Michael Engler: „Wilhelms Pilz“

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Nach „Wo, zum Teufel, liegt Memmingen“ und „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ hat der probsteier Surrealist Michael Engler nun ein weiteres Prosawerk veröffentlicht. Es ist wieder ein typischer Engler. Mit Christopher Ecker wohl auch einer der unbekannteren Autoren aus Kiel, die aber durch ihre Kunst entdeckt gehören. Beide schreiben herausfordernde Literatur, die Grenzen überschreitet und das Phantastische und Surreale einbezieht. Bei Engler weht auch gerne ein ganz kleiner Hauch Bukowski und ganz viel Witz durch die Texte. Das Pendel bei der Erzählung schwingt zwischen derbem Philosophischen und klugem Humor.

Die Wanderschaft des Protagonisten wird unter- und später abgebrochen, um das körperliche Fortkommen in der Landschaft in einen Seelentrip zu verwandeln. Er lernt zu erkennen, dass eventuell sein erhobener Blick auf sein Umfeld seinem egozentrischen Individualitätsdrang entwachsen ist und den Menschen nicht gerecht wird.

Wilhelm will von Krokau nach Krakau wandern. Auf diesem Weg macht er bei der Familie seiner verstorbenen Frau Halt. Ein Geburtstag soll gefeiert werden. In dieser Gesellschaft ist er als Witwer eher ein Zaungast. Da er vor den anderen Gästen eingetroffen ist, entschwindet er, nachdem er Pudding genascht hat, aus der Biedermeier-Welt in die Natur und findet zufällig einen Pilz. Dieser Pilz steht plötzlich da, blau und anziehend für Wilhelm. Er hadert, diesen zu pflücken. Erst sind es die eventuellen Förster, die ihn beim Pilzklau erwischen könnten, dann das schlechte Gewissen gegenüber der Natur. Doch steckt er den Pilz schnell ein. Als er etwas vom Pilz unbewusst abgeschabt hat und unüberlegt und spontan die Finger ableckt, merkt er bereits die Wirkung des eukaryotischen Lebewesens. Auf der Geburtstagsfeier streut er von den anderen Gästen unbemerkt wenige Anteile auf die ausgelegten Schnittchen und die Familienfeier läuft aus dem Ruder.

Später, als er seine Wanderung Richtung Krakau fortsetzen möchte,  bekommt er einen ungewollten Mitwanderer, der trotz seines Greisenalters Wilhelm viele Wege aufzeigen kann und seine Wahrnehmung nicht nur mit Hilfe des Pilzes zu erweitern versteht. Die Reise schlägt das Ruder herum und das Ende ist für Wilhelm eine kleine Erkenntnis.

Ein schön durchgeknallter Lesespaß mit humorvollem Tiefgang. Das Surreale und Traumwandlerische ist nicht wie bei dem vorherigen Werk „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ der Höhe-, sondern der Wendepunkt. Ein feiner, surrealer und typischer Michael Engler-Text. Diesmal ist das Büchlein mit einem kleinen Klapp-Cover auch ein haptisches und visuelles Erlebnis.

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