Helena von Zweigbergk: „Totalschaden“

Helena von Zweigbergk Totalschaden Nagel & Kimche

Ein Roman, der mit viel Einfühlungsvermögen und leichtem Witz von der Verletzlichkeit der Familie erzählt. Agneta und Xavier sind seit vielen Jahren verheiratet und haben erwachsene Töchter, die nicht mehr bei ihnen wohnen. Eigentlich war es eine glückliche Ehe. Doch irgendetwas Falsches hat sich in die Gefühlswelt eingeschlichen. Etwas hat sich verändert und Agneta registriert, dass etwas fehlt, kann es aber noch nicht greifen oder benennen.

Es beginnt mit fünf toten Hasen. Xavier liebt den Wald und hat von seinen Kollegen der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften den Jagdschein geschenkt bekommen. Dabei bedeutet Xavier das Jagen nichts, ihm sind lediglich der Wald und die Natur wichtig. Doch nun hat er zum ersten Mal jene fünf Hasen geschossen. Agneta und Xavier versuchen das Beste daraus zu machen. Sie wollen eigentlich die toten Tiere verdrängen, möchten die Hasen aber auch nicht umsonst gestorben wissen. Bei der weiteren Verarbeitung registrieren die Beiden unbewusst, wie sie den anderen eigentlich benötigen. Es soll ein Festschmaus mit Freunden werden. Doch als Agneta die Hasen in der Küche zubereiten möchte, setzt sie das ganze Haus aus Versehen in Brand. Dieser häusliche Totalschaden zeigt ebenfalls die Trümmer der Ehe, des gemeinsamen Lebens auf.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Agneta, die sich langsam mit den verdrängten Problemen auseinandersetzen muss. Wichtig sind dabei auch die drei Töchter. Xavier kam mit seiner dreijährigen Tochter Maria nach Schweden, nachdem seine Frau in Argentinien ermordet wurde. Daher ist Maria stets der Mittelpunkt in Xaviers Leben. Als Agneta und Xavier sich kennenlernen und heiraten, bekommen sie noch zwei Töchter. Als die Kinder später als Erwachsene zuhause ausziehen, ist aus den vielen Ehejahren ein routiniertes Miteinander geworden. Doch wird auch deutlich, dass besonders Agneta etwas fehlt. Der Totalschaden entzweit und öffnet alte und neue Wunden. Die Charaktere erleiden Leid, Schuld, Sorgen, Neid und Verlust. Können die Töchter helfen? Ist eine Gemeinsamkeit noch möglich und können die negativen Emotionen überwunden werden?

Wie immer ist die Ehrlichkeit und die offene Herzlichkeit der innere Kern jeder Gemeinsamkeit. Sobald dieses gemeinsame Nest zerstört ist, wird es beschwerlich dies wieder aufzubauen oder gemeinsam ein neues zu finden. Die Figuren sind nicht gradlinig, sondern vielschichtig angelegt. Der Roman baut mit der Entwicklung der Figuren eine Situation auf, die mit der Heimauslöschung seinen Anfang nimmt und immer wandelbarer wird.

Ein schön geschriebener und unterhaltsamer Roman. Der Handlungsverlauf ist nicht der eines typischen Familienromans. Die kleinen kaputten Bilder wachsen bis zum Brand und erlöschen immer mehr, um den Figuren Raum zur Entwicklung zu geben. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde der Roman von Hedwig M. Binder.

Zum Buch / Shop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Helena von Zweigbergk: „Totalschaden“

  1. Klingt großartig und spricht mich sehr an, vielen Dank für den Tipp!
    Herzliche Grüße aus München
    Natascha

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s