Iris Wolff: „Die Unschärfe der Welt“

Iris Wolff Die Unschärfe der Welt

Erneut ein sehr feinfühliges Werk von Iris Wolff. Die Sprache schwebt förmlich durch die ganze Geschichte. Durch die poetischen Schilderungen und Charakterisierungen leben die Figuren noch länger im Lesenden. Mit deutlichen Bildern und einer klaren Sprache erleben wir die Verknüpfungen von einer Familie und deren Begegnungen in einer politisch wandelbaren Zeit. Iris Wolff erzählt erneut Geschichten und außergewöhnliche Momente über mehrere Generationen und Ländergrenzen hinweg. Gleich ihren vorherigen Werken ist „Die Unschärfe der Welt“ ein atmosphärisch wunderschönes Buch, das sich immer mehr im Leser entfaltet.

Was machen Grenzen, die wir uns auf Landkarten oder in der Sprache setzen, mit uns? Was bedeuten Erinnerung und die Bilder, die sich andere von uns gemacht haben? „Die Unschärfe der Welt“ verbindet und entzweit, um am Ende letztendlich doch einen Bogen geschlagen zu haben. Die Unschärfe verliert ihre Konturlosigkeit und die Figuren treten mit ihren Geschichten immer plastischer hervor. Iris Wolff agiert mit Inhalt und Sprache wie eine Zauberin, die wie jeder Magier anfänglich in ein Thema einführt, dann etwas offenbart und wieder verschwinden lässt bis es wieder auftaucht. Ein Zauberkünstler lebt für das Finale. Vorher zeigt er uns, was er möchte, was wir sehen sollen, um uns dann zu überraschen.

Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der Geschichte des 20. Jahrhunderts wächst dieser Roman mit seinen Figuren. Da sind Hannes und Florentine, die zwei Reisende beherbergen, die Jahre später erneut die Wege der Familie kreuzen werden. Aber hätten die beiden den jungen Liebenden aus der DDR auch dann geholfen, wenn sie gewusst hätten, was sie damit in Gang gebracht haben? Ihr Sohn, Samuel, der sehr introvertiert und still durch das Leben wandert, bildet den hauptsächlichen roten Faden. Er lernt das Leben und Lieben kennen und hilft Oz, einem Freund. Doch ist es auch die Liebe, die diese beiden Menschen über Grenzen hinweg entzweien wird.  Hier fliegt auch mal ein fauchender Drache als Symbol der Bedrohung durch die traumsichere Episode. Auch die Geschichte der Großeltern wird erzählt und die von Bene, dem Buchhändler, der nicht verstehen kann, warum man Bücher überhaupt leihen mag, wenn diese doch zum Leben des Lesenden dazugehören. Jedes Buch birgt doch die Chance, den Leser so zu berühren, dass man jenes Buch niemals wieder hergeben mag. So auch die Bücher von Iris Wolff. Diese Werke und die Lebenswege und Schicksalsschläge der hier beschriebenen Wahlverwandten bleiben in Erinnerung und gehören in den Kanon der wichtigen, jungen Literatur.

Ein kunstvoller Roman, der begeistert und einen mit der schönen Sprache durch die Geschichte schweben lässt.

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