Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“

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Ein Roman, der einem Erwachen gleicht. Man fühlt mit dem Erzähler, der sich im ersten Satz bereits fragt, ob er alles nur geträumt habe. „Gräser der Nacht“: der Titel ist wie ein Bild, das die Geschichte spiegelt. Im Hellen mag alles deutlich sein, jedes Detail, jeder Grashalm ist zu erkennen, doch mit der Dämmerung verblassen die Farben, die Eindrücke und das Einzelne. Es bleibt nur die Erinnerung an das farbige Leben.

Patrick Modiano, gerade mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, hat mit „Gräser der Nacht“ zeitgenössische Erinnerungsliteratur geschrieben. In einem stets undramatischen und leicht melancholischen Ton wird die Geschichte mit der Gegenwart und dem Paris der sechziger Jahre verbunden. Aus der Distanz eines halben Jahrhunderts erinnert sich der Erzähler Jean, wie er Mitte der sechziger Jahre in Paris die geheimnisvolle Dannie kennenlernte. Jean streift durch das heutige Paris und wandert zurück in seine Vergangenheit. Mit Hilfe seiner damaligen Notizen und den Orten, die er jetzt wieder aufsucht, versucht er sich zu erinnern. In ihm und dem Leser wird immer mehr das Gefühl der beständigen Ungewissheit verstärkt. Bestimmte Namen, Gesichter und Details kommen ihm in den Sinn. Aber es scheint niemanden mehr zu geben, der jetzt mit ihm über damals reden kann oder mag. Er versucht Zeugen der damaligen Geschichte zu finden, doch scheinen alle vergessen zu haben. Oder es scheint keine Zeugen zu geben.
Als Jean damals Dannie kennenlernte und sich in sie verliebte, hatte sie viele Adressen und Namen. Sie lebte mit falschen Papieren und verkehrte mit einer zwielichtigen Gruppe von Menschen, die politische Kontakte nach Marokko unterhielten. Trotz der beständigen Ungewissheit wurden beide ein Liebespaar. Er der angehende Schriftsteller und sie, die Frau, die von vielen Geschichten umrankt ist und die auch von der Polizei gesucht wird. Dannie verschwindet einfach von einem Tag auf den anderen und Jahre später wird Jean als Zeuge von den Behörden zu einem ungeklärten Todesfall verhört. Es geht auf die wahre Geschichte eines marokkanischen Exilpolitikers zurück, der am 29. Oktober 1965 in Paris entführt und ermordet wurde.

Ein literarischer Roman voller Feinsinnigkeit und Schönheit. Ein Buch, das den Leser das Verwirrspiel der Protagonisten und dieser Geschichte nachempfinden lässt. Ein sprachlich schöner Roman, der seine Tiefe in jenen melancholischen Grautönen hat, die einer Dämmerung gleichen, jenem Zustand, der dem Betrachter die Kontraste und Farben wegnimmt. Auch wenn alles da ist, bleibt es in der Nacht oder in den Zeiten verborgen…

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