Alexandra Riedel: „Sonne Mond Zinn“

007Der Titel „Sonne Mond Zinn“ ersetzt die Sterne durch den Nachnamen des Protagonisten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser auf kleinstem Raum angelegte Debütroman auch eine Reise in die Weiten des Weltraums einspinnt. Der Raum besteht aus nichts und darin bewegen sich die Himmelskörper und kommen sich durch die vorgeschriebene Reise etwas näher. Doch kommt es selten zu einer Kollision. So ist auch die Distanz im Text ein wichtiger Bestandteil. Innerhalb der Figuren, der Räumlichkeiten und letztendlich auch kunstvoll eingesetzt zum Lesenden.

Es ist Gustav Zinn, der die Geschichte seiner Mutter erzählt. Anton Hamann ist verstorben und hinterlässt Isolde und die beiden Söhne Ulrich und Anselm. Gustav arbeitet auf einer Insel als Fluglotse und erhält überraschend einen Anruf der Witwe, die ihm mitteilen möchte, dass ihr Ehemann verstorben ist. Er sei zur Trauerfeier eingeladen. Anton Hamann ist der Großvater von Gustav, der Vater seiner Mutter Esther, die nicht zur Begräbnisfeier erscheint. Esther Zinn ist die uneheliche Tochter von Anton.

Während der Anreise, Ankunft und Trauerfeier beginnt Gustav Zinn einen inneren Monolog mit seiner Mutter. Somit spricht der Ich-Erzähler diese oft per Du an, um eine Nähe zu suggerieren, die mindestens räumlich nicht vorhanden ist. Alles wird immer distanzierter und auch etwas grotesker durch die Charaktere, die sich zum Leichenschmaus einfinden, und die wachsende Phantasie, die durch die Anekdoten, Erinnerungen und Gesprächsfetzen angeregt wird. Die Witwe, die Gustav eingeladen hat, ignoriert weitestgehend den Gast. Ulrich ist es, der versucht sich Gustav zu nähern, aber doch durch Alkohol die Bodenständigkeit verliert.

Der Leichenschmaus ist auch visuell einer. Ein grotesk wirkendes Spanferkel, das in einem Umfeld serviert wird, das keine Besinnlichkeit oder Herzlichkeit erkennen lässt. Gustav ahnt, dass die uneheliche Tochter dem Verstorbenen doch etwas bedeutet haben muss. Der für Gustav unbekannte Großvater war Astronom und hat lieber allein den Blick in die Sterne geworfen als die Menschen in seinem Umfeld wahrzunehmen. So ist auch dieser Text ein Beobachten und Registrieren, um die Umlaufbahnen der Menschen zueinander zu verstehen. Ab und zu winkt der Witz und der Slapstick durch die eigentliche Familientragödie. Charlie Chaplin tanzt ab und zu durch den Text, weil Gustavs Mutter für das Kino schwärmte, besonders für jenen Schauspieler. So bricht vieles  facettenreich auf, wie das Licht im Kinosaal, im Tower des Flughafens, bei der Begräbnisfeierlichkeit im Garten und beim Blick in die Sterne.

Ein Spiel aus Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Sehnsüchten. Elternliebe als Zentrum. Doch was passiert, wenn diese fehlt? Wohin wandert der Schmerz? Ein poetischer Roman voller Tiefe, Weite und Humor. Der kurze Roman ist sich genug. Alles ist ausreichend und mit nicht zuviel beladen erzählt.

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