JJ Amaworo Wilson: „Damnificados“

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Ein Märchen, das keines ist. Ein Abenteuerroman, der schelmisch die Wirklichkeit beschreibt. Der Roman wird fast schon einfach erzählt, entfaltet aber eine enorme Wirkung, erzeugt cineastische Bilder, spielt mit Kultur, Mythen sowie Religion und beweist einigen Humor.

Es ist der Aufschrei der Opfer, der Armen und der Verdammten. Sie haben einen Anführer, einen Krüppel, der sich um seine mitstreitenden Seelen sorgt und kümmert. Die Geschichte von Nacho Morales, dem Krüppel, ist somit auch irgendwie die Geschichte von Moses und Noah. Denn er wurde als Säugling von einem Lehrer im Schilf eines Flusses gefunden und führt nun eine Schar Überlebender der Müllkriege an und baut eine Art Arche.

Diese Arche ist aber eher ein Monolith, ein Koloss von einem Bauwerk. Es ist ein Turm und das drittgrößte Gebäude von Favelada. Er steht dort am Rande der Stadt, die auf Müll erbaut wurde. Alles beginnt damit, dass die Menschen ihren Müll in die Wüste schickten. Doch die Menschen, die sich dort ansiedelten, lieferten diesen Müll zurück und es begann der erste von fünf Müllkriegen. Die Opfer, die Verdammten und die Armen ziehen nun in diesen Turm. Angeführt von Nacho und seinem kraftvollen Begleiter. Der Turm wurde damals von einem Irren errichtet, der sich ausversehen zu Tode stürzte, und steht schon seit Generationen leer. Das Gebäude wird durch die Damnificados besetzt und bedingt wohnbar gemacht. Es müssen noch biblische Plagen und mystische Wesen vertrieben, bekämpft und überstanden werden. Doch die Gemeinschaft wächst zusammen und bekommt auch immer mehr Zuwanderer. Strom und fließend Wasser gibt es auch ab und zu. Es gibt einen Bäcker, der auch schon mal das Antlitz Jesus bäckt. Es gibt einen Schönheitssalon und Schulen. Die Etagen füllen sich mit Leben und aus dem Leben im Turm wird eine Utopie. Nachos Bruder, der verlorene Sohn, taucht auch wieder auf, wie leider auch die Nachfahren des Erbauers des Turms, die ihr Eigentum zurückverlangen. Eine erneute Schlacht bedroht nun die Damnificados, ein Kampf, der aussichtslos erscheint.

Biblische Bilder tauchen immer wieder auf. Der Turmbau von Babel, die Sintflut, Moses und viele mehr. Die Vielschichtigkeit der Kulturen und die diversen Sprachen sind aber kein Zerwürfnis wie einst in Babel, sondern schaffen ein buntes Miteinander. Der Autor JJ Amaworo Wilson, Sohn einer Nigerianerin und eines Engländers, wurde in Deutschland geboren. Er lebte an vielen Orten der Welt und hat somit seine eigene Vielfältigkeit in das Werk einfließen lassen. Das Buch wurde bereits mit Preisen nominiert. Diese Geschichte um den Turm, der in dieser Utopie auf Müll gebaut und von den „Verdammten“ besetzt wurde, ist inspiriert vom „Torre de David“ in Caracas. Dieser wurde von Bewohnern der Armenviertel besetzt bis zu der Räumung im Jahr 2014. Wilson hat daraus einen märchenhaften Abenteuerroman geschrieben. Die Einfachheit erzeugt starke Bilder und erzählt die Geschichte der weltweit sozialen Ungerechtigkeiten. Eine Fabel, die mit biblischen und historischen Verweisen auf unsere Gegenwart zeigt. Eine Utopie, die durch den realen Bezug Wirklichkeit sein könnte, wären da nicht die riesigen Libellen oder der zweiköpfige Wolf mit seinem Rudel. Ein bunter Roman, voller skurriler Ideen und Charaktere. Aus dem Englischen von Conny Lösch.

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