Dietmar Krug: „Von der Buntheit der Krähen“

Dietmar Krug Von der Buntheit der Krähen Otto Müller Verlag

Der neue Roman von Dietmar Krug zeigt erneut, wie gekonnt der Autor große und heikle Themen in Literatur verwandelt. Nach „Die Verwechslung“ ist nun „Von der Buntheit der Krähen“ erschienen und ist sprachlich und inhaltlich noch komplexer und großartiger gelungen. Der Text lebt von der Struktur, den Klängen und dem eigenen, sich immer mehr steigernden Rhythmus. Die Charaktere und der Handlungsverlauf sind analytisch und stets kunstvoll ins literarische Leben gerufen worden und bilden einen Abglanz der Gesellschaft.

Thomas ist damals dem Dorfleben entflohen. Er suchte das Stadtleben und die Befreiung von den kleinbürgerlichen Erwartungen, wenn nicht sogar Fesselungen. Als Kritiker konnte er sich eine Zeitlang behaupten. Doch durch andere Abhängigkeiten und den Verlust der herkömmlichen Medienwirksamkeit und das Abhandenkommen der ursprünglichen Bedeutung des geschriebenen und gedruckten Wortes, sieht er sich erneut mit existentiellen Fragen konfrontiert. Er kehrt zurück. Nicht geläutert, sonders als Suchender. Er will für sich Klarheit erkennen und erfassen. Er will sich neu orientieren und richtet sich in seiner alten Heimat neu ein. Er mietet sich in ein abgelegenes Häuschen, das vorher von Hippies bewohnt wurde. Das neue Heim und der angrenzende Garten sind verwildert, doch bietet diese Kulisse ihm die Möglichkeit, erstmalig Zeit für sich zu finden, um den noch zu beschreitenden Weg zu erahnen.

Noch jemand ist ins Dorf zurückgekehrt: Karl, Thomas Jugendfreund. Karl hat ebenfalls mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Er verbirgt anfänglich seine zarte, angegriffene Seele unter dem derben Menschen, der er eigentlich nicht ist. Er wuchs auf einem kleinen Hof auf und wurde schon früh zur vermeintlichen Härte des Lebens erzogen. In Folge wurde er beständig zum Außenseiter. Doch wuchs mit seiner Verletzbarkeit seine starke Hülle und somit konnte er sich teilweise Respekt verschaffen. Doch ist er immer ein Gefangener, nicht nur wegen seiner Vorgeschichte, sondern auch, weil er in einem Körper lebt, den er nicht als seinen empfindet. Unter seiner bäuerlichen Erscheinung trägt er anfänglich noch versteckt ein Kleid. Er war und ist ein Provokateur, der auch juristische Probleme hatte und somit auch im Gefängnis einsaß. Nun ist er, wie Thomas, zurück ins Dorf gekehrt.

Der Schauplatz ist ein Dorf. Ein Dorf, das bewohnt wird von Menschen, die Angst vor dem Fremden und den Anderen haben. Gerade das Erscheinen von Karl, der mit seinem Coming-Out ringt, provoziert die Gemeinschaft. Ein filigranes Geflecht von Menschen, die alle irgendwie mit sich zu kämpfen haben. Eine Gemeinschaft, die gesellschaftlich zerrissen ist. Das vermeintlich Dunkle wird beim genauen Betrachten bunt. Gleich dem Federkleid der Krähen, das, wenn man es genau betrachtet, auch vielfarbig ist.

Ein eindringlicher und intensiver Roman, der das Innere, die Vielfältigkeit und diverse Wahrheiten herausschält. Die Natur und die Menschen werden sinnlich und sprachlich sehr gekonnt um- und beschrieben. Auf den angelegten Oberflächen kristallisieren sich Wahrheiten und die wirkliche Tiefe sprudelt langsam aber unaufhaltsam aus dem Text hervor.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Dietmar Krug: „Von der Buntheit der Krähen“

  1. Philipp Elph

    Schon der Titel gefällt mir.

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