Archiv der Kategorie: Erlesenes

Chrizzi Heinen: „Tropicalia Passagen“

Der Kulturbetrieb kann zuweilen wie ein großes Einkaufzentrum wirken, besonders wenn es Verlage gibt, die sogar imaginäre Literatur verlegen. Die „Tropicalia Passagen“ werden im Roman über Nacht in einen ganzen Literaturbetrieb umgewandelt und in diesem Verwandlungsprozess beobachten wir drei Menschen, die in den Strudel der Ereignisse hineingerissen werden. Die Reise in diesen außergewöhnlichen Kulturbetrieb ist eine humorvolle, ungewöhnliche und wird untermalt mit vielen Sound- und Sprachbildern.

Die irre, aber auch sehr innige Schau in die Welt der Figuren beginnt mit einem Umzug. Mila hat einen Schlussstrich gezogen. Sie war verantwortlich für die Klangkompositionen, mit denen die Besucher und Mitarbeiter des Einkaufzentrums „Tropicalia Passagen“ beschallt wurden. Sie kreierte Musik, um den Konsum, den Wohlfühlmoment und die Motivation klanglich zu verstärken. Ganz gezielt setzte sie ihre Musik ein und wurde zum Star des After-Work-Clubs. Nun hat sie gekündigt und ist umgezogen. Ihre Lebensveränderung spüren die Mitarbeiter der Passagen. Die Shops sind bereits dem Wandel verfallen und durch das Wegbleiben von Vitamin-M aka Mila entsteht eine Unzufriedenheit mit dem Centermanagement. Paul ist das Opfer der Modernisierungen. Er ist Einlagenhersteller und kennt alle Füße seiner Kunden. Er hat eine besondere Art, die Einlagen zu bemessen und benötigt dazu Bücher. Literatur ist für ihn somit nur ein Handwerksutensil. Doch ist sein Können durch die Industrie nicht mehr gefragt. Dennoch hat er sein Ladengeschäft in den Passagen noch, das fortan mehr als Postabholstation genutzt wird. Mila, die erfolgreich einen kleinen Handel mit Mimosen-Setzlingen gegründet hat, ist weiterhin auf der Suche nach künstlerischer Betätigung und Freiheit. Sie erschafft Puppen, drei Repliken als Stoffpüppchen, die sie willkürlich in die Nachbarschaft versendet. Somit schließt sich der Kreis zu Paul, der nichtzugestellte Sendungen in seinem Shop einlagert. Ein Literaturagent, der sich auf posthume Literatur spezialisiert hat, erhält ebenfalls eine der Puppen. Es ist Wagner, der im Büro ungern gesehen wird, da er durch sein Spezialgebiet wenig Umgang mit lebenden Menschen hat.

Die Passagen wurden durch die Unzufriedenheit von den Angestellten bestreikt und sogar stark beschädigt. Über Nacht hat das Centermanagement die Passagen in einen Literaturbetrieb umgewandelt. Somit vereinen sich nun die Handlungsstränge und die Puppen erhalten ein Eigenleben. Mila, die auch neuerdings in der Pflege tätig ist, findet eine ihrer versehentlich im Heim gelandeten Puppen. Durch die Print-On-Demand-Buchhandlung und den darunter liegenden Verlag wird auch die Geschichte von Vitamin-M als Buch angedacht.

Ein abgearbeitetes Shoppingcenter als Mittelpunkt einer Verwandlung und als Kulisse für unsere Gesellschaft und unseren Wunsch nach künstlerischer Selbstfindung. Nebenbei zieht der alltägliche Wahnsinn in das Leben und alles verwandelt sich. Puppen, die menschlich sind und Einkaufspassagen, die ein kulturelles Zentrum werden. Ein witziger, aber auch ein überspitzter sowie präziser Blick auf die Kulturindustrie.

Ein Roman, der einen ganz besonderen Sound hat und damit auch inhaltlich, sowie sprachlich spielt. In diesen Passagen kehren Buchmenschen gerne ein und können sich verwirren, verzaubern und bespaßen lassen. Literatur und Musik werden hier ein Ort zum Verweilen.

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Jens Rassmus: „Regentag“

Ein ganz besonderes Bilderbuch ohne Text von dem Kieler Autor Jens Rassmus. Das Buch benötigt keine Worte, um die ganze Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Fantasie.

Bücher sind Portale in diese, in andere und in ganz fremde Welten. Wie ein solcher Ausflug ohne Reise geschehen kann, zeigt das Buch ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Zwei Stadtkinder, ein Junge und ein Mädchen, schauen aus dem Fenster. Es ist ein typischer, grauer Regentag. Um nicht nass zu werden, bleiben sie drinnen. Am Anfang wissen sie nichts mit sich anzufangen, doch dann ergibt eine kleine Geste ein fantastisches Bild und Gebirge, die erklommen werden wollen, entstehen, Bäume werden zu einem Dschungel und die Kinder werden in ihren Phantasien ganz groß und können sich sogar selbst verwandeln. Mit wenigen Hilfsmitteln erleben sie alles, was sie sich vorstellen können und durchleben einen Regentag voller bunter Wunder. Bis letztendlich die Sonne sie nach draußen lockt und die farbenfrohe Phantasien-Welt sich am realen Horizont andeutet und den grauen Alltag verbannt. 

Die Zauberformel für alles in dieser Welt lautet: „Stell dir vor …“.  Bücher sind Wegbereiter für unsere Vorstellungskraft und schulen unsere Fantasie. Das Finden der Kreativität, der Gemeinsamkeit sprich Empathie sind bei solchen Büchern keine Nebenwirkung, sondern sind die Hauptursache, warum Bücher immer wieder begeistern.

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Peter Flamm: „Ich?“

Peter Flamm, bürgerlich Erich Mosse, wurde 1891 in Berlin geboren. 1962 war sein psychologischer Debütroman eine Sensation und die Begeisterung gilt auch heute für die Wiederentdeckung. Sebastian Guggolz, der neben seinem eigenen Verlag auch für den Fischer Verlag nach Perlen der Literatur sucht, hat diesen Leseschatz gehoben.

„Ich?“ ist ein Spiel mit der Persönlichkeit. Denn was ist das Ich? Die Persönlichkeit und das Menschliche werden durch Kriege zerstört. Dies gilt für die Menschen, die den Kampf erleben und für jene, die auf die Rückkehr warten. Auch wenn der Krieg vorbei ist, sind das Leid, die Zerstörung und die Vernichtung noch nicht beendet. Das Fremdsein wird im Roman erlebbar. Die eigene Fremdheit, die des Rückkehrers und die der Zurückgebliebenen. Alle sind traumatisiert, erkennen sich nicht wieder und nur der Hund schlägt an. Denn wer ist der, der heimgekehrt ist?

Der Roman besteht aus einem Monolog, einem Geständnis und es sprudelt aus dem Erzähler heraus. Er beichtet seinen Richtern und beginnt mit Negationen. „Nicht ich, meine Herren Richter, ein Toter spricht aus meinen Mund. Nicht ich stehe hier, nicht mein Arm, der sich hebt, nicht mein Haar, das weiß geworden, nicht meine Tat, nicht meine Tat.“ Er hat das Schlachtfeld überlebt. Er war Zeuge von Massakern und von abgetrennten und fliegenden Körperteilen. Er ist körperlich ein Ganzes, doch was ist mit seinem Innenleben? Der Krieg ist beendet und er stolpert beim Verlassen der Front über eine Leiche und nimmt sich dessen Papiere an. Seitdem hat er dessen Persönlichkeit angenommen. Aus Wilhelm Bettuch wird Hans Stern, ein Chirurg im bürgerlichen Berlin. Doch fragt er sich jetzt selbst, wer er ist.

Peter Flamm beleuchtet durch das Selbstgespräch alle Facetten der Persönlichkeit, die sich selbst nicht erkennt. Das Ich, das das Ich ablegt und wieder anlegt. Das Leben und das Selbst getrennt durch Glaswände, die unsichtbar und doch da sind. Starke Wände und doch porös. Dieser Roman ist eine Sensation und begeistert durch seine literarische Tiefe. Der Autor emigrierte nach Amerika und liess sich als Psychiater in New York nieder. Sein Wissen und sein Können machen diesen Roman zu einer mitreißenden Wiederentdeckung, die auch heute ihre Faszination nicht einbüßt. Ich möchte von einer Leseverpflichtung sprechen …

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Dilek Güngör: „A wie Ada“

Ein Roman voller Lebensfixierungen als Kind, als Frau, als Tochter und als Mutter. Viele Themen werden, wie in den Werken der Autorin üblich, sinnbildlich ergriffen. Das Erzählte wirkt erlebt und jeder wird sich zuweilen dabei selbst wiederfinden können. Mit ganz viel Empathie für die Figuren ist der Roman verfasst. Alles wirkt ganz leicht und zart, doch ist es stets ein großes Bild oder ein kluger Gedankenimpuls, der die kurzen Kapitel formt. Mit viel Humor und Kenntnis wurde das Buch geschrieben und die Momente werden beim Lesen lebendig. Dies ist die große Kunst der Autorin. Die Komplexität ist ein Gewebe, das sich leicht annehmen lässt und dann einen bleibenden und begeisternden Eindruck hinterlässt.

Ada ist eine Insel, so auch die Übersetzung des Namens in der Sprache der Mutter. Eine Insel, die aber niemals für sich alleine ist. Stets gibt es Berührungen, Verschiebungen und Besuche. Das Menschliche steht bei jeder Episode im Mittelpunkt. Wie in ihrem vorherigen Roman „Vater und ich“ geht es um Familie, Integration, Sprachbarrieren und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Generationen. Bei „Vater und ich“ waren im Mittelpunkt die Sprachlosigkeit und das Schweigen. Beide Werke verbinden sich in den kleinen Gesten. Das Alltägliche rückt in die Betrachtungen, um uns dadurch einzufangen und etwas mitzugeben. In der Kleinigkeit offenbart sich etwas Großes. Die Reduktion zeigt sich auch in den Kapiteln und im Text. Kein Füllwort taucht auf und kein Wort ist hier zu viel.

Erkundet wird das Leben in den Beziehungen von Ada. Ada geht in den Kindergarten, zur Schule, zur Uni und wird Mutter. Stets sind es ihre Betrachtungen auf sich und das Umfeld. Die Sehnsucht nach Verbundenheit steht im Mittelpunkt. Dabei lernt sie auch die Abgrenzung kennen. Zum Beispiel wenn die Mutter beim Kindergeburtstag alle Kinder als ihre Freunde benennt, aber Ada dies nicht so empfindet. Oder eine dieser Freundinnen ihren Schlafanzug anziehen soll, den sie selbst noch nie getragen hatte. Sie beobachtet ihre Eltern beim familiären Leben, beim Tanz und beim täglichen Miteinander, um dann selbst Mutter zu werden. Ada möchte sich selbst verstehen und bei ihren Reflexionen dürfen wir dabei sein. Voller Poesie und Witz nehmen wir uns bei der Lektüre selbst wahr. Es sind kunstvolle Anekdoten auf dem Lebensweg. Ada und / oder die Autorin versucht zu verstehen, zu beeindrucken und stets den Erwartungen, meist den eigenen, gerecht zu werden. Das Leben ist niemals eine einsame Insel, sondern immer ein Miteinander. Das kann zuweilen eine Herausforderung sein, aber dies formt uns und die Sehnsucht nach Innigkeit überstrahlt alles. Das Fremde durch das Fremdsein ist oft nur eine Kopfphantasie.

Mit einem großartigen Humor und einer besonderen Hingabe zu den Figuren, die sehr erlebt wirken, begeistert dieser Roman. Sätze und Episoden laden zum Nachsinnen ein. Ein wunderbarer Leseschatz!

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Henning Schöttke: „Wenn dich jemand sieht“

Henning Schöttke ist in der Literaturwelt eine feste Konstante geworden. Er ist ein Kieler Comic-Zeichner, der auch literarisch tätig ist. Er veröffentlichte einen Romanzyklus über die Todsünden und diverse Kurzgeschichten in unterschiedlichen Anthologien. Sein neuestes Buch „Wenn dich jemand sieht“ beinhaltet elf Kurzgeschichten. In der Kürze und dem Aufbau des Spannungsbogens zeigt sich sein wahres Können. In der Spannungsliteratur ist der Autor zuhause und sagte einst, dies sei auch das Genre, das er als Leser bevorzugt. Dies merkt man seinen neuen Geschichten an. Dabei mindert dies aber nicht sein Romanprojekt um die Todsünden, denn dieser noch nicht ganz abgeschlossene Zyklus ist eine Lesereise wert. Die Romane und die Geschichten sind immer eine Reise in Zeit und Raum und eröffnen dem Leser viele neue Ansichten.

„Wenn dich jemand sieht“ ist ein kleiner, ideenreicher Schatz und bietet eine enorme Vielfalt. Die Storys können mal Krimi oder mal Mystery beinhalten und beschäftigen sich mit der künstlichen Intelligenz. Die literarischen Vorbilder schlagen hierbei einen Bogen von Isaac Asimov zu Stephen King und werden auch mal etwas kafkaesk. Denn was ist denn an Klingelstreichen so schlimm, dass Kinder sich in einem beklemmenden Prozess wiederfinden? Auch Betrachtungen über die Zeit stimmen nachdenklich, denn wenn diese aus den Fugen gerät und langsam vergeht, während man selbst schnell erfasst, gerät das Umfeld dadurch in eine Stille und kann für einen Torwart einen Glückmoment erzeugen, der dann letztendlich erstarrt. Der Einstieg in die Geschichten gelingt durch eine übersinnliche und unheimliche Operation. Eine Verstorbene, die für die Organspende vorbereitet wird, regt sich unheimlich über die Geschehnisse im Operationssaal auf und es kommt zu einem Drama. Ferner wird ein überfälliger Besuch bei einem Großvater beschrieben, der durch die technologischen Entwicklungen die Frage aufwirft, was noch Realität ist. Auch haben die Geschichten zuweilen viel Humor. Zum Beispiel, ein Einbrecher, der überrascht wird und in Gedanken das Gespräch im Amt durchspielt, als er das Kindergeld beantragt und seinen Beruf angeben soll.

Jede Geschichte baut sofort ein Interesse und eine Spannung auf, so dass man diese zügig inhaliert. Die Texte sind gute Unterhaltung und gleichzeitig Literatur, die fesselt und begeistert. Mit wenigen Skizzen zeichnet der Autor Figuren und Szenerien, die gruseln und zum Nachdenken einladen.

Am Donnerstag, 4. April 2024 um 19:00 Uhr wird Henning Schöttke bei uns in der Buchhandlung lesen.

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Bora Chung: „Der Fluch des Hasen“

Sinnlich, schöne und befremdliche Literatur aus Korea. Bora Chungs Kurzgeschichten sind fantastisch und wirken, als hätte Roald Dahl dem König des Horrors aka Stephen King Küsschen gegeben. Alles ist bizarr, unheimlich und großartig geschrieben.

Das Gruselige tanzt hierbei aber auch gerne mit dem Humor. Alle Geschichten zeigen Alltägliches, um daraus dann das Unnormale, was immer das ist, zu erwecken. Denn, so sagt die Autorin, das Leben ist nicht normal. Die Geschichten zeigen Ebenen, die uns neue Perspektiven und Denkanstöße schenken. Alles wirkt doppelbödig und die Gesellschaftskritik ist stets spürbar. Doch sind einige Geschichten voller Dinge, die uns gruseln oder sogar ekeln lassen. Dennoch schreibt die Autorin mit einer großen Begabung. Ihre Literatur fesselt, macht neugierig und lässt uns hellhörig werden.

Es sind insgesamt zehn Geschichten, die jegliche Grenzen im Inhalt und in der Gattung sprengen. Die Realität streift Horror, Zukünftiges und wird dadurch zu magischem Realismus. Die Erzählungen lenken unseren Blick auf Soziales, auf den raffgierigen Egoismus und auf stets Unerwartetes. Unserem schnelldrehenden Alltag der Moderne fehlt das Magische und Bora Chung gibt uns die Magie zurück, um diese dann zuweilen ins Monströse und Absonderliche zu führen.

Ob die Anfangsgeschichte ein gelungener Einstieg ist, wirkt durch den Ekel fraglich. Denn hier erscheint einer Frau in der Toilette ein Kopf, der sie Mutter ruft. Es wird ein femininer Homunculus, der aus den Hinterlassenschaften der Frau erschaffen ist. Das Betätigen der Spülung reicht nicht, um das Phänomen aus dem Leben zu bannen. Morastig wird es in einer weiteren Geschichte, in der eine Frau in ihrem Fahrzeug in absoluter Dunkelheit erwacht. Eine Stimme, die sie anspricht, warnt, ihr Fahrzeug würde in einem Sumpf versinken. Als sie dem Fahrzeug entkommt und der Stimme vertrauend folgt, wird immer fraglicher, was jene Stimme bezweckt und ob es wirklich eine Rettung gibt? Eine weitere Erzählung beschreibt die Lebensbeziehung zwischen einer Frau mit einem Androiden, der ein älteres Modell ist. Doch mag diese Frau geraden diesen, dessen Akku aber Probleme bereitet. Die titelgebende Erzählung weist darauf hin, dass Gegenstände, die mit einem Fluch belegt werden sollen, besonders hübsch sein sollten. Doch Dinge für den Eigengebrauch zu verfluchen, ist verboten. Was bei Nichtbefolgung passieren kann, zeigt sich dann im „Fluch des Hasen“. Mit Körperlichkeit und Beschämung wird in den Geschichten oft gespielt. So leidet zum Beispiel eine Frau unter einer nicht aufhören wollenden Menstruation und um diese zu stoppen, soll sie die Antibabypille nehmen, doch die Nebenwirkung bei zu häufiger Anwendung ist die Schwangerschaft.

Das Normale verdreht sich, Gesellschaftliches und Alltägliches werden ins Groteske geführt und bilden einen ganz anderen Blick auf unser modernes Leben. Die Autorin verführt uns förmlich durch ihre Sprache und den übersprudelnden Ideenreichtum. Das Buch ist eine großartige und unheimlich gute Überraschung. Übersetzt aus dem Koreanischen wurde das Buch, das auf der Shortlist für den internationalen Booker Prize stand, von Ki-Hyang Lee.

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Elke Engelhardt: „100 sehr kurze Gespräche“

Es ist eine Freude, diesen Gesprächen zu lauschen. Es sind poetische Gedankensplitter, die ganz nuanciert einen weiten Raum öffnen. Dies ist eine Literatur, die Lust macht sich mit der Quelle zu beschäftigen. Es sind Splitter, weil Elke Engelhardt alles für diese Texte reglementiert hat. Um nicht auszuufern, sondern punktiert das Gedachte und Empfundene in Kurzkunst zu bringen. Alles mündet in der Zahl Einhundert. Eine Sammlung aus Hundert Kurztexten, die jeweils exakt aus einhundert Wörtern bestehen. Im Jahr 2022 begann es auf dem Blog der Autorin. Ihr Projekt: „100 Worte. 100 Tage“. Die Inspiration zu den Texten wurde einem zufällig gefundenen Zitat entnommen. Das Zitat und somit die Quelle wird stets vorangestellt. Somit sind diese Gespräche ein Versuch, die ausgelösten Gefühle, Gedanken und Weiterführungen des Zitats in eine eigene Prosa-Lyrik zu bringen. Elke Engelhardt stößt dabei auf Zitate von: Gertrude Stein, Astrid Lindgren, Sylvia Plath, Herman Melville, Tove Ditlevsen, Brüder Grimm, Ulrike Almut Sandig, Peter Nádas und viele mehr. Insgesamt sind es einhundert Quellzitate, die die Autorin zu literarischen Weltreflexionen animiert haben. Immer genau mit hundert Worten. Man ertappt sich hier und dort bei der Kontrolle und staunt über den genauen Rahmen, der, wie Zeit, unterschiedlich wirkt und doch eine beständige Einheit ist.

Die sogenannten Gespräche, die durch einen Anstoß als Selbstgespräch, als Reflexionen fixiert wurden, sind poetisch, klug und gehaltvoll. Die Tiefe erschließt sich nicht sofort oder immer. Doch regen alle Kurztexte zum Weiterdenken, zu einem Nachempfinden und zum Abschweifen an. Auch möchte man hier und dort mehr erfahren über den Ursprung und somit ist das Buch eine Bereicherung in der eigenen Drucklegung und in der Weiterführung als Literaturempfehlung zu verstehen. Ein kurzweiliger Lesespaß, der immer wieder in die Hand genommen werden möchte und stets neue Ideen und Gedanken anstößt.  

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Haruki Murakami: „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“

Der neue Roman von Haruki Murakami verspricht fantastische Literatur und hält sein Versprechen. Ein Roman, der mit dem Bewusstsein, dem Unbewussten, den Träumen und der Realität spielt. Die Phantasie und das Unbewusste sind Gedankenkonstrukte, die unser Handeln, Fühlen und Denken unterbewusst bestimmen. Im Roman sagt die Figur Herr Koyasu: „Bewusstsein ist das Gewahrwerden des eigenen physischen Zustands durch das Gehirn“. So verschlingt uns der Roman durch die Bilder, durch die Gedankenspiele und die Emotionen und baut um uns ein Labyrinth aus Wirklichkeit und Fantastischem. Wir Menschen erdenken und empfinden unsere eigenen Welten und verlieren uns zuweilen in der Fantasie oder werden durch die Realität zu einem Schatten unserer Selbst. Der Schatten ist ein wichtiger Aspekt in diesem Roman. Wer Murakami liest, weiß, in seinen Welten vermischen sich Realitäten und diverse Alternativen und bilden ein Geflecht aus dem ein Ganzes erbaut wird. Doch ist jede Ebene umgeben von Mauern und gerade diese gilt es zu überwinden. Die Mauern im Roman können unterschiedlich sein, sie sind unzerstörbar, nur ein Gedanke oder eine Membran und die Realitäten greifen ineinander. Murakamis Literatur ist somit eine kunstvolle Diffusion.

Eigentlich war „Die Stadt und ihre ungewisse Mauer“ eine Erzählung. Murakami konnte diese Erzählung aber niemals ganz verlassen und loslassen. Themen griff er erneut in „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ auf, um nun mit dem vorliegenden Roman endlich das komplexe Werk zu vollenden.

Der Erzähler ist am Anfang des Romans siebzehn Jahre jung und verliebt. Das Mädchen, das er liebt ist ein Jahr jünger und beide verbindet die Liebe zu Geschichten. Behutsam nähern sich beide einander an und die Liebe findet Erwiderung. Doch meint das Mädchen, dies sei nicht ihr wahres Ich. Sie, das eigentliche Bewusstsein, lebe in der Stadt mit der unbestimmten Mauer. Eines Tages bleibt das Mädchen weg und der Namenlose zieht nach Tokio und arbeitet später im Buchhandel. Doch seine Gedanken und Gefühle sind stets bei dem Mädchen und er sucht die mysteriöse Stadt, die ihn auch findet. Denn er fällt in eine Grube und als er sein Bewusstsein erlangt, steht vor ihm der Torwächter der Stadt mit der ungewissen Mauer. Um die Stadt betreten zu können, muss man seinen Schatten ablegen. Da er von dem Mädchen erfahren hatte, dass sie dort in der Bibliothek arbeitet, findet er sie in jenem Zentrum. Er wird ebenfalls als Traumleser tätig und arbeitet täglich mit dem Mädchen zusammen, die ihn aber nicht erkennt. Das Leben in der Stadt ist konturlos und befremdlich. Es ist eine Stadt, die der Phantasie des namenlosen Jungen und des Mädchens entsprungen ist. Auch Einhörner leben und sterben hier. Der Schatten, der außerhalb der Mauer ein tristes Leben fristet und immer mehr zu verschwinden droht, kann den Erzähler überzeugen, die Stadt zu verlassen. Es gelingt auch und der Erzähler und sein Schatten können die Mauer überwinden, doch ist es der Erzähler, der Schatten oder sind es beide, die unter rätselhaften Umständen die Stadt verlassen?

Auf den Erzähler wirkt alles wie ein Traum, doch lassen ihn die Bilder und die Emotionen nie los. Er kündigt und begibt sich in die Präfektur Fukushima und beginnt in einer alten Bibliothek zu arbeiten. Ein Traum hat ihn in diese Region geleitet und als er dort ankommt, findet er Erträumtes wieder. Auch der Ofen aus der Bibliothek in der Stadt mit der ungewissen Mauer befindet sich dort und immer mehr öffnen sich die Weltengrenzen. Erneut ist es auch der Tee und Apfelgeruch, der ihn an den Ort zu binden scheint. Die Menschen, denen er begegnet sind ebenfalls mysteriös, zum Beispiel Herr Koyasu, der vor ihm die Bibliothek geleitet hat und oft erscheint und den Erzähler einarbeitet, aber auch Grenzen überwindende Geschichten erzählt. Der Verlust der Liebe steht dabei im Mittelpunkt. Auch der Verlust des eigenen Schattens, der uns mit dem Leben verbindet. Immer wieder wandern die Gedanken und Gefühle zurück in die Stadt mit der ungewissen Mauer.

Eine traumwandlerische Reise. Das Märchenhafte ist eine Bewusstseinsstudie, die uns beim Lesen immer tiefer in die Vielschichtigkeit der Gedanken- und Gefühlswelten hinabreißt. Durch die Bilder und die zugängliche aber sinnliche Sprache verwurzeln sich die Handlung, die Figuren und die Themen immer mehr im eigenen Selbst. Murakami spielt mit seinen Gedanken und Figuren und bietet oft Wiederholungen an, die aber, wenn sie erfolgen, stets anderes beleuchten und somit einen ganz anderen Schattenwurf erzeugen.

Ein großer Murakami, der durch die beschriebenen Welten unsere Welt bunter, reicher und kontrastvoller werden lässt.  Der Roman wurde von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übersetzt.

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Iris Wolff: „Lichtungen“

Dies ist der fünfte Leseschatz von Iris Wolff. Seit ihrem Debüt begeistert sie uns und erhält seit „So tun, als ob es regnet“ zum Glück auch ein größeres Publikum. Ihre literarische Stimme zählt zu den bedeutenden der Gegenwartsliteratur. Im neuen Roman erzeugt sie erneut stille Bilder, die voller Klang sind und sie reist mit uns zu bestimmten Erinnerungsmomenten der Protagonisten. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Freundschaft, Liebe und der Zugehörigkeit. Wer die Werke von Iris Wolff kennt, weiß, dass alle Figuren, ob Haupt- oder Nebencharakter, von Bedeutung sind. Auch tauchen ihre Fragen nach der Prägung durch die familiäre Verwurzelung und Herkunft auf und der Wunsch, dieser entkommen zu können.

Es ist die Geschichte von Lev und Kato. Eine Geschichte, die uns sofort in ihren Bann zieht und zwei Menschen vorstellt, die uns lange in Erinnerung bleiben werden. Dabei lernen wir die beiden in Kapitel neun kennen, denn Iris Wolff schreibt den Roman rückwärts. Dies geschieht, wie im wahren Leben, wenn man sich neu kennenlernt, denn ab dem Moment erfährt man im Rückblick von der individuellen Geschichte, die das Fundament der Gemeinsamkeit gießt. Dabei wird nicht alles erzählt, einiges bleibt im Stillen und schimmert nur ganz leise durch die Zeilen hindurch. Die Momente, die uns erzählt werden, sind wie Lichtungen im Leben von Lev und Kato. Die Kapitel sind eindrücklichste Augenblicke des Geschehens, Erinnerungen über die Zeit verstreut, die wie Lichtungen eine Erkenntnis erhellen. Die titelgebende Metapher suggeriert ebenfalls ein Drinnen und Draußen und damit spielt die Autorin.

Die Handlung beginnt damit, daß Lev Kato nach Zürich hinterherreist. Lev ist bisher meist in seiner bekannten Umgebung geblieben. Großgeworden sind beide im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien. Kato ist in die Welt aufgebrochen und hat Lev aus allen Regionen Postkarten gesendet. Bis er eine erhält, auf der sie fragt, wann er denn komme. Dies weckt ihn aus seiner Erstarrung. Kato lebt den Tag mit ihrer Kunst und erneut ist es die Nähe, die Freundschaft, die beide sehr eng verbindet. Nun beginnt ihre Reise durch Europa und zu sich. Im Rückblick wandern wir in die bedeutenden Lebensstationen von Lev, die stets durch Kato geprägt sind. Die Zeitreise erzählt von seiner Fahrradtour, auf der er sich neu zu finden sucht, von seiner Arbeit im Holzfällercamp, seinem Kuraufenthalt und von seiner Jugend und Kindheit. Als Schüler ist etwas passiert, dass ihn erstarren ließ. Er konnte die Beine nicht mehr bewegen und war ans Bett gefesselt. Kato war es, die den Auftrag erhielt, ihn zu besuchen und mit den Schulaufgaben zu versorgen. Dies ist der Anfang ihrer unzerbrechlichen Freundschaft und Nähe.

Der Roman ist voller Schönheit und Poesie. Das Leben wird dabei im Zusammenhang mit der Beziehung der ungleichen Freunde im Rückblick erzählt und streift dabei die Geschichte und das Politische. Ein zeitloses Wunderwerk, das berührt und mit einer Leichtigkeit mit Schattierungen und Farben hantiert. Der ganze Roman ist wie ein Kunstwerk, das beim ganz genauen Hineinschauen immer mehr von sich preisgibt.

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Siehe auch unbedingt: Iris Wolff zu Gast auf Leseschatz-TV (YouTube): Vorstellung und Lesung aus „Die Unschärfe der Welt“

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René Maran: „Ein Mensch wie jeder andere“

Mit dieser Veröffentlichung ist die deutsche Erstübersetzung eines literarischen Meilensteins erschienen. Die Handlung spielt in den 1920er Jahren und wurde erstmals 1947 in Frankreich veröffentlicht. Der Roman handelt von den Verletzungen durch den allgegenwärtigen Rassismus. „Ein Mensch wie jeder andere“ stellt die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund und in Frage. Die Thematik ist leider immer noch von Gültigkeit. Der Roman verschönt nichts und somit wurde auch in der vorliegenden Übersetzung von Claudia Marquardt die rassistische Sprache des Originals beibehalten.

René Maran wurde 1887 auf Martinique geboren und wuchs in Bordeaux auf. Er revolutionierte die Literatur seiner Zeit und gewann als erster schwarzer Schriftsteller den Prix Goncourt. Gerade dies verfolgte ihn ebenfalls, denn wurde er in Folge belobigt, weil er den Preis gewonnen hatte, oder weil er der erste Schwarze war, der ihn erhielt? Maran starb 1960 in Paris.

„Ein Mensch wie jeder andere“  wird von der Hauptfigur Jean Veneuse erzählt. Er schreibt und geht dabei zu sich selbst auf Distanz. Er verlässt Frankreich an einem kalten Novembertag. In seiner Vorrede zur Handlung geht er auf den erlebten Rassismus ein, der ihn in den damaligen modernen Zeiten entgegenschlug. Er kehrt nach Afrika zurück, wo er als Kolonialbeamter eingesetzt werden soll. Er verlässt Bordeaux in tiefer Trauer und Verwundung. Weinend schaut er auf sein dortiges Leben zurück, das ihm als Schwarzer verwehrt wurde. Er verlässt Freunde und vor allem Andreé Marielle, die Pariserin, der sein Herz gehört. Es ist eine Abkehr von der Liebe, eher ein verstandesmäßiger Verzicht, als eine erzwungene Trennung. Die Beziehung wäre nicht unmöglich gewesen und doch empfindet er sie als ungehörig, da er ein Schwarzer und Andreé eine Weiße ist.

Die gesellschaftlich unmöglich empfundene Liebe ist das Thema. Dabei ist Jean aus der Sicht seiner Freunde und Wegbegleiter ein Schwarzer, wie sie sich viele Weiße gewünscht hätten. Es wird über ihn gesagt, er sei kein richtiger Schwarzer, denn er wirkt wie einer von der „gehobenen“ Gesellschaft. Somit entsteht eine Trennung ohne Trennung und differenziert gerade dadurch. Die Barrieren sind nicht die Bildung oder die Intelligenz. Immer wieder ist es die Hautfarbe, die Vorurteile schafft und das Leben erschwert, verändert und unmöglich macht. Auf der Schiffspassage kehrt sich die Verletzung und Enttäuschung um. Aus Trauer, Scham und dem Verlust der Liebe erwächst ein Selbsthass. Am Bord der „Europe“ trifft er auf einen alten Freund, dessen Frau und eine junge Frau, Clarisse Demours. Alle drei versuchen den trübseligen Jean Veneuse aufzuheitern. Sein Abschied von Frankreich und seiner großen Liebe trifft auf zaghaftes Unverständnis. Auf die Versuche, ihm wieder den Blick auf die Liebe zu ermöglichen, antwortet er zögerlich, ironisch und voller Selbstzweifel. Er hadert zwischen Liebe und den menschlichen sowie gesellschaftlichen Stellungen.

Ein Roman, der in Zeiten des Kolonialismus spielt und den Rassismus, Hass und Selbsthass erlebbar macht. Ein wichtiges Werk, das nun endlich auch in der Übersetzung vorliegt. Es zeigt eine Vergangenheit, die das gegenwärtige Europa und die ganze Welt in der Geschichte enttarnt. Ein Roman, der es versteht neue, d.h. tiefere Sichtweisen auf die großen Themen zu öffnen. Es bleibt zu hoffen, dass wir lernen, dass wir alle Menschen sind, wie jeder andere und Liebe, Frieden und Glück verdienen.

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