Victor Jestin: „Hitze“

Victor Jestin Hitze Kein & Aber

Dies ist ein Roman um eine Tragödie und deren Auswirkung, die sich nur innerhalb weniger Stunden ereignet. Eigentlich sollen es freie und schöne Sommerstunden am Strand sein, doch für den Protagonisten ist nicht nur die sommerliche Hitze zu viel. Ein Text, der ganz dezent an Poes „Das verräterische Herz“ (auch bekannt als „Das schwatzende Herz“ (The Tell-Tale Heart) erinnert. Bei Poe waren es die reizbaren und überdehnten Nerven eines Schuldigen. Bei Victor Jestin ist es ein Teenager, der unschuldig schuldig wird oder zumindest sich durch seine Passivität in große Schuldgefühle verstrickt.

Es sind die letzten Tage der Sommerferien. Der siebzehnjährige Léonard ist mit seiner Familie auf einem Campingplatz am Strand. Für einige sind es die letzten warmen Sommerstunden, bevor sie wieder abreisen. Léonard freut sich auf die Heimfahrt, liegen doch einige Tage hinter ihm, die nicht wirklich nach seiner Vorstellung verlaufen sind. Er hatte sich bemüht, die Ferien zu genießen, den Strand, die Freunde und die Partys. Doch mag er dies alles nicht, besonders das Feiern bedeutet ihm nichts. Die anderen Teenager suchen ihre Grenzen, ihren ersten Sex und eventuell die passende Sommerliebe. Léonard versucht den Festgeräuschen zu entkommen. Er mag nicht die Musik, die fast nur körperliche Reize auslöst. Er sucht etwas mehr – kann es selbst aber noch nicht fassen, nur, dass er auch eine Sehnsucht nach Liebe empfindet und später etwas mit Musik machen möchte. Die Sehnsucht nach Nähe erfährt er durch die verführerische Luce.

Als Léonard in seinem Zelt nicht schlafen kann, weil die Partygeräusche zu laut sind, geht er spazieren. Dabei trifft er auf Oscar, ein Jugendlicher wie er selbst. Ohne sich zu rühren oder zu handeln schaut er zu, wie Oscar in den Seilen einer Schaukel erdrosselt wird. Als Léonard beim Tatort eintrifft, lebt Oscar noch und somit wird er Zeuge seines Suizids. Als er sich aus seiner Starre löst und Oscar tot aus den Seilen gefallen ist, lässt er den Leichnam verschwinden, weil er sich schuldig fühlt.

Da sich die Abreise verzögert, wachsen somit auch die Schuldgefühle, die innere Zerrissenheit von Léonard. Starb Oscar, weil er nichts dagegen unternommen hatte? Angst und Beklemmung lassen ihn in den letzten heißen Sommerstunden am Strand taumeln. Seine Pubertät und die damit einhergehende Körperlichkeit und Sehnsüchte verdrängt er immer mehr und versinkt in seine Stille. Doch diese Introvertiertheit weckt in seinem Umfeld immer mehr Interesse an seiner Person oder seinem innerlichen Schmerz, den kein anderer ergründen kann. Oscar wird vermisst und nur er weiß, was passiert ist. Wie geht er weiter damit um? Ist er Schuld? Hat sein Nichthandeln Konsequenzen?

Ein knapper Roman, der aber mit seiner Sprache auskommt und in seiner Kürze doch alles sagt. Ein Romandebüt, das begeistert, verstört und jene äußerliche und innerliche Hitze spürbar macht. Aus dem Französischen (La Chaleur) übersetzt von Sina de Malafosse.

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