Helen Oyeyemi: „Was du nicht hast, das brauchst du nicht“

Helen Oyeyemi Was Du nicht hast, brauchst Du nicht CulturBooks

Ein Buch voller bunter Geschichten, die süchtig machen und den Leser regelrecht verzaubern. Das Eintauchen in die einzelnen Geschichten gleicht einem traumwandlerischen Betrachten einzelner Bilder. Ein Bild, wo erst der Vordergrund scharf ist, dann sich aber immer mehr der Hintergrund zu fokussieren scheint. Es sind turbulente Erzählungen, die märchenhaft erscheinen, aber das Gegenwärtige beleuchten. Die Figuren und die Geschichten sind alle irgendwie miteinander verzahnt, inhaltlich, thematisch oder durch die immer mal wieder auftauchenden Figuren. Charaktere und Figuren sind ab und an sogar Puppen oder Marionetten, die lebendig werden und somit durch ihre Erscheinung Menschen wiederum Leben einhauchen. Marionetten sind abhängig von ihren Fäden, die sie mit dem Meister der Puppen verbinden. Doch was ist, wenn selbst dieser eine gelenkte Puppe ist? Immer wieder tauchen Schlüssel auf. Der Schlüssel dient dem Verschließen von Türen, Kästchen, Truhen und sogar Büchern. Also ist es ein Werkzeug zum Schutz. Schutz vor dem Inneren oder dem Äußeren, dies liegt im Auge des Betrachters.

Alle Geschichten bedienen sich der Märchen- und Mythenwelten und erzählen dabei doch auch von aktuellen Geschehnissen. Die Autorin hat ihren eigenen Stil gefunden. Um ihrem Text den Kontext zu geben, den die Figuren oder das Thema benötigen, sprengt sie auch gerne übliche Erzählregeln. Dabei ist ein wunderbares Buch entstandenen, das wenig Vergleiche zu anderen Werken oder Autoren bietet. Wenn, dann wäre es „Der Spiegel im Spiegel“, eine surrealistische Geschichtensammlung von Michael Ende. Endes Buch ist ebenfalls eine Parabel. Auch blitzt in Oyeyemis Texten etwas aus der literarischen Welt von Murakami durch. Doch sind dies nur ganz sanfte Ähnlichkeiten, die niemals der Kreativität und der Verspieltheit von „Was Du nicht hast, brauchst Du nicht“ gerecht werden. Ein Buch, das nach jeder Zeile, nach jeder Tür, nach jeder Geschichte oder Welt erneut zu überraschen vermag.

Helen Oyeyemi wurde in Nigeria geboren. Sie wuchs in England auf und lebt heute in Prag. So sind auch alle ihre Charaktere weit in der Welt zerstreut. Oyeyemi hat mit diesem Buch ein globales Netz, das stets transkulturell ist und sich jeder Nationalliteratur entzieht, erschaffen.

Es kommen viele Bücher, aber auch Rosen vor und es beginnt mit einem ausgesetzten Säugling. Dieses Mädchen trägt lediglich einen Schlüssel an einem Kettchen um den Hals. Viele Jahre später findet sie eine Freundschaft und Liebe, die sie durch die Welt trägt und dabei mit Hilfe des Schlüssels, die Welt der Bücher und den Zugang zu einem verwunschenen Garten findet. Ein schmalziger Popsong, der als Entschuldigung für einen Missbrauch gedacht war, versüßt dem betroffenen Fan niemals den Geschmack des bitteren Tees. Wir Menschen, egal woher wir stammen, egal welche Hautfarbe wir haben, haben alle rotes Blut. Doch was ist mit den menschlichen Marionetten, den geführten Puppen, die die vorgedachte Geschichte erzählen? Ferner gibt es da sogar einen Geist oder einen Tyrannen, der seine Widersacher ertränkt. Dann stellt sich die Frage, ob man glaubt, dass man einen Menschen besser lieben könnte, wenn diese Person nicht wüsste, was man für sie empfindet. Aus dieser Idee wird ein Programm geschaffen, dass das Gefühl der „Präsenz“ eines geliebten oder verstorbenen Menschen hervorzurufen versteht. Viele Figuren kommen ab und zu wieder, somit ist es ein zusammenhängendes Buch und keine reine Geschichtensammlung und sollte unbedingt chronologisch und im Ganzen gelesen werden.

Die Schlüssel sind Objekte, die es uns ermöglichen, einen anderen Raum oder sogar Welt zu betreten. Manche Bücher sind solche Schlüssel. Nicht ohne Grund werden auch manche Bücher verschlossen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Schutz des Inhalts vor dem Leser oder Schutz des Lesers vor dem Übermittelten. Zum Glück ist Oyeyemis Buch geöffnet und übersetzt und der Erzählreigen lädt jeden ein in den Zeilen zu verweilen. Das Buch von Oyeyemi ist ein Schlüssel zu Orten, Herzen, Magie und zu vielen Geheimnissen.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Helen Oyeyemi: „Was du nicht hast, das brauchst du nicht“

  1. Liegt bereit, ich bin sehr gespannt. Und wieder bist Du mal der erste…. Viele Grüße in den Norden

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