Stefan Moster: „Bin das noch ich“

Was passiert, wenn man seine Rolle im Leben verliert, seiner Begabung oder Berufung nicht mehr nachgehen kann? Wenn das, was einen im Leben auszumachen scheint, nicht mehr greifbar ist, verliert sich dadurch die Persönlichkeit?

Stefan Moster ist Übersetzer und Schriftsteller. Die finnischen Werke, die er übersetzt und seine eigenen Romane haben stets den Rang von Weltliteratur. Sein neuer Roman erzählt still und sehr einfühlsam die Selbstfindung eines Künstlers. Dabei spielen die Musik und der natürliche Klangraum eine große Rolle. Moster versteht es, die Natur und ihre Klänge, besonders den Vogelgesang, der klassischen Musik gegenüberzustellen, zu verbinden und wörtlich einzufangen. Der Roman begeistert durch die Vielfältigkeit, die sich ganz still entfaltet. Das Wissen, das Moster hat und einzubinden versteht, setzt für sein lesendes Publikum keine Vorkenntnisse voraus. Ein großer Roman, der Moster spätestens jetzt mit an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur setzt.

Simon ist leidenschaftlicher Berufsmusiker. Ein Violinist, der nicht die ganz großen Erfolge feiert. Aber er ist dennoch so gut, dass er für Konzertreisen als Solo- oder als Orchestermusiker weltweit gebucht wird. Er kennt seine kunstvollen Grenzen. Diese zeigte ihm eine heutige Stargeigerin, der er in Folge des Romans schreiben wird. Die Pandemie hat seine Welt ins Stocken und in Gefahr gebracht. Doch jetzt scheint endlich wieder vieles möglich zu sein und mit Kollegen ist er für einige Kammerkonzerte gebucht. Auf einer Sommertournee in Finnland kommt es zu einem Vorfall, der ihn aus der Bahn wirft. Lange hat er es verdrängt und den Schmerz überspielt. Auf dieser Konzertreise möchte er seiner Agentin und dem Publikum etwas beweisen und durch die Musik zu einem besonderen Erlebnis einladen. Er wählt ein Werk von Bach, um danach etwas von Bartók zu spielen, das das Thema des vorherigen Stückes aufgreift. In der anspruchsvollen Musik wählt der Komponist wohl auch seine zukünftigen Interpreten durch die Komplexität mit aus. Doch was passiert, wenn das Können verloren geht? So verbindet sich das Werk, das Leben von Bartók mit der Situation von Simon. Er kann nicht mehr greifen, seine Hand versagt beim Geigenspiel. Er bricht das Konzert ab und muss nun befürchten, dass seine musikalische Laufbahn beendet ist. Eine Freundin und Mitmusikerin lädt ihn ein, ihre Insel zu besuchen. Sie überlässt ihm für eine Woche ihre kleine Hütte auf einer Schäreninsel, damit er zur Ruhe und zu sich finden kann. Die ersten Tage verbringt er ruhelos, denn er ist ganz in seiner Misere gefangen und von der Außenwelt abgeschnitten, denn sein Ladekabel für sein Handy ist weg. Doch jeden Tag verbringt er mehr in und mit der Natur. Die Vogelwelt zeigt ihm ihre orchestrale Macht und er lernt hinzuhören und sich neu kennen. Aus der einen Woche werden mehr und er beginnt zu reflektieren und sich neu zusammenzusetzen.

Die existentielle Selbstreflexion ist eine literarische Reise, die gerade die Musik erklingen lässt, die in der Stille erwacht. Der Raum zwischen den angespielten Tönen steigert sich und der Resonanzkörper wächst. Ein großer Roman über die Auseinandersetzung mit der Identität, dem Können und der Berufung.

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Julie Otsuka: „Solange wir schwimmen“

Ein wiederkehrendes Thema der Autorin ist das individuelle Auflösen in der Masse und ein Einkehren im Wir. Die Autorin Julie Otsuka schreibt ungewöhnliche Wunderwerke. Ihre Perspektive auf ihre Geschichten sind dem Individuellem enthoben, um letztendlich genau die persönliche Einzigartigkeit, die uns allen innewohnt, zu fokussieren. Die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert und erzeugt dadurch Raum, der wie ein kleiner Riss plötzlich auftaucht und kontinuierlich im Kopf und Herzen wächst.

Ihr Roman „Wovon wir träumten“ war damals ein Überraschungserfolg. Wie ein Chorgesang wurde darin die Geschichte der Japanerinnen erzählt, die voller Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika auswanderten. Es sind Frauen, die mit japanischen Einwanderern vermählt werden. Bis zu ihrer Ankunft kennen sie die Männer lediglich als Abbild und dies zerplatzt bei der Einreise.

Erneut ist es die Geschichte von Japanern in Amerika. Erneut ist es ein rhythmischer Chorgesang, der im Wir geschrieben ist und zuweilen in der direkten Anrede das Du anbietet. Dennoch ist der neue Roman von Otsuka ein anderer. Er wandelt von einer Schwimmhalle im Keller zu einer Pflegeeinrichtung namens Belavista und vom Wasser zur Wüste. Solange sie schwimmen ist für die Viele, die erzählt, die Welt noch eine erträgliche. Es sind Menschen, die aus therapeutischen, sportlichen, gesundheitlichen oder aus leidenschaftlichen Gründen ihre Bahnen ziehen. Die Kerngruppe hat ihre Mehrstimmigkeit und beharrt auf Abstand und der stets eigenen Bahn. Wie im Leben oberhalb des Bades gibt es hier unten Regeln. Regeln und Rituale, die besonders Alice Struktur geben. Alice ist es, die in der Mehrstimmigkeit auftaucht und heraustritt. Ihr Leben, ihre Erinnerungen drohen zu verschwinden. Der Wendepunkt kommt mit einer Fraktur. Ein unbedeutender Riss im Becken. Vermutungen, Sorgen und Überinterpretationen bestimmen den Chorgesang. Als die geliebten Bahnen nicht mehr gezogen werden können, verändern sich das Thema und der Klang des Buches.

Alice ist demenzerkrankt. Vorerst ist es mehr eine zeitliche Demenz. Dennoch kommt ihr die Welt abhanden und ihre Tochter versucht, die Erinnerungen zu bewahren. Die Tochter ist Schriftstellerin und hatte eine feste Vorstellung vom Leben. Die Geschichte soll nicht versiegen und die letzten Zeugen sollen gehört werden. Die Geschichte der Japanerinnen in den USA. Die Ansprache ist stets in der Du-Form deutlicher und unmissverständlich. Im Wir sind die Einzelschicksale verwässert und stechen dennoch deutlich hervor. Im Du geht es um Verlust und das Abhandenkommen. Im Wir schwimmt einiges noch eher im Einklang.

Ein Roman über die Verantwortung innerhalb von Familienkreisen, von Mutterliebe und Demenz. Ein bewegender Text, der trotz der knappen Sätze und Szenen erobert werden will. Denn der Inhalt zeigt sich vorerst wie jener kleine Riss im Schwimmbad. Ein klangvoller und ergreifender Roman, der aber auch viel Humor besitzt. Das Buch wurde von Katja Scholtz aus dem Amerikanischen übersetzt.

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Deutscher Buchhandlungspreis 2023

Wir freuen uns unglaublich, denn wir werden zum vierten Mal ausgezeichnet.

Kulturstaatsministerin Roth gibt Preisträger des Deutschen Buchhandlungspreises 2023 bekannt: „Buchhandlungen sind bedeutsame Kulturorte“ PRESSEMELDUNG VOM 7. AUGUST 2023

Mit dem Deutschen Buchhandlungspreis werden Buchhandlungen ausgezeichnet, die sich in besonderem Maße um die gesellschaftliche Bedeutung des Kulturguts Buch sowie um das kulturelle Leben vor Ort verdient gemacht haben oder ein besonders vielfältiges oder auch spezielles Buchsortiment anbieten.

Kulturstaatsministerin Roth

Insgesamt 480 Buchhandlungen hatten sich in diesem Jahr beworben – die höchste Bewerberzahl seit 2017. Eine unabhängige Jury hat daraus nun 108 Buchhandlungen auserkoren, die bei der feierlichen Preisverleihung am 2. Oktober 2023 in Stuttgart ausgezeichnet werden. Erst dann erfahren sie, in welcher der drei Preiskategorien sie gewonnen haben.

Herzlichen Glückwunsch an alle mitnominierten Buchhandlungen!

Wir erhielten bereits den Deutschen Buchhandlungspreis 2019, 2020 und wurden 2021 als „Besonders herausragende Buchhandlung“ mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

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Nataša Kramberger: „Verfluchte Misteln“

Slowenien ist 2023 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und einige passende Titel sind bereits in den Leseschatz gewandert. Nataša Kramberger hat einen autofiktionalen Roman geschrieben, der nun auch ein Leseschatz ist. Die Schriftstellerin übernimmt den Bauernhof ihrer Mutter und entflieht dem Großstadtleben. Ihr Werk beinhaltet Nature Writing, Selbstreflexionen und den beschriebenen Versuch, von der Landwirtschaft zu leben. Somit ist ihr Weg ein antizyklischer, denn während die meisten Menschen in die Städte ziehen, besonders nach Berlin, kehrt die Erzählerin aus Berlin in ihr slowenisches Heimatdorf zurück.

Ihren anfänglichen Refrain: „Man müsste anständig erzählen können“ wiederlegt sie selbst, denn der Roman ist kunstvoll komponiert. Inhaltlich mäandert sie zwischen Erinnerungen, Gegenwärtigem und entwickelt einen songartigen Wortklang, der wie in einem Lied, wiederkehrendes zulässt und dies dabei anders betont oder beleuchtet. Das Klangbild und der sich steigernde Rhythmus geben dem Text eine ganz eigene Struktur. Dadurch entsteht ein Spannungsbogen, der eigentlich keiner ist und dadurch fasziniert. In Berlin wird um jeden Baum gekämpft und in der slowenischen Heimat ufert dieser persönliche Kampf großflächig aus.

Die Schriftstellerin will den Hof übernehmen und will diesen durch ökologischen Landbau retten. Ihre Großmutter ist die erste, die Zweifel hegt und sieht in der Wortakrobatin nicht die Fleißperson, die die Landwirtschaft benötigt. Denn „Bauern müssen doch arbeiten“. Doch die Erzählerin stellt sich den Herausforderungen. Diese liegen nicht immer in der Natur, sondern oft auch in der Bürokratie und dem menschlichen Umfeld. Alle sehen sie nicht als eine Bäuerin an, die die Landwirtschaft versteht. Sei es beim Saatgutkauf, beim Retten der Streuobstwiese oder bei diversen Anträgen. Der Titel des Romans  liegt im Befall jener Obstwiese verborgen. Denn die Obstbäume sind vom Mistelbefall betroffen und ein rabiater Eingriff schadet eher der Pflanzenwelt.

Mit viel Humor betrachtet die Autorin dabei das Wechselspiel zwischen Stadtmenschen, Landleben und althergebrachtem Wissen und den Modernisierungen. Es herrscht ein Maschinisierungszwang, dem sie sich entzieht und sich dabei durch die sprachlichen sowie durch die Verwaltungsuntiefen mit Witz und leichter Resignation manövriert. Sie wird Landwirtin, bleibt aber in aller Augen stets „nur“ die Schriftstellerin. Die Erzählerin und die Autorin verwachsen. Denn Nataša Kramberger lebt im Sommer in Slowenien und betreibt mit dem Ökokunstkollektiv Zelena Centrala einen kleinen biodynamischen Bauernhof. Im Winter lebt sie in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Kolumnistin und leitet den slowenisch-deutschen Kulturverein. Der Roman wurde aus dem Slowenischen von Liza Linde übersetzt.

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Deborah Levy: „Augustblau“

Deborah Levy sticht mit ihren Werken in die Brüche unseres heutigen Bewusstseins. Sie schreibt in einer messerscharfen Präzision über die Risse und Wunden der Gesellschaft und taucht in diese ein, um diese literarisch zum Bersten zu bringen. Es sind europäische Schauplätze die belebt werden von Weltbürgern, die nicht genau wissen, wohin sie gehören. Es sind moderne Menschen, die fürchten, sie könnten nicht alles im Griff haben. Der Stil von Deborah Levy ist wohldosiert, sie erzählt stets in einer knappen, eleganten Sprache. Einiges bleibt in den Tiefen des Textes verborgen. Es liegt an uns, die Brüche zu finden und sie zu entziffern.

„Augustblau“ ist wahrlich eine Rhapsody in Blue. Viele Stilelemente vereinen sich und erzählen dabei eine Geschichte, die unser brüchiges Jetzt belebt. Das mäandernde Leben beginnt mit ihrer Adoption durch ihren Musik- und Klavierlehrer. Sie ist ein Wunderkind und erlangt Erfolge. Als berühmte Pianistin spielt sie in Wien Rachmaninow, steigt beim Spiel aus dem Stück aus und interpretiert Eigenes und geht. Sie durchstreift die Welt und gibt zuweilen Unterricht. Auf einem Flohmarkt in Athen meint sie, ihr Lebensdouble zu sehen. Eine Frau, die mehr Sie ist als sie selbst. Jene Frau erwirbt gerade zwei batteriebetriebene Tanzpferde. Das Alter Ego läuft aber in weiteren Schauplätzen davon.

Auf der Suche sein nach einem neuen Ich und einer neuen Lebenskomposition. Ein wunderbarer neuer Roman von Deborah Levy, der aus dem Englischen von Marion Hertle übersetzt wurde.

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Maike Wetzel: „Schwebende Brücken“

Ein sanftes und sehr bewegendes Werk. Es geht um jene Schicksalsschläge, die unser Leben gänzlich verändern und drohen es zu zerschmettern. Doch gerade in diesen Momenten, sind wir gegenwärtig und sind in der Wahrnehmung gleich einer schwebenden Brücke, die nichts verbindet und doch da ist. Bis die Brücke sich senkt und der Weg begehbar wird und der Blick zurück sich auch klarerer gestaltet. Diesen verlängerten Augenblick hält Maike Wetzel fest. Ein Moment, in dem Blütenblätter wie Schnee fallen und dadurch den eigentlichen Schrecken verbergen möchten.

Maike Wetzel erzählt davon, was es bedeutet, langsam das Unfassbare anzunehmen, zu erkennen und zuzulassen und dabei für die Kinder funktionieren zu müssen. Diese Autofiktion reicht aber noch weiter und tiefer. Das Zerbrochene fügt sich wiederzusammen und der persönliche Wiederaufbau nach der Katastrophe beginnt. Somit ist dieser Roman ein ganz persönliches Werk der Autorin, die ihre eigenen Erlebnisse in Literatur verwandelt und ein wunderschönes, trauriges und mutiges Gesamtkunstwerk erschaffen hat. 

Ein Sonntag dient der Familie zur Flucht aus dem Stadtleben. Ihr Mann hat zum Geburtstag Geld für ein Boot erhalten. Eigentlich missfällt der Erzählerin die Zeit ihres Mannes auf See, denn dann ist der Architekt noch weniger Teil der gemeinsamen Familienzeit. An diesem Tag lässt er das kleine Boot mit seinem Bruder zu Wasser. Die Erzählerin bleibt mit den Kindern am Ufer auf der Picknickdecke sitzen. Die Idylle kippt bereits als einer der Söhne das Boot nicht mehr sieht und meint, sein Vater sei mit dem Boot gekentert. Doch glaubt sie ihm vorerst nicht, denn es ist doch nur ein See. Doch gab es auf dem Gewässer ein Unglück und der Vater wird vermisst. Sein Bruder konnte geborgen werden. Nun sitzt die Mutter, die Erzählerin, mit den kleinen Kindern im Arm auf der Picknickdecke. Sie glaubt nicht, hält daran fest, man mache einen Scherz mit ihr. Während ihr Mann gesucht wird und Hubschrauber über ihr kreisen, beginnt sie zu reflektieren. Wie aus weiterer Ferne betrachtet sie in einem schwebenden Zustand ihre Situation und ihr Leben mit ihren Mann. Ihr Ehemann ist ein Lebenspartner, ein Gegenstück, das nun aus ihrem Leben gerissen wurde.

Mit ganz viel Gefühl und klugem Sprachgespür wird hier eine emotionale Geschichte erzählt, die ohne Schreie, ohne tatsächliche Verzweiflung auskommt. Die Gefühle sind da: Wut, Trauer, Melancholie und Schmerz. Doch keimt auch ein Danach auf und die Stärke, zumindest für die Kinder, lassen die Erzählerin, die Mutter und Autorin aufstehen. Das eigentlich sprachlos Machende, das Unmittelbare wird nun zu einer schön erklingenden Literatur. Ein authentischer, ergreifender und aufwühlender Text über die Schönheit, die Liebe, den Tod und die Bewältigung.

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Yves Ravey: „Taormina“

Taormina ist eine wunderschöne Stadt, die sich an die Hügel an der Ostküste Siziliens schmiegt. Der Ort hat mehrere Ebenen und zeigt alle Kulturen, die hier gelebt haben. Diese traumhafte Kulisse ist Schauplatz eines Miniromans, der viel erzählt und düster und spannend ist wie ein Krimi. Hierbei steht im Mittelpunkt eine moderne Trinacria, das Symbol Siziliens. Denn es sind im Roman drei Hauptthemen: der Tourismus, das organisierte Verbrechen und die Flüchtlingsströme. Dabei lebt der Roman von kurzen Szenen, Andeutungen und Bildern und ist ein Meisterwerk des Minimalismus und der Verdichtung. Schwarzer Humor trifft auf Spannung und erzählt eine perfide Geschichte.

Das Ehepaar Melvil und Luisa erhoffen sich viel von einem gemeinsamen Urlaub. Sie leben in Frankreich und in ihrer Ehe kriselt es gerade gehörig. Ein kultureller Strandurlaub soll die Gemüter und die Partnerschaft beruhigen und retten. Sie haben eine Woche Sizilien gebucht und haben für jeden Tag einen kulturellen Höhepunkt geplant. Abends am Flughafen gelandet holen sie den Leihwagen ab und wollen nach Taormina fahren, wo im unteren Teil der Stadt ihr Hotel gelegen ist. Die Stimmung ist bei den Beiden noch angespannt, dennoch versuchen sie sich auf die kommende Erholung einzulassen und zu freuen. Luisa möchte unbedingt als erstes zum Strand. Auf der Autobahn können sie bereits das Meer sehen und Melvil biegt an der ersten Möglichkeit ab, um zur Küste zu gelangen. Dabei geraten sie an einen Strandabschnitt, wo gerade viel gebaut wird und es lediglich eine Snackbar gibt. Als sie in der Dämmerung umkehren passiert es, sie fahren etwas an. Da dort viel Baumaterial liegt, vermutet Melvil, dass wohl nichts Schlimmes passiert sein könnte. Er hält an, steigt aber nicht aus und besänftigt Luise, die meint etwas Schemenhaftes gesehen zu haben, einen Hund eventuell? Da es bereits spät ist, wollen sie nicht das Hotel und das dazugehörige Personal aufschrecken und übernachten in einem kleinen Ort vor einem kleinen Laden im Wagen. Am kommenden Tag fahren sie weiter nach Taormina und versuchen, den Vorfall zu vergessen und nun endlich den Urlaub zu genießen.

Doch das Drama beginnt, denn Luisa, die Italienisch spricht, liest in der Zeitung, dass ein Kind von einem Migrantenlager tödlich angefahren wurde. Wenn sie nun den Schaden des Leihwagens der Versicherung melden oder sogar zur Polizei gehen, geraten sie sofort in den Verdacht. Waren sie es denn überhaupt, die das Kind angefahren haben? Sie finden mit der Hilfe eines Kellners des Hotels eine Autowerkstatt, die den Schaden schnell und diskret beseitigen kann. Doch das Netzwerk um die Mechaniker und den Tourismus ist gut aufgebaut und schnell geraten Melvil und Luisa in einen Wirbel, der den geplanten Urlaub bald in eine Hölle verwandelt.

Ein kurzweiliger Noir-Roman, der knapp erzählt ist, dennoch genau hinschaut und neben dem Spannungsbogen enorm viel Raum für Gesellschaftskritik schafft. Schuldzuweisungen, Eigenschutz und Persönlichkeitserhalt sind wichtiger als soziale Belange. In kurzen und tollen Szenen wird ein umfangreiches Psychogramm entworfen. Aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller.

Siehe auch Leseschatz-TV

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Anna Gien: „Paris · Rot“

Dieser Roman erschließt sich nicht sofort. Er ist dabei kein Kunstwerk, das lediglich mit Können protzt, sondern leichtfüßig, fast schon dunkel-elegant eine traumwandlerische Wirklichkeit erzeugt. Ist es eine Nacht voller Träume? Träume, in denen sich Ängste, Sehnsüchte, Begierde mit Phantasien und persönlichen Visionen buhlen? Dabei kommt es zu einer Reduktion der Persönlichkeit. Die Namen der Figuren verweben, verschwinden und tauchen wieder auf. Alle textlichen Abschnitte wirken surreal und märchenhaft. Die Rollen, in die jene Figur schlüpft, sind wandelhaft. Sind es ihre Charaktere oder jene, die sie für die Besucher spielen soll? Ein Hurenspiegel über dem Bett und die ominösen Männer, die auftauchen, zeigen eine Möglichkeit. Die Metropole Paris weckt schon immer durch die Vorstellung Lust und Lebenslust. Das Rouge mit dem sexuell aufgeladenen Varieté ist ein Bestandteil der Metaphorik. Denn alles ist hier Symbol und erzeugt Bilder, die voller Sinnlichkeit sind und von raubtierhaften Wesen und Menschen bevölkert werden.

Die Königin der Nacht ist ein Mädchen mit vielen Namen. Sie hat einen Zufluchtsort gefunden, das Hotel D´Avalon. Dieser mythische Ort wird ihr Refugium. Die Welt um sie droht zerstört zu werden und alles, was ihr nun bleibt, sind ihre Traumflüchte. Doch sind es Träume? Sind es geforderte Lebensspiele? Wie bei jeder Weissagung, erscheint auch hier ein Komet und Namen und Inhalte zeigen sich als falsch. Wenn das Positive im Leben schwindet, sucht das Ego Erklärungen und klammert sich am Positiven. Das Schöne, das lustvolle Leben versucht den Geist zu belohnen. Besonders wenn die Apokalypse sich ankündigt. Der Symbolismus in der Literatur versucht dem Materialismus, den großen Veränderungen und der Bedrohung des Untergangs in Bezug auf die Gesellschaft und die Natur etwas Erklärendes entgegenzuhalten. Die Wertigkeit löst sich auf, wenn Umbrüche unsere Leben bedrohen. 

Das Mädchen im Hotel als Begehrende oder Begehrte wirbelt durch Ernstes, Verstörendes und durch eine Welt, die unrealistisch real wirkt. Die Episoden und Szenen sind grotesk, voller angedeuteter Erotik und trotzen stets den gesetzten Weltbildern. Die Traumwelt verwebt, verdichtet und macht vieles dunkel, damit das Helle gesehen werden kann. Das intime Leben verwandelt sich. In den Tiefen des Erlebten, in diesem Labyrinth aus erdachten Emotionen und empfundenen Realitäten zeigt sich eine Vielfältigkeit.

Der Text fordert, gibt dabei nicht an. Die Bilder sind überbordend, aber nicht überlaufend. Ein Kaleidoskop, das letztendlich den Blick auf uns wirft und die Symbole erschließen sich. Ein rebellisches Werk, das in Tiefrot gemalt wurde und Paris als Klischeehandlungsort gerecht wird, um daraus ein Vielfaches zu erzeugen. Mit dem Buch reist man aus der Wirklichkeit, um in diese benommen zurückzukehren. Ein Buch das still erobert und zuweilen lautstark erobert werden will. Die Sinnhaftigkeit und das träumerische Verwirrspiel erklären sich nur durch eigenes Betrachten.

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Danilo Pockrandt: „Das Lepomu und andere Wunderwesen“

Danilo Pockrandt erforscht das Phantastische. Zuletzt erschien von ihm: „Daliegen wie eine Falltür“ (siehe hier im Leseschatz). Im Dämmerzustand verweilen wir noch im Land der Träume und die sich androhende Realität begrenzt dieses Land anfänglich noch freundschaftlich. Dies ist der Kern seiner Kurztexte. In seinem Bilderbuch, an dem Kinder und Erwachsene gleichviel Freude haben werden, sind es erneut textliche Miniaturen und gemalte Wesen, die aus einem wahrscheinlichen Mikrokosmos entsprungen sein könnten. Zumindest wirken die Wunderwesen wie Insektoide. Ein Bestimmungsbuch der Fabelwesen, die aus dem Kopf von Pockrandt in unsere Welt gesprungen sind und es sich durch die Lektüre nun bei uns sehr gemütlich machen. Beim Durchblättern und Stöbern erkennt man Wunderliches, Humorvolles und stets Phantastisches. Jede Wesensbeschreibung birgt tolle Entdeckungen und die dazugehörigen Fabelwesenzeichnungen regen die eigene Phantasie an. Die Wunderwesen werden immer vertrauter und, wenn man genau schaut, haben alle stets etwas mit uns zu tun. Jede Charakterisierung wird durch eine untere Kurznotiz ergänzt, die den humorvollen Horizont erweitert.

Wir begegnen Wesen mit großen Köpfen für große Gedanken, die im Kreis laufen. Uns läuft der großartige Beramock über den Weg und fragt zischelnd wo denn das Meer sei. An der Küste angekommen, können wir dann auf den Wanderdünen den Hangdünenläufer beim Faulenzen beobachten. Durch das Bestimmungsbuch können wir ein Tazek erkennen, lernen, warum es Wesen gibt, die keine Hände ausbilden mögen und viele, viele mehr.

Die Texte und Tuschezeichnungen von Danilo Pockrandt sind für große und kleine Entdecker ein feiner Spaß. Alles ist unterhaltsam, witzig und erzeugt Zugänge zu anderen Welten, die wiederum doch die unseren sind. Ein Bestimmungsbuch voller Wunder.

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Karin Peschka: „Dschomba“

Wir tanzen, um uns vom Ballast zu befreien, um Vergangenes von uns abzuschütteln und um uns ein wenig frei zu fühlen. Die auslösende Szene in dem Roman „Dschomba“ beschreibt einen Tanz auf einem Friedhof. Die Haupthandlungsorte sind der Eferdinger Pfarrfriedhof und die Gastwirtschaft des Ortes. Somit verwebt sich hierbei die Geschichte zwischen gastlicher Geselligkeit und geistlicher Trauer. Der Tänzer ist der Serbe Dragan Džomba, der im November des Jahres 1954 fast halbnackt zwischen den Gräbern tanzt. Er singt dabei ein Wiegenlied. Sein Treiben wird als pietätlos erachtet. Die Beobachtungen der Dorfgemeinschaft schwanken zwischen Neugier, Abneigung und Aggression. Der Dechant beruhigt die Gemüter und gibt ihm ein Quartier im Pfarrhof.

Dragan Džomba ist auf der Suche. Dort wo es kaum noch Spuren der Geschichte gibt, sucht er genau diese. Er lebt in der Gemeinschaft weiter als Fremder. Er erlebt Anfeindungen, Argwohn und Freundschaft. Als alter Mann sitzt er in der Gastwirtschaft an seinem Stammplatz. Das Fremde bleibt stets dem Fremden haften, auch wenn er bereits jahrelang Teil der Gemeinde ist. Die junge Wirtstochter beobachtet und bedient ihn. Er trinkt abendlich lediglich einen Schnitt Bier. Es entsteht eine Neugier und eine Verbindung und die eigentliche Geschichte kristallisiert sich langsam heraus. Die Handlung kreist um den Serbenfriedhof und das Kriegsgefangenenlager, das dort während des Ersten Weltkrieges errichtet wurde.   

Es geht um die Geschichte, aber auch um die Gegenwart. Stets ist es das Fremde, das innerhalb einer Gemeinde die unterschiedlichsten Reaktionen, Gefühle und Aktionen heraufbeschwört. Der Roman wirkt sehr authentisch und verwebt Fiktives mit Wahrheit. Karin Peschka ist in Eferding, Oberösterreich, geboren und kann auf ihre sozialen Tätigkeiten zurückgreifen. Das Wissen über die Vergangenheit des Ortes, in dem sie aufgewachsen ist, verarbeitet sie sehr literarisch. Ihr Aufwachsen in einem Gasthof und die Begegnungen hauchen dem Roman das entsprechende Leben ein. Ziemlich schnell verwurzelt man mit den Zeilen im Gasthof und dem Ort und lauscht den Geschichten über die Lebens- und Schicksalswege. Der Text will anfänglich etwas erobert werden, bereitet dann aber in Folge viel Freude. Das Verträumte trifft hier auf Geschichtliches und regt dabei durch die Sprache die Sinne an. Die Charaktere treten aus dem Nebulösen immer deutlicher hervor und mit ihnen auch ein feiner, leicht böser Humor. Der blinde Fleck in der Historie der Ortschaft und die Frage nach Heimat sind die Hauptthemen des Romans.

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