Jurij Hudolin: „Der Stiefsohn“

Jurij Hudolin Der Stiefsohn Septime

Ein deftiger Roman, der von einer Familientragödie erzählt und dabei Gesellschaftliches und Politisches beleuchtet. Die Handlung spielt Ende der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Jugoslawien. Noch ist Jugoslawien ein friedlicher Staat, doch geben die Nationalisten in den Republiken immer mehr den Ton an. Die Staaten beginnen zu verfallen und es breitet sich Unzufriedenheit aus. In diese Zeit werden wir als Leser geworfen und mit viel intimer, deftiger und detailreicher Sprache und Handlung wird eine traumatische Geschichte erzählt.

Ein Roman, der eine moderne Antwort auf „Via Mala“ sein könnte, der dennoch ganz anders ist, aber doch stark an jenes Werk von Knittel erinnert. Der Autor, Jurij Hudolin, wurde 1973 in Ljubljana geboren und ist seit seinem Lyrikdebüt, das er mit achtzehn Jahren veröffentlichte, einer der bekanntesten slowenischen Lyriker und Schriftsteller. Sein Werk ist intelligent und neigt oft zu scharfen Äußerungen. „Der Stiefsohn“ wurde aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut übersetzt und trägt passenderweise den Untertitel „Das Leben auf des Teufels Land 1987- 1990“.

Der Erzähler hat das Bedürfnis, die Zeit als Abbild der eisernen Hand des Teufels schriftlich festzuhalten und möchte daher die Geschichte von Benjamin, dem Stiefsohn des im Titel genannten Teufels, erzählen. Als Benjamin zwölf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Auf einer Gewerkschaftsfeier lernt Ingrid, Benjamins Mutter, Loris Civitiko kennen. Loris ist ein sehr wohlhabender Gastwirt und Großgrundbesitzer an der istrischen Küste. Mag es Blauäugigkeit oder Verliebtheit sein, Ingrid meldet Benjamin von seiner Schule in Slowenien ab und reist zu ihrem Liebhaber. Dieser Neuanfang entpuppt sich als Horrorszenarium für Benjamin. Loris ist ein Teufel. Er ist gemein, brutal und meint, enorme Macht zu besitzen. Er verbreitet Argwohn, Misstrauen und Angst. Er beherrscht Land und Menschen. Loris Selbstwertgefühl ist gänzlich überschätzt und seine Macht missbraucht er, wo immer es sich ergibt. Alle und alles haben sich ihm unterzuordnen, besonders die Angestellten und Frauen. Benjamin wächst nun in Panule bei Pula mit seiner teilnahmslosen Mutter und seinem gewalttätigen Stiefvater auf. Loris betrügt Ingrid und vergewaltigt Frauen. Sex nicht als Ausdruck der Liebe, sondern als reiner Trieb und als Positionierung innerhalb der Gemeinschaft. Auch wirtschaftlich zieht Loris alle Register, um sich zu bereichern. Sein Land und die Gastronomie als Geldquelle, die er stets zu seinen Gunsten zum regen Sprudeln bringt. Benjamin erlebt das Leben dort gespalten. Das misshandelte Kind bekommt vor Loris Angst und empfindet Hass. Doch fasziniert ihn auch der Einfluss und das Auftreten seines Stiefvaters, der wie ein Pate Menschen unter sein Joch stellt.

Ein Roman, mit dem man selbst in Zwiesprache geht, der einen fordert und begeistert. Ein gesellschaftlicher und politischer Text, der die damalige Zeit und den Verfall des jugoslawischen Vielvölkerstaats einbindet und in den Vordergrund die existenziellen Fragen des Lebens stellt. Es ist einfallsreiches Werk, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Buch, das nicht gerade sensibel ist, aber das ist, was es ist: lesenswerte und wichtige Weltliteratur.

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