Jacqueline Thör: „Nenn mich einfach Igel“

Jacqueline Thör Nenn mich einfach Igel Elif Verlag

Den Igel bringt man schnell mit seinen Verteidigungswaffen, den  Stacheln am Rücken und an den Flanken, in Verbindung. Aber auch mit seiner Art sich einzurollen, d.h. sich zusammenrollen, um sich ganz zurückzuziehen und sich vor der Außenwelt abzuschirmen. Allgemein als sich einigeln bekannt. Beides als Selbstschutz und als Fluchtmöglichkeit. „Nenn mich einfach Igel“ erzählt von einem Hermaphrodit. Eine Figur, die sich selbst finden und akzeptieren muss. Der Debütroman von Jacqueline Thör wirkt wie ein Märchen, eine Parabel aus der Gegenwart. Es ist die Sehnsucht, die eigene Individualität zu erkennen und zu leben. Gleichzeitig ist es der Kampf und der Wunsch nach Gleichheit.

Jacqueline Thör studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Journalistik. Sie ist als Journalistin für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Die Zeit tätig. Die Hauptfigur, die Igel genannt werden möchte, ist sehr belesen. Durch das Studium und das Interesse der Autorin ist es somit nicht verwunderlich, dass viele Werke im Text Erwähnung finden. Beginnend mit dem Märchen „Hans mein Igel“ von Grimm bis hin zur moderneren und aktuellen Literatur. Das Buch, an dem Igel nicht vorbeikommt, ist „Demian“ von Hesse. Der Beginn von „Demian“ passt perfekt zu den Seelenqualen von Igel: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?” (Hermann Hesse aus  „Demian“)

Igel lebt in einem Wohnheim, dem sogenannten Schloss, weil seine Mutter mal wieder für längere Zeit in einer Entzugsklinik ist. Igel wollte auf eigenen Wunsch wieder in das Schloss. Die Heimmutter, Louise, ist eine Bezugsperson in Igels Leben geworden. Igel arbeitet in einer sonderbaren und verträumten klassischen Buchhandlung und liest jede freie Minute. Seine eigenen Bücher stapeln sich unter seinem Bett, das somit immer mehr zu einem Hochbett wird. Eines Tages entsteht Unruhe im Schloss, denn eine neue Mitbewohnerin wird angekündigt. Alexandra war Insassin einer Jugendstrafanstalt und zieht nun in das Schloss. Alexandras Erscheinung und Auftreten zieht alle in ihren Bann. Igel sieht, dass Alexandra ihm auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich ist. Alexandra ist eine androgyne, geheimnisvolle Schönheit, die auch Sascha genannt werden will. Es entsteht eine Nähe zwischen Igel und Sascha. Diese Nähe, Verbundenheit und Liebe wird Igel immer unheimlicher. Denn Sascha hat seine Geheimnisse und erzählt wenig, schon gar nicht, warum er oder sie in der Haft gesessen hat. Igel ist ein Hermaphrodit und wird somit ein Ideal für den androgynen Sascha. Igel lebt und ist das, was Sascha sich wünscht. Sascha eröffnet Igel eine neue Welt, die ihn berauscht, mit einbezieht, aber ihn auch befremdet. Der Wunsch nach Anerkennung, Liebe und Freundschaft ist geschlechterlos. Dies versucht Sascha mit seiner Gruppe den Menschen in ihrem Umfeld zu verdeutlichen. Igel ist erneut hin- und hergerissen und muss sich selbst finden und zu sich stehen. Das Stachelige und die Wunden, die Igel sich selbst zuführt, sind Bilder seiner Verzweiflung und Selbsthass. Ist alles letztendlich ein Märchen, ein Traum, aus dem es gilt aufzuwachen? Ein Buch über Liebe, Freundschaft und auch Verrat.

Ein intensiver, toll geschriebener Debütroman. Der zuweilen surreale und verträumte Text ist sehr tiefgründig, ergreifend und poetisch. Es ist ein Roman unserer Zeit, der hoffentlich viele Menschen erreicht.

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