Dietmar Krug: „Die Verwechslung“

Dietmar Krug Die Verwechslung Otto Müller Verlag

Ein Roman, der es sehr gekonnt versteht, heikle Themen anzupacken und dabei stets eine Balance hält, die es dem Leser nicht einfach macht, sich zu entscheiden, ob man den Held des Romans mögen darf oder nicht. Ein gebildeter Talkmaster, der souverän diskutieren kann, jedoch stets das letzte Wort haben möchte, verzettelt sich in seiner Sendung über Genderfragen und zur Homosexualität immer mehr. Er gerät in diese Krise durch Eitelkeit und Quotenerfolg.  Ferner hat er in seinem gerade frisch erschienen Roman über seine Schulzeit einen Fehler gemacht. Beides, seine Buchpublikation und die Sendungen über Homosexualität, gefährden seine Existenz, lassen sein soziales Umfeld und seinen gesellschaftlichen Status immer brüchiger werden.

Frank Theves ist ein erfolgreicher TV-Talkmaster mit einer eigenen Sendung bei einem kleineren Sender. Er hat einen autobiografischen Roman geschrieben, der gerade in den Handel kommt. Voller Stolz schreibt er eine Rundmail an seine damaligen Freunde und Schulkameraden. Denn in Kürze wird er dort lesen, wo er aufgewachsen ist und wo er somit auch die Handlung seines Romans angesiedelt hat. Er hat in seinem Buch alle Figuren namentlich verändert. Aber aus Rachegelüsten hat er einen Namen unverändert in eine Szene eingebaut. Er beschreibt eine Misshandlung, d.h. einen prügelnden Pater, der einen Jungen brutal schlägt, weil dieser die Schulordnung dezent mit Füßen tritt. Als er gerade die Mail an seine damaligen Weggefährten schreibt, fällt Frank sein Fehler auf. Es kam zu einer Namensverwechslung, denn seine Erinnerung scheint ihm einen Streich gespielt zu haben. Doch verschweigt er vorerst die irritierende Namensverwechslung.

Zeitglich mit dem Erscheinen seines Romans, bekommt er von einer Homosexuellen-Vereinigung den „Giftigen Kaktus“ für eine Äußerung verliehen, die ihn der Homophobie verdächtigt macht. Sein Fernsehproduzent wittert hohe Einschaltquoten und freut sich regelrecht über den aufkeimenden Skandal und verlangt von Frank weitere Talk-Sendungen über Homosexualität. Frank ist stets der smarte, souveräne Talkmaster, der seinem Gast in der Sendung Raum gibt, aber dann immer in den letzten Sendungsminuten dem Gespräch mit einer provozierenden Aussage eine andere Sicht, d.h. Richtung gibt. Er will als sehr schneller Denker den Gast immer aus der Reserve locken und mit einer gespielten Leichtigkeit in die Ecke drängen. Dabei ist es fraglich, ob Frank aus eigener Ansicht und Meinung heraus so agiert oder lediglich der Sendung und sich durch seine Aussagen mehr Erfolg verspricht. In den Sendungen über Homosexualität verheddert sich Frank immer mehr und macht sich dadurch immer unbeliebter und viele Feinde. Im Internet und in den sozialen Netzwerken wird er diversen Bösartigkeiten ausgesetzt. Die um ihn verbreiteten Halbwahrheiten und Verunglimpfungen lassen ihn sogar als pädophil veranlagten Menschen dastehen.

Die Verwechslung in seinem Roman lässt ihm ebenfalls keine Ruhe. Er reist in den Ort seiner Kindheit, wo er das von Priestern geführte Gymnasium besuchte. Der in seinem Roman prügelnde Pater wurde, wie sich nun herausstellt, ein Mordopfer. Die Tat konnte bis zur Gegenwart nicht ganz aufgeklärt werden, lässt aber den Verdacht zu, dass der Pater seinen Mörder zu sexuellen Handlungen genötigt haben könnte.

Franks Rolle in den Medien als Homophob bekommt eine Eigendynamik. Alles scheint ihm aus den Händen zu gleiten. Er verstört immer mehr sein Umfeld. Besonders seine Ehe mit Andrea, einer Psychoanalytikerin, gerät in eine Krise. Seine seelenverwandte und lesbische Freundin, Katrin, droht ihm die Freundschaft zu kündigen.

Ein Roman, der deutlich macht, wie weit die Homophobie immer noch in unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft verbreitet ist. Wie die Liebe zum gleichen Geschlecht in der Philosophie, Psychoanalyse und in den Medien wahrgenommen wird. Der Roman ist toll geschrieben, klug und sehr spannend komponiert. Der Realismus hinter der Geschichte macht das Buch sehr aufwühlend. Der Autor erzählt klug, distanziert und dennoch mit Empathie für seine Protagonisten.

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