Yoko Ogawa: „Hotel Iris“

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Yoko Ogawa ist für mich ein Phänomen, sie schreibt so einfache und dennoch ausdrucksstarke Sätze, die für mich beinahe poetisch sind. Bei ihren Werken entsteht fast schon ein magischer Sog, der durch die feine, sinnliche Sprache und Erzählstruktur fesselt.

Bekannt ist die japanische Autorin durch ihre Werke „Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ und „Schwimmen mit Elefanten“. Nun ist im Taschenbuch ein älteres Werk von ihr erschienen, das ich bisher nicht kannte. Es ist eine Geschichte voller dunkler Begierde und Erniedrigungen. Das knapp, fast schon karg geschriebene Buch scheut keine Tabuthemen. Es geht um Einsamkeit, Erniedrigung, Sexualität, krankhaftes Verlangen und Sadomasochismus. Im Mittelpunkt steht die Abhängigkeit und Begierde zwischen zwei unterschiedlich alten Menschen. Ein älterer Mann, lediglich „der Übersetzer“ genannt, und die minderjährige Mari lernen sich kennen. Die Handlung erinnert leicht an den Film „Der Liebhaber“, zeigt aber im Roman von Ogawa eine dunklere Welt als das französische Filmdrama.

Das Hotel Iris ist ein leicht schäbiges Haus in einem touristischen Küstenort. Das Hotel wird meist von Japanern aufgesucht, die einen kurzen Strandurlaub planen. Es ist kein Hotel zum Verweilen, daher ist der Bezug zum personifizierten Regenbogen (Iris) wohl eher auf das Seelenleben der Protagonisten zu sehen. Denn die junge Mari muss hart im Hotel mitarbeiten und ihre strenge Mutter gibt ihr kaum Raum für sich. Selten hat das Mädchen die Möglichkeit das Etablissement zu verlassen. Sei es, um nur gleich um die Ecke ein Eis zu kaufen.

Eines Tages, als Mari wie üblich abends an der Rezeption arbeitet, entfernt sich eine Prostituierte aus einem Zimmer und beschimpft beim Hinausgehen, den von ihr aufgesuchten Gast des Hotels. Die Stimme des Gastes, der der hinauspolternden Frau nur einen Satz hinterherruft, lässt in Mari etwas erklingen. So macht Mari Bekanntschaft mit diesem viel älteren Herren, der sie sofort begeistert und in seinen Bann zieht. Sie treffen sich heimlich und lernen sich kennen. Er lebt zurückgezogen und einsam auf einer kleinen Insel, die man nur mit einer Fähre erreicht. Er arbeitet als Übersetzer von russischen Texten ins Japanische. Meist Packungsbeilagen und Anleitungen. Nebenbei übersetzt er einen russischen Roman, dessen Heldin ebenfalls Mari heißt und die durch ihre vom Ehemann ungewollte Schwangerschaft auf übelste misshandelt wird. Der Übersetzer zeigt sich besonnen und edel, doch kann er auch sehr herrisch und bestimmend sein. Diese Seite lernt Mari immer mehr kennen, aber auch fast schon lieben. Seine Ausbrüche verwandelt er in sexuelle Phantasien und Mari wird das Opfer seiner perversen Neigungen, die sie aber nicht abschrecken, sondern auch erregen und ihr sogar gefallen. Er zweifelte durch seine bisherige Einsamkeit an seiner Existenz und seine nun ausgelebte Macht lässt ihn aufleben. Umso hässlicher Mari sich empfindet, desto mehr gestattet sie ihm sie zu erniedrigen und sie zu einem Stück Fleisch zu degradieren. Dabei empfinden beide ihre Lust. Ihre Neigungen, Unterwerfungen und Begierden drücken ihre beiden jeweils erlebten Schmerzen aus.

Gleich der Figur in dem Roman, den er für sich übersetzt, muss nun Mari viel Leid und Demütigung ertragen. Auch ist die Frau des Übersetzers durch tragische Umstände ums Leben gekommen. Hat er Schuld am Tod seiner Frau? Und was droht Mari in dieser ungleichen Beziehung? Als der stumme Neffe des Übersetzers zu Besuch kommt und er Mari ganz anders behandelt und sich zu ihr zärtlich hingezogen fühlt, kommt es zur Eskalation.

Ein Buch voller dunkler Sehnsüchte, Begierden und Machtspiele. Lust und Schmerz stehen der erhofften Liebe gegenüber. Ein eleganter, düsterer und aufwühlender Roman, voller Schattenseiten. Auch wenn einzelne Szenen und Verstrickungen abstoßend und für den Leser unverständlich sind, bleibt das Buch immer literarisch und wird nie anzüglich. Man liest gebannt den Verlauf der Handlung und die Abhängigkeiten der Protagonisten zueinander.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Yoko Ogawa: „Hotel Iris“

  1. Ich hab‘ das Buch schon vor Jahren gelesen und gerade gestern in der neuen Taschenbuchausgabe in der Buchhandlung gesehen. Es war mein erstes Buch von Yoko Ogawa, und ich war völlig überrascht von diesen minutiösen Beschreibungen, die mir Schrecken eingejagt haben, mich aber gleichzeitig neugierig machten. Es waren Gefühle wie in der Kindheit, in der ich vieles nicht verstand und die Dinge, bzw. Erlebnisse manchmal beziehungslos nebeneinander standen.

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