Élisabeth Filhol: „Doggerland“

Der Mensch wird an seine Grenzen gestoßen, wenn er sich der Natur erhaben empfindet, diese zwar verstehen möchte, aber auch beständig ausbeutet. Ein Sturm als Metapher einer Urgewalt, die uns zeigt, wie wenig nötig ist, um unseren persönlichen Lebensraum zu verwandeln. Auch wenn das Leben der Protagonisten in dem Roman von Elisabeth Filhol wenig auf den Kopf gestellt wird, wird man als Leser Zeuge von Naturschauspielen, Wissenschaft und der Suche nach alternativen Energien. Die Wissenschaft im Roman zeigt auch den Drang, die Natur zu begreifen um dann auch letztendlich ins Wirtschaftliche zu greifen, um zu bestehen. Dieser Klima-Roman ist an der Nordsee angesiedelt. Die Rekonstruktion jenes Doggerlands, jenes versunkenen Landes, das während der letzten Kaltzeiten England mit Kontinentaleuropa und Skandinavien verband. Stellenweise ist das Meer über der Doggerbank nur 13 Meter tief und daher im Sturm ein gefährliches Gewässer durch die sich auftürmenden Wassermassen. Dieser Sturm ist der rote Faden im Roman. Es ist das Sturmtief Xaver.  Ein schwerer Sturm mit Orkanböen, der über das nördliche und östliche Mitteleuropa zog und große Schäden verursachte. Ein Wissenschaftsroman, der mit glaubhaften und tiefgründigen Figuren bestückt ist, aber auch nebenbei ungemein bildet. Man lernt viel über die Entstehung der Kontinente, Tektonik und Wetterforschung.

Die Bruchlinien zwischen den Kontinenten und den Charakteren kommen zu Tage. Dabei wird unter anderem der Spagat zwischen der Erforschung und der Ausbeutung der Natur verdeutlicht. Das Doggerland, das Atlantis der Nordsee, versank vor circa achttausend Jahren. Es war besiedelt und der Mensch lebte wohl im Einklang mit der Natur. Margaret ist Geologin und erforscht seit ihrem Studium das Doggerland. Sie lebt in Aberdeen und ist mit Stephen, der sich um Offshore-Windparks kümmert, verheiratet. Ferner hat sie einen Bruder, der als Meteorologe vor dem aufbrausenden Sturmtief Xaver warnt. Es ist Dezember 2013 und Margaret und ihr Mann sind zu einem Kongress in Dänemark eingeladen. Auf der Gäste- und Rednerliste steht auch Marc. Marc hat eine Vergangenheit mit Margaret und kennt sie aus dem Studium. Doch war er verschwunden und sie hatten jahrelang keinen Kontakt mehr. Er ist als Ingenieur für Ölfirmen tätig. Jetzt könnten sie sich erstmals wiedersehen, doch am Vorabend der Abreise wird Warnstufe Rot ausgerufen. Xaver nährt sich dem Festland ungebremst. Aber es ist nicht nur der Sturm, der Vergrabenes aufwühlt. Gleich Verdrängtem, das sich im Unterbewusstsein eingelagert hat, kommen die Erinnerungen an die Oberfläche.

Ein Entwicklungsroman und ein Werk über Erdgeschichte sowie die unbändige Kraft der Natur, die uns jederzeit zeigt, wie abhängig wir von dieser sind. Mal tritt hier die Naturgewalt als Lüftchen auf, mal als Sturm, der eine Sintflut verursachen kann. Der tiefe Blick in uns und gleichzeitig der Blick in und auf die Welt, in der wir leben. Eine lohnenswerte Lektüre, die nicht durch einen Spannungsbogen überzeugt, aber durch die Charaktere, die Handlungsentwicklung und das aufgestaute Wissen, das man den Zeilen entnimmt, erlesene Stunden verspricht. Aus dem Französischen wurde der Roman von Cornelia Wend übersetzt.

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