Carys Davies: „WEST“

WEST Carys Davies Luchterhand

Der Titel als Hinweis auf das Genre und gleichzeitig der damalige Drang, den Westen zu erkunden und zu erobern. Dieser Roman ist viel mehr als ein Western mit dem üblichen Thema der Besiedelung des Westens. Aber doch sind die Bilder da und in einer wunderbaren, schnörkellosen und klaren Sprache wird eine Geschichte erzählt, die einen Mythos aufleben lässt und gleichzeitig widerlegt. Ein begeisternder, literarischer Roman, der neben den Werken „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer, „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Michael Punke und diversen Werken von Annie Proulx Bestand haben wird.

Das Wunder des Textes erfasst einen sofort. Man ist gleich drin in der Prärie, den Wäldern und den Bergen. Die Landschaft und die Charaktere werden schnell und doch tiefgründig gezeichnet. Mit wenig schafft Carys Davies, die von Eva Bonné übersetzt wurde, mehr. Es ist kein ausuferndes Epos, sondern eine große, traurige und schöne Geschichte, die mit nicht zu viel oder zu wenig erzählt wird. Alles genau im richtigen Maß und die Bilder und Figuren verbleiben im Leser.

Erzählt wird die Geschichte des englischen Siedlers Cy Bellmann. Er ist Witwer und lebt mit seiner zehnjährigen Tochter Bess in Pennsylvania. Es ist das Jahr 1815. Er ist ein gutherziger, aber auch einfältiger und naiver Mann, der von der Maultierzucht lebt. In seiner Umgebung leben seine raue und herrische Schwester und der Nachbar Elmer Jackson. In einem etwas weiter weg liegenden Dorf gibt es eine Kirche, kleine Geschäfte und eine Bibliothek. Die Sehnsucht nach dem Westen, die Bellmann nun befällt, ist eine ganz andere als die jener anderen Siedler, die stets Land, Gold oder Öl suchten. Er liest in einer Zeitung einen Artikel, den er ausschneidet und immer wieder liest. Dieser Bericht ist es, der ihn in Folge aufbrechen lässt. Es ist von Knochenfunden die Rede. Große Tiere mit Stoßzähnen. Bellmann ist begeistert und denkt, diese Tiere würden noch leben und er will diese sehen und als erster darüber berichten. Nach mehrfachen Gesprächen mit seiner auch einfach denkenden Schwester überlässt er Bess ihrer Tante für wohl circa zwei Jahre. Er plant seine Reise anhand von Abenteuerliteratur und zieht mit viel Plunder los, dass er vermutlich bei Indianerkontakt für diverse Tauschgeschäfte benötigen wird. Er verspricht, Bess immer Briefe zu senden und hat dafür ein Tintenfass im Mantel eingearbeitet, damit er auch zu Pferde schreiben kann. Doch werden diese Briefe ihr Ziel nicht erreichen und somit wächst Bess im Ungewissen über den Verbleib ihres Vaters auf. Sie lebt bei ihrer Tante, wächst heran und zieht die Blicke des Nachbarn auf sich.

Bellmanns Reise gen Westen ist auch keine gradlinige. Sein ganzes Unterfangen ist absurd und wird nicht nur von seiner Schwester belächelt, sondern auch von anderen Menschen auf seiner Reise. Besonders ein französischer Fellhändler stellt die Exkursion von Bellmann in Frage, verhilft ihm aber zu einem Reisegefährten. Ein junger Indianer, der, solange er bezahlt wird, an der Seite von Bellmann bleibt und mit ihm die großen Tiere suchen wird.

Die Suche als Sinnbild, als Metapher eines ausweglosen Weges. Das Ziel, d.h. das voraussichtliche Scheitern, ist uns ab den ersten Seiten bewusst. Die Jagd nach Dinosaurierknochen, d.h. die Hoffnung diese Urzeittiere lebend anzutreffen, kann nicht erfolgreich enden. Dennoch bleibt das ganze Buch spannend und faszinierend und zeigt jene tiefe Sehnsucht auf, die in uns allen lebt. Doch ist es eine Reise, die in diesem Roman ganz anders verläuft, als man es erahnte. Bellmann verändert sich und besonders auch Bess, die bis zum Ende auf ihn wartet und dann auch aufgesucht wird.

Ein Roman, der von den Figuren geprägt wird und eine Handlung, die einem zu Kopf steigt. Trotz der vermeintlichen Vorhersehbarkeit überrascht der Roman bis zum Finale.

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