Zia Haider Rahman: „Soweit wir wissen“

Zia Haider Rahman Soweit wir wissen Berlin Verlag

Ein Koloss von einem Buch, in dem es um das große Ganze geht. Doch was ist das große Ganze überhaupt? Was treibt uns Menschen an und was macht uns aus? Ist unsere Biographie mehr durch die persönliche Herkunft oder das kulturelle Umfeld geprägt? Was passiert, wenn die uns bekannte Welt auseinanderbricht? Sei es durch naturwissenschaftliche Errungenschaften, durch religiösen Fanatismus oder durch Kriege. Der Roman spannt den Bogen über diese großen Themen. Eine Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es geht um Geopolitik, Philosophie, Migration und die Finanzkrisen. Das Buch will viel und spannt eine Brücke, durch die alle Themen irgendwie miteinander verbunden werden. Denn in der Mathematik, der Geschichte, der Wissenschaft und in der Religion gibt es Behauptungen, die wir lediglich glauben können. Jedes System birgt Lücken und wir können diese nur mit unseren Erfahrungen füllen. Es bleibt aber immer noch eine klaffende Lücke, soweit wir wissen…

Diese Lücken tauchen auch in dem vorliegenden Werk auf. Doch sind es Kunstgriffe, die uns zusammen mit den Protagonisten abschweifen und stets viel erfahren lassen. Die Sprünge im Handlungsverlauf wirken chaotisch und schaffen dann doch wieder den Bezug zum Inhalt des Werks, gleich Fraktalen. So sind es gerade die Brüche, die einzelnen Episoden aus dem Leben der Figuren, die diesen großen Bildungsroman zusammenhalten.

Im Zentrum steht die Geschichte der Migration, die vom Erzähler, dem Freund des eigentlichen Helden, aufgezeichnet, zusammengetragen und mit Marginalien ergänzt wird. Im Jahr 2008 steht Zafar abgerissen und erschöpft vor der Tür des Freundes in London. Der aus Pakistan stammende Erzähler hat gerade seine Arbeit als Banker verloren. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat somit genügend Zeit für Zafar, den er anfänglich gar nicht wiedererkannt hatte, als dieser nach einigen Jahren unerwartet vor seiner Tür steht. Durch die Finanz- und Ehekrise hat der Erzähler, der lange gut gelebt hatte, alles verloren und widmet sich nun der Biographie seines Freundes und reflektiert sein eigenes Leben.  Zafar stammt im Gegensatz zum Erzähler aus armen Verhältnissen aus Bangladesch. Durch lange, sprunghafte Gespräche und Notizen baut sich langsam das große Ganze auf. Die Kindheit Zafars in einfachen Verhältnissen, dann die Liebe zur Mathematik, die keine Grenzen kennt, lediglich eine Sprache ist, die nur benennt, sofern es sich mit Fakten belegen lässt. Doch die Naturwissenschaft hat auch ihre Grenzen und Zafars Leben ist geprägt von Entfremdung, der Suche nach Stabilität und dem ewigen Scheitern. Das Scheitern der Migration sowie im Beruf und der Liebe. Zafars Liebesgeschichte mit Emily wird ein ohnmächtiges Spiel, in das sie ihn verwickelt und das ihn krank werden lässt. Der psychische Verfall eines Mannes geht einher mit den Geschehnissen des 21. Jahrhunderts. Die Entfremdung und die Einsamkeit als große Gleichung in diesem Roman voller Erkenntnis und Täuschung. Beide Helden sind intelligent und scheitern doch.

Es ist ein Roman über viele Ereignisse am Beispiel einzelner. Ein Debütroman, der viel zu sagen hat und von detaillierten Charakteren belebt wird. Ein Buch, das mit Wissen spielt und ganz nebenbei die großen Fragen zur Weltpolitik, Kultur und  den wichtigen Schlüsselthemen der Gegenwart aufwirft.

Zia Haider Rahman hat ein sehr umfangreiches Werk geschaffen, das uns gleich den Protagonisten hinhören lässt und viel zum Nachdenken, Nachforschen und Nachfühlen bietet. Der Text hat etwas Verkopftes und ist dennoch ein kunstvoll gewebter Stoff aus vielen bunten Flicken, die aus allen menschlichen Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie bestehen.

Der Roman, der sich zwischen Bangladesch, London und New York bewegt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und Tiefe durch die Biografie Zia Haider Rahmans. Der Autor wurde gleich seinem Helden im ländlichen Bangladesch geboren. Nach dem Befreiungskrieg 1971 kam er noch als Baby nach London. Rahman konnte seine einfache schulische Ausbildung dank eines Begabtenstipendiums in Oxford fortsetzen und komplettierte sie in München, in Cambridge und in Yale. Er hat als Investment Banker, später als Anwalt gearbeitet. Seit ein paar Jahren arbeitet Rahman als Anwalt für Menschenrechte und kämpft vor allem gegen Korruption. So birgt das vorliegende Buch wohl viele autobiografische Züge.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Zia Haider Rahman: „Soweit wir wissen“

  1. Pingback: Blogbummel Juni 2017 – 1. Teil – buchpost

  2. Deine Rezension kommt ja wie gerufen, da wir gefragt wurden, auch eine Rezension dieses Werkes zu schreiben. Danke für deine Anregungen.
    Mit herzlichen Grüßen von der sonnigheißen Küste Nord Norfolks
    The Fab Four of Cley

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