Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“

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Roland Schimmelpfennig hat als Dramatiker mit dem vorliegenden Buch seinen ersten Roman geschrieben, der für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Es ist ein Werk, das sich aus vielen kleinen Einzelszenen zusammensetzt. Man spürt beim Lesen stets den Theaterautoren, der hiermit ein Buch geschrieben hat, dass wie ein Bühnenstück wirkt, das aber nicht für die Theaterbühnen umzusetzen ist.

Der Titel ist auch gleich der erste Satz des Romans, der in sich bereits die Stimmungen und Fragen des Buches beinhaltet. Es ist Januar, also der Anfang eines neuen Jahres im neuen Jahrhundert. Die Menscheit hat es weit gebracht, aber hat sie sich wirklich weiterentwickelt? Die Kälte des Winters ist hier symbolisch in den Protagonisten zu finden, die jeweils in ihrem eigenen Kosmos in Berlin leben. Durch das Auftreten eines Wolfes erhaschen wir kurze Einblicke in die Menschen, die seinen Weg durch die Metropole kreuzen. Es ist ein einsamer Wolf, ein Rudeltier, das ausgehungert durch das Revier der Menschen streunert.  Der Wolf als Bild des Wilden, Natürlichen, das die Menschheit verdrängt hat. Aber auch als Wesen, das fasziniert und märchenhaft uns an etwas in uns selbst erinnern lässt…

Die Menschen, die wir kennenlernen, leben alle nahe oder in der Hauptstadt. Die ganze Stadt wird in Aufregung versetzt, denn es wurde ein herannahender Wolf gesichtet. Ein polnischer Arbeiter erblickt den Wolf als erstes und macht auch mit seinem Handy ein Foto, das schon bald in allen Medien gezeigt wird. Da seine Freundin ihn betrügt, wird er alleine dadurch noch mehr isoliert und trübselig. Der Kioskbesitzer Charly und seine Frau Jackie leben einfach und sind dem Wahn verfallen, der Wolf stelle eine Demütigung dar und schrecken auch nicht davor ab, sollte das Tier erneut ihren Weg kreuzen, das Tier zu erlegen. Die Menschen empfinden sich als modern und als Zentrum ihrer Welt, doch wird durch einen kleinen Anstoß von außen das Urbane, das Tierische in ihnen erweckt. Gleich der Jugendlichen, die von ihrer Mutter geschlagen wurde, dann abhaut und mit ihrem Freund durch Berlin irrt. Die jeweiligen Eltern suchen sie, sofern sie dazu in der Lage sind. Einer muss dafür die Psychiatrie verlassen und manch andere trinken oft und einfach zuviel. Auffallend ist, dass diese Eltern keine Namen bekommen, sondern lediglich in ihrer Rolle auftreten. Menschen als Spiegel und als Übertreibung der sozialen Vereinsamung und der dadurch drohenden Erkrankung.

Der Wolf bleibt der einsame Wolf, der sich nicht verstellt und auf dem Weg nach Nahrung die Stadt aufsucht. Die Menschen, denen er begegnet sind eher die Wilden, die verstellten und erkalteten Wesen. Es ist überall dunkel und winterlich kalt. Die Menschen sind alle irgendwie verbunden, gleich den ständig genannten Bahnstrecken und Schienennetzten. So ist auch der letzte Aufzug, die letzte Szene an solchen Schienen, wo ein gesuchter Mensch zum ersten Mal in Erscheinung tritt, als der Wolf das literarische Bühnenbild verlässt…

Eine sehr gelungene Montage diverser Charaktere und ihrer Geschichten, die sich gleich kleiner Kurzgeschichten lesen. Langsam erliest sich ein großes Bild, das wir nur in kurzen Stücken beleuchtet sehen. Der einsame Wolf steht dem vereinsamten Rudeltier Mensch gegenüber. Ein Buch, das mit Banalitäten bewusst spielt und doch sehr literarisch ist und dadurch kluge Emotionen im Leser erwecken kann.

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