Anna Hope: „Was wir sind“

Anna Hope Was wir sind Hanser

Wer will ich sein, wer könnte ich sein und wer bin ich?  Dies ist der Kern des Romans von Anna Hope, der von Eva Bonné aus dem Englischen (Originaltitel: „Expectation“) übersetzt wurde. Es sind drei unterschiedliche Frauenschicksale, die sich in jungen Jahren, als sie noch meinten, fast alles sei möglich, kennengelernt hatten. Doch verläuft das Leben meist anders. Was ist aus den Wünschen und Plänen geworden? Was ist aus den damaligen Menschen geworden?

Hannah, Lissa und Cate sind enge Freundinnen und wohnen in einer gemeinsamen Wohngemeinschaft in London Fields. Eigentlich würden sie sich so eine Wohnung und Gegend nicht leisten können, doch haben die Frauen Glück, weil der Vermieter den wirtschaftlichen Aufschwung der Umgebung nicht mitzubekommen scheint. Sie planen und reden viel über die Zukunft. Die eigentliche Handlung des Romans spielt später, als sie Mitte dreißig sind und alles anders ist als damals gedacht. Die kursivgestellten Rückblicke geben Einblicke in die Zeit des Anfangs jener Freundschaft und die jeweiligen Lebenswünsche.

Hannah ist eigentlich glücklich und mit Nathan verheiratet. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Sie ist gänzlich davon eingenommen und alles andere erscheint ihr wertlos. Seit Monaten versuchen sie es auch mit medizinischer Unterstützung. Dabei verliert sie immer mehr sich, ihren Mann und ihre wahren Sehnsüchte aus den Augen. Lissa hat als Schauspielerin bisher keinen Erfolg gehabt. Trotz geglückter Ausbildung wird sie bei diversen Castings stets übergangen. Sie gibt aber nicht auf, an ihrem Traum festzuhalten, senkt aber immer mehr ihre Erwartungen. Als sie für eine Inszenierung von „Onkel Vanja“ von Tschechow zum Vorsprechen geht, scheint endlich ihr Traum Wirklichkeit werden zu können. Cate ist nach der Geburt ihres Sohnes mit ihrem Mann nach Canterbury gezogen. Mit der Ehe und dem Umzug hat sie aber das Gefühl, selbst zu verschwinden. In ihr wachsen ein Wunsch nach einem Entkommen und die Sehnsucht nach ihrer damaligen großen Liebe. Sie war und ist eigentlich noch immer in eine Frau verliebt, die seit der Zeit der großen Demonstrationen verschwunden ist. Ein kleines Spinnen-Tattoo erinnert sie stets an diese verlorenen Emotionen. Die Männer sind in der Handlung Nebenfiguren, auch Sam, der Mann von Cate, und Nathan, der Mann von Hannah. Beide Ehefrauen entfremden sich an einem Punkt von ihren Männern und auch ihre Freundschaft wird auf eine Probe gestellt.

Die drei Hauptfiguren in Anna Hopes Roman „Was wir sind“ kämpfen mit ihren Zielen und Wünschen im Leben.  Die Charaktere sind glaubhaft und tiefgründig gezeichnet. Beim Lesen kommt das sehr positive Gefühl einer anspruchsvollen Fernseh-Serien-Stimmung auf und man ist fixiert auf die jeweiligen Lebensentwürfe. Durch die gutgeschriebenen Dialoge und eindringlichen Szenen entsteht eine angenehme Bindung zu der Handlung und den Protagonisten.

Es geht um jene Zeit im Leben, in der man meint, vieles sei möglich und machbar. Die Welt und die Verlockungen warten auf einen. Doch kommt ziemlich schnell der Punkt, an dem man registriert, dass man unbemerkt eine Schwelle überschritten hat, die uns zurücksehnen lässt und das Seiende und Kommende in Frage stellt.

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