Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

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Der neue Murakami, sein größter Erfolg, ein Roman über Freundschaft, Liebe, Schmerz und Schuld.

Um seinen Schmerz, seine seelische Wunde zu heilen muß Tsukuru Tazaki in seine Vergangenheit reisen. Auf der Suche nach seinen damaligen Freunden, den vier farbigen Menschen in seinem farblosen Leben, die ihm eine nie verheilte Wunde zugefügt hatten.

„Der Auslöser für die starke Anziehungskraft, die der Tod auf Tsukuru Tazaki ausübte, war eindeutig. Seine vier engsten Freunde hatten ihm eröffnet, dass sie ihn niemals wiedersehen oder mit ihm sprechen wollen. So unvermittelt wie erbarmungslos. Ohne ihm den Grund für das harte Urteil mitzuteilen. Und er hatte nicht zu fragen gewagt.“ (Textauszug aus Kapitel 1).

Seine vier Freunde sind die vier Farben. Alle haben eine Gemeinsamkeit, die Tazaki nicht teilt, in jedem Nachnamen kommt eine Farbe vor. Die beiden Jungen heißen Akamatsu, Rotkiefer und Aoumi, blaues Meer. Die beiden Mädchen Shirane, weiße Wurzel und Kurono, schwarzes Feld. Nur der Name Tazaki beinhaltet keine Farbe. So nimmt er sich auch wahr: Leidenschaftslos und farblos. Es sind immer die farbigen Menschen, denen Tazaki begegnet, die ihn begleiten und prägen. Die Menschen, die ihm aber Tiefe geben, tragen auch Farben im Namen, doch sind es die Menschen, die entweder alle Farben einverleiben, d.h. Schwarz oder nur noch aus Licht sind, d.h. Weiß. Sein einziger Freund während seiner späteren Studienjahre ist „Grau“ eine Mischung aus Weiß und Schwarz. Hier wanderten stets meine Gedanken an die Farbenlehre von Goethe.

Seine Reise in die Vergangenheit ist untermalt durch ein Musikstück, das Shirane stets auf dem Klavier gespielt hatte: „Le Mal du pays“. Das ist das achte Stück von Franz Liszts „Annés de pélerinage.- Première année: Suisse“. Ein passendes Werk. Es sind die tönenden Erfahrungen der Wanderjahre von Liszt. Dies lässt wiederholt an Goethe denken (Wilhelm Meister). Die komplette Aufnahme von „Annés de pélerinage“ eingespielt von Lazar Berman trägt in sich eine Sehnsucht und Melancholie, die von heiteren, nie aber ins kitschige gehenden Melodiebögen unterbrochen werden. Dies ist eine passende musikalische Untermalung der Seelenzustände des Herrn Tazaki, der sich in Japan und Finnland auf die Suche nach Klärung und Heilung macht.

Sara, die Frau, die in der Gegenwart in Tazakis Leben kommt, ist erschüttert, denn wenn ihre Liebe eine Chance haben soll, beschwört sie ihn, diese Pilgerreise anzutreten, um sich selber zu finden. Seine Farbe, seinen Klang. Er ist Ingenieur für Bahnhöfe. Seine Aufgabe ist es, diese zu restaurieren, technisch aufzuwerten und die Menschenströme bei Umbaumaßnahmen umzuleiten. Er ist Wegweiser ohne es zu sein. Er liebt es, Menschen an Orten zu beobachten, an denen man ankommt, umsteigt oder wegfährt. Er, der selber einen Ort zum Ankommen sucht.

Ein monumentaler Roman, der lange wirken wird und wohl jetzt schon einer der literarischen Höhepunkte im Jahr 2014 ist. Ein Werk über vier Farben und eine Reise, das auch als gedrucktes Buch ein Kunstwerk ist. Das gebundene Buch hat auf dem Titel einen grauen Schmetterling, der erst durch den Folienumschlag seine Farben erhält. Möge das Buch viele Leser finden und in diesem lange nachklingen und eine Färbung hinterlassen…

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4 Kommentare

Januar 6, 2014 · 10:36 am

4 Antworten zu “Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

  1. Ich schließe mich Deiner Meinung. Die Pilgerjahre dürften einer der Höhepunkte des Jahres sein. Ich habe das Buch sehr genossen und hoffe schon bald einen neuen Murakami lesen zu dürfen.

  2. Pingback: Rezension: Haruki Murakami, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki | Leipzig.Lebensmittel.Punkt.

  3. Pingback: „Von Männern, die keine Frauen haben“ | leseschatz

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