Rafael Chirbes:„Am Ufer“

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Das Buch ist wohl nichts für romantische Leser, denn der Roman ist kein leichter Text , der zur Flucht aus der Realität zu verstehen, geschweige denn als solcher geschrieben wurde. Die Gestaltung des Buches lässt bereits vermuten, man wird ein Buch zur spanischen Krise lesen – der Baukrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise, der Familienkrise und wohl der Sinnkrise allgemein.

Ein unglaublich realitätsnaher Roman, der in der Kleinstadt Ondara in Spanien spielt. Rafael Chirbes hat bereits in seinem letzten Roman „Krematorium“ das Platzen der Immobilienblase vorausgesehen und all die Verheerungen beschrieben, die der wilde Kapitalismus unserer Zeit hat. Der Autor ist überzeugter Marxist und erzählt in seinem neuen Roman „Am Ufer“ vom totalen moralischen Bankrott eines Landes, die Krise ist nicht nur im Roman endgültig im Leben der Menschen angekommen. Wie geht es den Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und denen, die keine finden? Wie denen, die auf falsche Versprechungen vertraut haben, von Banken und dubiosen Beratern? Davon erzählt „Am Ufer“ schonungslos als eine Art Wirtschaftsroman und Familiengeschichte. Chirbes schreibt die Mentalitätsgeschichte Spaniens aus der Sicht einzelner Protagonisten mit viel Humor und Witz und stets mit guter Menschenkenntnis und einer offenen Beobachtungsgabe und schreibt in einer sarkastischen, literarischen Sprache. Er führt uns die gesellschaftlichen Verwerfungen vor Augen.

Der Roman „Am Ufer“ beginnt mit dem Objekt des Endes aus „Krematorium“, dem Aas. Der Ausflug ins Grüne entpuppt sich tatsächlich als ein Spaziergang in Bauschutt. Die Immobilienblase in Spanien ist geplatzt, die Profiteure haben ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Zurückgeblieben sind nur noch Verlierer. Ihnen gilt Rafael Chirbes’ Interesse. Es ist ein Roman, der uns Figuren und Typen zeigt, die durch ihre Krise gehen müssen. Wir lernen Esteban kennen. Dieser hat das Kapital der Familenschreinerei verspekuliert, ist pleite und muss nun seine Angestellen entlassen. Esteban hatte sich als junger Mann ein anderes Leben erträumt, ist dann aber doch in der Familienschreinerei hängengeblieben. Aber anders als sein sozialistisch strenger Vater, der nach der Maxime lebt: Wir beuten niemanden aus, wir leben von dem, was wir erarbeiten, wollte Esteban wie alle anderen auch sein Stückchen vom großen Immobilienkuchen. Zu spät. Die Firma geht pleite und mit ihr die Schreinerei. Doch Esteban ist auch mit siebzig noch ein vitaler Mann. Und er ist Realist. Eine Perspektive für die Zukunft sieht er nicht und zieht die Konsequenzen.

Ein Roman, der uns den menschlichen Sumpf aufzeigen mag und die Verlorenen, die Träumer und die im gewissen Sinne Versklavten.  Aber es ist auch ein positiver Roman, ein literarischer Aufruf zum Widerstand.

Wir sollten der Erzählung, der Stimme von Rafael Chirbes lauschen, wenn wir an den Werten Europas festhalten wollen. Ich denke, „Am Ufer“ wird eine Bereicherung für seine Leser darstellen und ist wohl jetzt schon „Weltliteratur“.

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