bei einem Architekten ihren Anfang nehmen. Er befindet sich in einem verlogenen Telefongespräch mit seiner Ehefrau, als ihm eine kleine Kugel begegnet. Kurz darauf gerät er in einen tödlichen Unfall und ein Müllmann findet auf der Straße jene Kugel, die durch einen weiteren Unglücksfall zu einem Arzt gelangt, der sie in seine Arbeitskleidung, die er zur Wäscherei bringt. Somit wandert diese Kugel und übt auf alle eine enorme Faszination aus. Allen, die mit der Kugel in Berührung geraten, stößt etwas zu. Die Ermittlungen, die für die Polizei unzusammenhängend wirken, verlaufen im Sande.

Paul und Lynn sind Geschwister und geraten in den Strudel der Ereignisse. Sie sind die Kinder eines der Opfer und ziehen zu ihrem Onkel, einem begnadeten Schachspieler aus England. Er ist ein gelehrter Mensch, der seine Geheimnisse zu haben scheint und sich sehr in der Philosophie, besonders der indischen Weltsicht auskennt. Er ist jemand, der etwas zu bewahren scheint. Als Lynn und Paul erwachsen sind, ereignet sich erneut ein tragischer Wendepunkt in ihrem Leben, der ebenfalls etwas mit der funkelnden Kugel, die durch die Welt rollt und eventuell die Gedanken beeinflussen kann, zu tun hat. Sie geraten in eine spannende, gefährliche und abwechslungsreiche Geschichte.

Dies sind Abenteuerwelten, die voller Momente sind, die tiefgründige Gedanken zulassen und dabei enorm zu unterhalten wissen. Das vorangestellte Motto des Buches und die Handlung spielen auf das menschliche Dilemma hin. Das Gute und das Böse sind zwei Gedankenkonstrukte, die wir alle in uns tragen. Die Geschwister als polarisierendes Bild, die vereint sind und doch sinnbildlich eine andere menschliche Natur verkörpern. Gleich Yin und Yang, das als ein Ganzes von zwei Energien beeinflusst wird. Dabei spielt im Roman das Konzept des gewaltfreien Denkens aus der indischen Philosophie eine enorme Rolle. Auch beim Schach, dem Lieblingsspiel des Onkels, geht es um den geschickten Kampf zwischen Hell und Dunkel. Die Züge, die in der Partie gezogen werden, können innerhalb des Spiels nie Böse sein. Die Handlung erstreckt sich von New York, England, Schottland und Indien zu den magischen Orten, die auch in uns ankern. Die Kugel, die sich ausdehnen kann wie unsere Emotionen, ist nur eine Projektionsfläche unserer eigenen Empfindungen, seien diese gut oder böse.

Die Gedankenspiele von Matthias Hübener verbinden Welten und ihre Kulturen und sind geeignet für alle Menschen, die das Umfeld mit magischen Augen sehen wollen. Bücher, die man bereits als junger Erwachsener erfassen kann, denn es drängt sich der Vergleich mit Jostein Gaarder auf.

Diese Besprechung wurde vorerst im Bücher Magazin abgedruckt.

Matthias Hübener liest bei uns in der Buchhandlung. Siehe bei unseren Veranstaltungen.

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