Marc-Uwe Kling: „QualityLand“

Marc-Uwe Kling Qualityland Ullstein

In naher Zukunft wird das Leben technisch noch optimierter als es bereits ist und der Alltag wird durch Algorithmen bestimmt. Das Ganze hat eine Qualität erreicht, die dem Land gleich seinen Namen gab: das Qualityland.  „In Qualityland lautet die Antwort auf alle Fragen: ok“. Die Menschen sind beständig online und der Ohrwurm bekommt endlich die Bedeutung, die seinem Namen gerecht wird. QualityPartner weiß, welcher Partner zu Dir passt und Menschen, die noch Single sind, legen die Vermutung nahe, Freaks zu sein, die offline leben. Selbst der Straßenverkehr ist durch selbstfahrende Autos gesichert. Der größte Onlinehandel, lediglich „The Shop“ genannt, liefert mit sprechender Drohne die Produkte aus, die man sich wünscht, ohne sie bestellen zu müssen. Das System weiß anhand des Profils, was man haben möchte.

Marc-Uwe Kling hat einen sehr unterhaltsamen Zukunftsroman geschrieben, der wohl sehr nah an unserer Gegenwart vorbeischrammt und bei weitem witziger ist als die üblichen Dystopien und satirischen Romane, die in der nahen Zukunft angesiedelt sind und uns, der Gesellschaft, einen Spiegel vorhalten. Als Leser und Hörer der Känguru-Geschichten hört man in vielen Dialogen die wohl bekannten Stimmen des Kleinkünstlers und seines Beuteltiers heraus. Dies ist wohl auch der einzige Vorwurf, dem man diesem Buch machen könnte, dass Kling seinem Erfolgskonzept treu bleibt. Aber hörige Menschen, die dem Guru Käng verfallen sind, werden gerade dies an Qualityland lieben.

Die Bevölkerung ist eingestuft in verschiedene Levels, die sich aus gesellschaftlichem Ansehen, Errungenschaften und finanziellem Hintergrund ergeben. Die Nachnamen wurden vereinfacht weggelassen und man bekommt den Namen des Berufes des Elternteils mit dem gleichen Geschlecht. So heißt der Held des Romans Peter Arbeitsloser, dem Stück für Stück klar wird, dass irgendetwas mit seinem Leben nicht stimmt. Peters Arbeitsplatz ist die Schrottpresse, denn es ist verboten worden, Maschinen zu reparieren und somit landen viele Maschinen und Roboter bei ihm. Da sie bei Auftragserteilung in seinen Besitz übergehen, legt er den Zeitpunkt der Verschrottung nach eigenem Belieben fest oder auch gar nicht. So befinden sich in seinem Umfeld künstliche Intelligenzen, dümmliche Kampfroboter und ein QualityPad mit dem Namen Pink, das seine Persönlichkeit aus der Lektüre der Gespräche eines Kleinkünstlers und dessen uns bekannten Mitbewohners aufgebaut hat. Die Maschinen, die dem Leser begegnen sind sehr menschlich geworden. So gibt es fliegende Drohnen, die unter Flugsangst leiden, Androiden, die als Schriftsteller unter einer Schreibblockade leiden und ein Kampfroboter mit Belastungsstörung. Die Menschen, die sich gänzlich dem Netz, das seinen Namen wohl nicht ohne Grund von einer natürlichen Falle entwendet hat, hingeben, werden immer stumpfsinniger und mechanischer. Das Internet bietet nur noch dem Nutzer angepasste Seiten und Inhalte. Auch die Literatur wird für den jeweiligen Gemütszustand des Lesers umgeschrieben. Wenn jemand zart besaitet ist, bekommt er u.a. auch mal eine Ausgabe von „Das Lied von Eis und Feuer“, in dem es keine Toten gibt, zu lesen. Der berufliche und private Alltag wird von Algorithmen bestimmt, die diverse Vorschläge machen, die man lediglich mit „ok“ bestätigen kann. Doch was ist, wenn das eigene Profil im Netz nicht zu der wirklichen Person passt? So bekommt Peter eines Tages eine Sendung zugestellt, die er nicht gebrauchen kann. Der Umtausch gestaltet sich als problematisch und Peter verlangt, die Geschäftsleitung zu sprechen. Es kommt zu einem aberwitzigen Trip, der einen fast schon typischen Showdown einer Dystopie beinhaltet und zur Seite stehen ihm dabei menschliche Maschinenstürmer und diverse Maschinen.

Das Buch ist aus der Perspektive von Kaliope 7.3 geschrieben, die dank des Abenteuers ihre Schreibblockade lösen konnte. Nicht nur Peters Abenteuer wird beleuchtet, sondern auch der Wahlkampf in Qualityland. Denn zur Wahl hat sich auch erstmals ein humanoider Roboter aufgestellt. Der Text wird unterbrochen durch diverse Postings, nebst Kommentaren diverser User und Werbeblöcken für Qualityland und die dortigen Unternehmen, die uns das Leben vereinfachen wollen.

Eine tolle Zukunftssatire, die sehr viel Spaß macht und bei der man beim Lesen sofort die Stimme des Autors im Kopf hat, sofern man seine Hörbücher kennt. Eine Mahnung vor der Abhängigkeit von diversen Internetgiganten und vor der Glorifizierung der gänzlichen Digitalisierung. Kling hat somit eine Fortsetzung des Kängurus geschrieben, die keine wirkliche Fortsetzung ist, aber die verlängerte Version dessen Inhalte mitnimmt und in die Zukunft katapultiert.  Känguru 4.1 sozusagen. Witzig, sag ich.

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