Joanna Rakoff: „Lieber Mr. Salinger“

Knaus Salinger

Die Reihe der bibliophilen Bücher hat durch „Lieber Mr. Salinger“ ein neues, schönes Werk hinzubekommen. Ich habe es leider erst jetzt gelesen und es hat mich unter anderem in meine eigene Biographie reisen lassen.

Ein wunderbares Buch über die Liebe zu Büchern, zur Literatur und eine Liebeserklärung an die Zeit vor der Digitalisierung.
Gleich am Anfang des Buches steht die Anmerkung der Autorin, dass diese Geschichte der Wahrheit entspricht. Joanna Rakoff gehört wohl zu den wenigen, die Salinger persönlich kannten. Dieser Roman ist aber mehr als nur eine Erzählung um das Werk von Salinger – macht aber auf dieses (erneut) sehr neugierig.

Es ist die Geschichte von Joanna, die nach ihrem Studium als Assistentin in einer angesehenen Literaturagentur beginnt. Gleich am ersten Tag verdeutlicht sich die Wahrnehmung ihrer Rolle. Sie sieht sich als Teil des kulturellen Literaturbetriebes und ist doch nichts anderes als eine Sekretärin, die die Korrespondenz zwischen Verlagen, Autoren und Lesern auf einer Schreibmaschine zu tippen hat. Die Zeit der Digitalisierung naht, ist diesem Büro aber noch sehr fern. Die Chefin hält nichts von all diesen modernen Techniken und so dauert es länger bis der erste Computer die Recherchen innerhalb des Hauses vereinfachen darf.

Joanna tritt in ein sehr persönliches, entschleunigtes Berufsfeld, dessen Arbeitsabläufe sehr langsam und aufwendig sind. Doch spürt Joanna den Drang in dieser Welt zu bleiben, sie bestaunt die Regale mit den gedruckten Werken und hofft auf den Eintritt in die schaffende Literatur. Bald aber beginnt sie zu zweifeln, denn ihre Eltern sehen sie lieber in wirtschaftlich sicheren Jobs und sie verlangen nun, da sie verdient, den Collegekredit selbst zurückzuzahlen. Dies und ihr unsympathischer Freund, der sich als Autor feiert, erschwert Joanna ihr erträumtes Leben in New York. Ihre Tätigkeiten in der Agentur sind strikt reglementiert. Ihre Aufgaben sind die interne Verwaltung des agentureigenen Karteikartensystems und das Tippen der via Diktafon diktierten Schreiben ihrer Chefin.

Es dauert etwas bis sie versteht wer dieser Jerry ist, der in dieser Agentur wie ein Star behandelt wird. Auf keinen Fall darf seine Adresse weitergegeben werden, wenn jemand anruft. Erst langsam begreift Joanna, denn sie muß die Leserbriefe beantworten, die der Autor nicht sehen möchte, es ist J.D. Salinger, den diese Agentur vertritt. Leider hat Joanna aber selbst noch nie ein Werk von ihm gelesen.

Durch ihr Wirken und den Lesestoff beginnt Joanna sich nun zu verändern, sie schafft sich ihren Freiraum und betritt ihr eigenes Leben.

Dies Buch ist ein kleiner Schatz über die Welt der Autoren, deren Agenturen und Verlage. Ein sehr persönliches Buch, denn es ist die Geschichte der Autorin und lässt den berühmten amerikanischen Autoren Salinger lebendig werden.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, denn ich lebe in dieser Welt. Ich bin gelernter Buchhändler und habe auch in die Welt des herstellenden Buchhandels geschnüffelt. Ich habe in Verlagen gearbeitet, die in der Weltstadt Hamburg noch alles auf altmodische Weise verwalten und ein Kundenkarteisystem hatten, dass mich immer noch, wenn ich daran denke sehr belustigt. Auch hatte ich einen herrischen Chef, der in Kiel Verleger spielen wollte. Alles habe ich in diesem Buch erneut gefunden. Aber vorrangig auch meine Liebe zum gedruckten Buch. Menschen, die sich um Inhalte und deren haptische Verpackung Gedanken machen. Es stellt die Literatur und das Buch als Kunstwerk in den Mittelpunkt.

Zum Buch

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

5 Antworten zu “Joanna Rakoff: „Lieber Mr. Salinger“

  1. Lieber Hauke,
    nach dieser begeisterten und animierenden Besprechung weiß ich nun, daß ich dieses Buch lesen wollen muß 😉
    Herzlichen DANK für das Vorlesen und Weitersagen.
    Sonnige Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

  2. Lieber Hauke,

    es freut mich sehr, dass du nun endlich auch Rakoffs Werk gelesen hat. Ich hab die Autorin bei der Lesung zur Leipziger Buchmesse live erleben dürfen und ihre Stimme hallte während dem Lesen in meinem Kopf. Sie ist eine so sympathische junge Frau, die ihre Erfahrungen auf sehr einfühlsame und unaufgeregte Art niedergeschrieben hat. Ich hab ihre Zeilen sehr genossen.

    Liebe Grüße, Steffi

    • Liebe Steffi,
      vielen Dank für Deine Zeilen. Leider habe ich das Buch erst jetzt für mich entdeckt – aber nicht zu spät 😉
      Herzliche und liebe Grüße, Hauke

  3. Pingback: Tanzstunden | www.beat.company

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