Archiv der Kategorie: Erlesenes

Lu Bonauer: „Tausend Schichten Sommerland“

Erneut ist es die Liebe, die Lu Bonauer betrachtet und wirken lässt. Mit der Novelle „Tausend Schichten Sommerland“ setzt er den Reigen seines Themas fort, das er mit „Die Liebenden bei den Dünen“ begonnen hatte. Seine neue Publikation trug vorerst den Arbeitstitel „Die Liebenden in der Stille“ und beschreibt tatsächlich ein stilles, liebevolles Refugium, das in einen Sog gerät, der die Liebenden in einem Wirbel verfängt und ihre Gefühls-Sphäre verwandelt. Gibt es etwas, das wie aus dem Nichts, in die intime Liebe, in die Zweisamkeit einzugreifen vermag? Die Stille gebärt hier etwas Unheimliches und die Sogwirkung hat ihr Zentrum in einem schwarzen Loch aus Emotionen.

Erzählt wird die Geschichte von Astrid und Tom. Ihre Liebe ist wie ein Blitz. Eine Kraft, die gefühlt alles zu erschaffen vermag. Ihre Leidenschaft und ihr Verlangen sind zart, begierig und sie sind sich selbst stets genug. Ihre keimende und junge Liebe wollen sie in der Einsamkeit auskosten. Ihre Zweisamkeit suchen sie auf einer einsamen Insel. Ihre Nähe ist intim und fern von jeglichem Spannungsfeld der weltlichen Geschehnisse. Die Natur ist geprägt vom Ozean und von Olivenhainen. In der Abgeschiedenheit erleben die beiden ihre Rituale, ihre Albernheiten und ihre tief empfundene Liebe. In dieser Geschichte werden Märchen und Mythen lebendig. Alles wird, wenn es nur durch Emotionen erlebt und erfasst wird, magisch. Die Geschichte der dortigen Olivenbäume wird das Fundament der ersten Begegnung mit der Dunkelheit. Diese Schattenwelt und die empfundene magische Welt fällt den Liebenden wahrhaftig vor die Füße. Die traumhafte Inselidylle wird durch Eigenartiges getrübt. Die Nachbarin, die erst gar nicht zu sehen war, sitzt plötzlich auf dem Schaukelstuhl und wirft grimmige Blicke auf das Liebespaar. Auf einer Erkundungstour geraten die Beiden auf Abwege und stehen auf der Rückfahrt an einem Kreuzweg und entscheiden sich vorerst falsch. Auf diesem Weg fällt ihnen ein Olivenbaum vor den Wagen. Wie von einer unsichtbaren Kraft wurde der starke Baum entwurzelt. Kein Wind weht und keine Alterserscheinung lässt den Vorfall erklären. Später geht ein Flüstern durch die Olivenhaine. Die Liebenden drohen zwischen Licht und Schatten verloren zu gehen. Etwas Mephistophelisches verbeißt sich in die Liebe. Hierbei greift der Vergleich zu Goethe, der ebenfalls fragte, ob es tatsächlich die Liebe ist, die die Welt im Innersten zusammenhält?

Ein Buch über die Romantik, die durch die Liebe geprägt und durch das Umfeld und das Leben beschattet wird. Das anfängliche Glitzern und die Leichtigkeit im Leben und in der Liebe erfahren durch die weltlichen Ereignisse und den entzauberten Alltag eine Schwere, die es zu erkennen gilt. Wie tausend Schichten legt sich hierbei eine Erkenntnis ab und greift trotz der Märchenhaftigkeit gegenwärtige Fragestellungen auf. Fixiert wird hierbei eine Sehnsucht nach Sinnhaftigkeit, Liebe und nach eventuell höherer Bestimmung.

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Ariana Zustra: „Tot oder lebendig“

Dieser Roman ist voller Leben und wandert viele Grade ab. Er wandelt zwischen ernsten Tönen und klugem Humor und bemisst dabei die menschliche Identität. Am Ende wird trotz des ganzen individuellen Lebensdramas deutlich, dass der einzelne Mensch lernen darf, sich nicht ganz so wichtig zu nehmen. Wir nehmen oft alles sehr schwer, weil wir meinen alles habe eine Bedeutung und wenn es keine gibt, suchen wir krampfhaft eine. Oft hilft eine Portion Pommes, um das einfache Glück zu erfahren. Der Debütroman der freien Journalistin und Musikerin Ariana Zustra ist ein feiner Lesespaß, der mit ganz viel Witz unser alltägliches Sammelsurium an Themen entwirrt.

Anna Thurow denkt, nachdem sie Pommes gegessen und sich geduscht hat, am Abend vor ihrem dreißigsten Geburtstag über Selbstmord nach. Eigentlich möchte sie sich nicht umbringen, sondern einfach nur nicht mehr leben. Wenn die kommenden Jahre werden würden wie die vorherigen, empfände sie die bevorstehende Lebenszeit als lästig. Mit ihrem Leben und Körper hadert sie und empfindet in der Sexualität einen leichten Penisneid. Arbeit ist für sie reine und nervige Pflichterfüllung. Ihre Freunde lernte sie damals im Studium kennen. Sie wollten an einem Nachmittag gemeinsam ein Referat vorbereiten, beschlossen dann aber einen Mittagsschlaf zu halten. Seitdem hat sie jene besten Freunde, die sie um ihren Geburtstag herum auf andere Gedanken bringen und der gedankliche Suizid wird gebannt. Annas Nachbarin bittet sie eines Tages, ihr den Koffer zu packen, denn sie werde am folgenden Tag operiert. Bei der Kleidungsauswahl findet Anna eine Karte einer Heilerin und Hypnotiseurin. Sie glaubt nicht an Hokuspokus und ist nur religiös, wenn die Jesusfigur eine entsprechende Ausstrahlung hat. Somit ist sie fast eher populär-religiös. Dennoch nimmt sie zu der Wahrsagerin Kontakt auf und erhält einen Namen, Andri Aschkenasi und Dubrovnik, beziehungsweise Ragusa genannt. Jene Seele hause in ihr und verursache jene innere Unruhe.  Dies nimmt sie als Anreiz für eine Recherche und möchte wissen, ob es jenen jüdischen Mann in Kroatien tatsächlich gab und begibt sich auf die Reise zu diversen Ursprüngen.

Dubrovnik öffnet ihr neue Portale und sie ist überwältigt von der Schönheit. Sie befreundet sich nicht nur mit dort lebenden Katzen, sondern auch mit Menschen an, die vorerst schweigsam und sonderlich wirken. In der jüdischen Gemeinde trifft sie auf eine Frau, die jenen Andri gekannt hat. Sie lernt durch deren Verwandtschaft auch wieder die Liebe kennen und taucht immer mehr in die Geschichte des Landes ein. Neben den wunderschönen Ausflügen in der Stadt, dem Land, auf See und den traumhaften Inseln erfährt sie immer mehr über die dortige Kriegsvergangenheit Ex-Jugoslawiens und die Naziverbrechen.

Der Roman spielt mit Gegensätzlichkeit. Das pralle, bunte und schöne Leben wird stets von Verlust, Trauer und Tod begleitet. Der feine und kluge Humor wird unterbrochen durch Weltschmerz. Aber dank der Autorin bleibt stets der Schalk im Mittelpunkt. Ein feiner, subtiler Humor behält in jeder Szene die Oberhand. Neben den ernsten Themen, den verdrängten Kriegsschauplätzen der Shoa, Religiosität, sucht das Buch auch humorvolle Antworten zur eigenen Identität und der Sexualität.

Ein unglaublich witziger und existentieller Reisetripp der in Abgründe schaut aber dabei nie den Humor verliert.

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Terézia Mora: „Muna oder Die Hälfte des Lebens“

Erneut sind es die Ungeheuer in unserer Gesellschaft, die Terézia Mora beschäftigen. Der Roman handelt von einer jungen Frau, die in eine Beziehung gerät, die ihr nicht gut tut. Es geht um Abhängigkeit, Erniedrigung und Gewalt. Nach ihren Romanen um Darius Kopp, einen IT-Spezialisten, beginnt die Autorin mit diesem Roman eine Trilogie über Frauen. Dabei schaut Terézia Mora auf unser gesellschaftlich geprägtes Frauenbild und setzt sich mit der Misogynie auseinander. „Die Hälfte des Lebens“ ist der weiterführende Titel und zeigt die beschriebene Lebensspanne des Hauptcharakters, aber versinnbildlicht auch jene Lebensphase, die besonders prägend ist. Eine Frau, die ihre Freiheit nicht findet. Der Freiheitsgedanke wird hierbei im Privaten und im öffentlichen Leben, dem Staatsapparat, beschrieben.

Muna hat keine behütete Kindheit. Der Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Am Anfang des Romans hat die Mutter gerade eine Überdosis Tabletten mit viel Wein zu sich genommen und kommt in die Klinik. Sie überlebt, wird aber weiterhin keine große Hilfe für ihre Tochter sein. In dieser Szene lernen wir Muna kennen. Als sie dem Blaulicht mit der abtransportierten Mutter folgen möchte, findet sie ihr Fahrrad mit aufgeschlitzten Reifen vor und sie reagiert lautstark.  Sie ist gerade volljährig geworden und verliebt. Immer wenn sie einen Zufluchtsort sucht, findet sie diesen im Theater, in dem ihre Mutter tätig ist. Die Rollen, die ihre Mutter mimt, werden durch deren belastete Psyche immer kleiner, dennoch ist Muna meist ein Gast, der sich in den hinteren Reihen oder im Salon aufhalten darf. Sie schreibt und macht ein Praktikum bei einem Magazin. Hier lernt sie den älteren Magnus kennen. Er unterrichtet Französisch und ist Fotograf. Sie ist von ihm begeistert und sofort verliebt. Sie folgt ihm, um mehr zu erfahren. Immer wieder laufen beide sich über den Weg und es kommt zu einer Liebesnacht. Magnus ist danach verschwunden. Der Anfang des Romans spielt in den letzten Zügen der DDR. Den Mauerfall bekommt Muna vorerst gar nicht mit. Auch die Freiheit wird in Folge für Muna eine vermeintliche werden.

Muna beginnt sich in Berlin einzuleben und hat flüchtige Beziehungen. Sie möchte weiterhin literarisch schreiben. Nach den mystischen sieben Jahren begegnet sie wieder Magnus. Muna gibt mehr und mehr von sich auf, um ihm nahe zu sein. Sie erträgt Abweisungen, Demütigungen und Gewalt. Muna hält an ihrer Liebe fest und gibt nicht auf.

Der Roman spielt mit großen Bildern. Das Bild der Heimatlosen zeigt sich im Elternhaus, in den Beschreibungen der Herumirrenden in der DDR und später innerhalb der toxischen Beziehung. Es zeigt auf, wie schnell wir in respektlose oder missbräuchliche Beziehungen geraten können. Der Einfluss, den andere auf uns, unser Leben, die Liebe und die Freiheit haben, ist wohl meist größer als gedacht. Das Individuum wird beeinflusst durch die Gesellschaft, Politik und Beziehungen. Dabei spielen immer die persönlichen Entscheidungen eine Rolle, doch sind diese stets frei? Teréza Mora hat eine Figur erschaffen, die nicht durch mangelnde Bildung, Religionszugehörigkeit oder Familienstand in ihren Lebenslauf gezwungen wird. Dennoch sind es die äußeren Bedingungen, die die junge Frau in der Hälfte ihres Lebens beeinflussen.

Das Buch ist nominiert für den Deutschen Buchpreis und ich, der Leseschatz, bin in diesem Jahr Buchpreisblogger. Das bedeutet, mir wurde dieser Titel als Blogger zugewiesen, den ich hier vorstellen darf. Teréza Mora wurde 1971 in Ungarn geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Für den Roman „Ungeheuer“ erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis und für ihre Erzählung „Seltsame Materie“ wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Für ihr Gesamtwerk wurde ihr 2018 der Georg-Büchner-Preis zugesprochen. Da sie ferner als Übersetzerin tätig ist, konnte sie ein enormes Sprachgefühl entwickeln und erzeugt durch ihre Texte tiefgründige Bilder. „Muna oder die Hälfte des Lebens“ ist ein schnell zugängiger Roman, der aber nicht einfach ist. Die zügige Vertrautheit mit dem Text liegt an der genauen Charaktergestaltung und deren Entwicklung. Ein großer Roman, der nachhaltige Emotionen und Gedanken erzeugt.

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Jami Attenberg: „Bis hierher war’s ein weiter Weg“

Wohl das persönlichste Buch von Jami Attenberg. Ihre Kunst ist es, uns auf den Weg, den Reisen zu sich selbst und zu ihren Kreationen und Figuren mitzunehmen. Dabei erzeugt sie ein Bewusstsein, daß meistens das Ankommen nicht von größter Bedeutung ist. Ihr Weg ist ein hungriger auf Kunst, Literatur und das Leben. Mit ihren klugen Worten und Geschichten perfektioniert sie von Buch zu Buch den melancholischen Witz. Ihr neuer Roman, fast ein Liebesbrief, handelt von Lebensentscheidungen, von Geschichte und Geschichten und ist ein großartiges Werk, das gespeist ist von übersprudelnden Ideen, Empfindungen und mit sehr viel Leben gefüllten Worten.

Ihr Leben ist mit dem Reisen verbunden. Dabei stellt sie sich die Frage, ob sie tatsächlich eine Reisende ist oder läuft sie von etwas davon? In ihrem ehrlichen, humorvollen Buch erzählt Jami Attenberg vom Schreiben als Berufung und vom Alltag als Lebenskünstlerin.  Kunst als Lebensmitte kann das Nötigste vom Leben des Künstlers abverlangen.

Es ist der Weg von Jami Attenberg. Es ist ihre Kunstreise, die wir verfolgen dürfen. Geschichten, wie sie nur Attenberg versteht zu erzählen. Das Ernste und das Tiefgründige lauern neben dem leichten und einzigartigen Humor. Es fällt schwer, nicht Fan der Autorin und ihren Werken zu sein oder jetzt endlich zu werden. Übersetzung von Barbara Christ.

Die Verlagsvorschau mit Leseschatz-Zitat:

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Luca Kieser: „Weil da war etwas im Wasser“

Die Erde ist aus weiter Ferne eine blaue Murmel mit weißen Schlieren und das Blaue ist der wahre Lebensraum. Der Schritt zurück – oder nach vorn – offenbart diverse neue Perspektiven. Denn um die Perspektiv- und Lebensvielfalt geht es hierbei. Kieser gibt dem Meer, seinen Bewohnern und den Menschen, die sich um den wässrigen Lebensraum bemühen, eine Stimme. Wer dies alles beobachtet ist ein Kalmar, ein Tintenfisch. Die Kopffüßler sind schlaue Tiere. Sie haben mehr Hirne als Herzen, aber von allem genug. Wenn die Arme neben den fühlenden Saugnäpfen eigene Hirne haben, haben sie auch jeweils unterschiedliches und individuelles Bewusstsein. Zumindest in diesem außergewöhnlichen Roman.

Im Zentrum erleben wir den Kalmar, beziehungsweise, die Kalmarin. Alles hängt mit diesem Fabelwesen zusammen. Ein Kopf mit acht Armen und alle erzählen ihre Geschichte. Jeder Arm mit seiner individuellen Persönlichkeit. Diese ist stets als Marginalie auf den Seiten ersichtlich. Ihre Namen geben den Charakter vor. Es sprechen der süße, hehre, blendende, eingebildete, halbe, müde, arme und bisschen schüchterne Arm. Ein Bewusstsein aus einer Viele schwimmt somit im Weltmeer. Ein Wir im Ich erzählt vom Uns und dadurch wird es spannend. Alle tragen zum Ganzen bei und erleben das, was die einzelne Kalmarin erschwimmt, individuell. Ein Tier wird zum Paten unserer nach Individualität suchenden Gesellschaft im schwammigen Wir-Kosmos.

Menschen tauchen natürlich auch auf. Menschen am Meer, die immer wieder über die Zeiten mit Fischfang und Kalmar in Berührung kommen. Menschen, die vom Meer fasziniert und angezogen werden. Auch die historischen, literarischen und cineastischen Werke mit Meeresbezug tauchen auf. Das Menschsein in Bezug auf die Kreativität und die Handlungen. Wir begleiten mit dem Text die Crew eines Trawlers und am Ende lesen wir ein Tagebuch einer Praktikantin auf einem Forschungsschiff. Somit verbindet sich erneut eine Vielstimmigkeit zu einem Ganzen. Ein Roman, der zum Eintauchen auffordert.

Ein faszinierendes und kluges Wechselspiel der gewohnten Sichtweisen. Großartige Unterhaltung, die mit allen Wassern der Meere gewaschen ist. Dieser Roman ist ein nachdenklicher und humorvoller Tauchgang – in die Meere und letztendlich in das ganze Leben.

Vielen Dank, dass ich dieses Buch schon länger begleiten darf und das Manuskript vor Drucklegung lesen durfte. Ich freue mich, dass Luca Kieser mit seinem doch ungewöhnlichen Werk für den Buchpreis nominiert ist.

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Silvia Pistotnig: „Die Wirtinnen“

Die Wirtinnen bereiten einen literarischen Zahltag vor. Denn im Mittelpunkt steht ein Gasthaus und hier wird gefeiert, gelebt und der Kummer ertränkt. Es sind drei Frauen, die drei Wirtinnen, Johanna, Marianne und Gertrud. Das sind Großmutter, Tochter und Enkelin. Johannas Weltblick geht weit und tief. In kurzen Szenen und einer schönen, aber ungeschönten Sprache werden die Lebensträume und die Schicksale aufgebaut.

Johanna wird in armen und bäuerlichen Verhältnissen geboren. Es sind die 30er Jahre und es besteht kaum Hoffnung, dass das schwache Kind überlebt. Doch das Kind lebt trotz der Vernachlässigung. Die Klangwelt offenbart sich ihr schnell. Die Laute der Tiere und die Musik, besonders die Orgel während des Gottesdienstes, lassen sie stets aufhorchen. Ihre musikalische Begabung erkennt der Organist, der sie fördert, aber auch fallen lässt, als sie begabter wird.

In der Mitte ist es Marianne, die gegenwärtig die Stube bewirtschaftet und im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht die Töne, sondern die Zahlen liebt. Alles ist bei ihr minütlich geplant, der Tag der Buchhaltung ist für sie einer der schönsten. Sie steht Tag für Tag in der Gastwirtschaft und hat Beziehungsprobleme.

Die junge Tochter, Gertrud, gerne Trudi genannt, wird oft für einen Jungen gehalten. Sie ist ihrem Alter entsprechend rebellisch und unzufrieden. Sie liebt das Fußballspiel, doch erhält sie als Mädchen keine Unterstützung. Somit keimt in allen drei Frauen eine kraftvolle Wut, die Befreiung sucht. Psychologisch und tiefgründig werden die Charaktere entworfen. Der Zeitrahmen umfasst die 1930er Jahre bis zur Gegenwart. Die Umgebung und das politische Umfeld verändern sich und somit auch die jeweilige Innenschau. Das Schweigen und Persönliche wird verdrängt, gebrochen und erhört. Das Patriachat, der Machtmissbrauch und emotionale Zerwürfnisse werden vor historischer Kulisse beleuchtet. Dabei bleibt stets die Hoffnung, dass nicht alle Lebensträume platzen mögen. 

Durch die kurzweiligen Szenen verfällt man sofort den drei Wirtinnen. Eine authentische Handlung, die mit großartigem Personal bestückt ist und dadurch viel Empathie erweckt. Mit viel Humor und Hingabe geschrieben.

Die Wiener Autorin hat hiermit ihren vierten Roman geschrieben und sich die Zeit genommen, uns in Kiel zu besuchen. Wir freuen uns unglaublich über diesen netten Besuch.

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Selina Seemann: „Die Stärkste unter ihnen“

Ein verstörender, aber großer Roman, der dem harten Thema eine stark werdende Persönlichkeit entgegensetzt. Ein Liebesroman, der keiner ist. Denn es ist auch keine Liebe. Die Handlung umkreist eine falsche und toxische Beziehung. Es geht um Grooming, also um die Kontakte Erwachsener zu Minderjährigen mit Missbrauchsabsicht. Hierbei wächst eine Figur aus den Zeilen, die sich durch diese vergiftete Beziehung nicht brechen lässt. Am Anfang und am Ende bleibt die Frage, ob es besser sei, geliebt zu werden oder zu lieben und ob man bereit ist, sich der ganzen Wahrheit zu stellen.

Selina Seemann ist im Norden fest verwurzelt und in der Welt der Literatur bekannt. Seit 2016 steht sie als Slam Poetin, Autorin und Moderatorin auf der Bühne und lebt in Kiel. Sie wurde Vizemeisterin im Poetry Slam in Schleswig-Holstein, ist mehrfache Siegerin des NDR Poetry Slam auf Plattdeutsch und Stammautorin für erfolgreiche Lesebühnen. „Die Stärkste unter ihnen“ ist ihr Romandebüt, an dem sie fünf Jahre feilte.

Milena ist Anfang zwanzig und fliegt nach Dublin zu einem Freund. Sie möchte einen Neuanfang und zieht bei Josh ein. Sie sucht Liebe und ist auch ganz verbissen, sich in Josh zu verlieben. Doch durch ihre Körperlichkeit verschreckt sie vorerst die aufkeimende Freundschaft. Immer wieder tauchen Erinnerungen auf und somit wandert die Handlung zwischen einem sogenannten Heute zurück in die Jahre um 2010, 2014 bis in eine angedeutete Zukunft, heute in einer Woche. Milena ist nach Irland geflogen, um Abstand zu ihrer vorherigen Beziehung zu bekommen. Sie war in einer langjährigen Beziehung mit Nick. Sie war minderjährig und in Nick verliebt. Sie erkennt erst später den Missbrauch. Nick ist kein gefestigter Mensch, er hat mehrere Ausbildungen gemacht und ist in der Ehe und Liebe nie treu. Besonders zu jungen Frauen, insbesondere minderjährigen Mädchen, fühlt er sich hingezogen. Er ist bei der Kirche angestellt und agiert somit in Jugendkreisen, die er betreut. Durch sein lockeres Auftreten freundet er sich schnell mit den Minderjährigen an und gewinnt deren Vertrauen. Doch ist alles bei ihm berechnet und gespielt. Milena mag ihn und verliebt sich in ihn, auch wenn er verheiratet ist. Er nutzt die Beziehung krankhaft aus. Um ihn für sich zu haben, ist Milena bereit viele Grenzen zu überschreiten. Sie hat einen guten Freundeskreis, aber ein gestörtes Selbstbild und ein verlorenes Körpergefühl. Dies lernt sie langsam wieder aufzubauen und wird im Umkreis von Nick eine der Stärksten unter ihnen und wagt den Ausbruch.

Ein Roman, der modern und flüssig geschrieben ist und eine bewundernswerte Protagonistin ins Leben holt. Ein sehr ehrlicher und offener Text, der nichts im Verborgenen lässt und die Themen direkt anspricht. Das Buch verschont nicht und die Bilder, die Nacktheit der Seelen und Körper, verursachen selbst beim distanzierten Lesen Schmerzen. Gerade dadurch wird das Thema so großartig bewältigt und zu einer Kunst, die lange beschäftigen wird.

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Wolfgang Wissler: „Straffers Nacht“

Ein Roman, der unser Gerechtigkeitsempfinden auf die Probe stellt. Ein düsteres und brutales Werk, das die Frage stellt, wo sie geblieben sind, die damaligen Täter, die sich in der Gesellschaft versteckten und angaben, nur Befehle ausgeführt zu haben. Kann aus Gnadenlosigkeit Skrupel erwachen? Der Roman spielt Anfang der sechziger Jahre und das Wirtschaftswunder zeigt seine diabolische Wahrheit. Denn wer zum Beispiel im Café ein Getränk bestellte oder im Wartezimmer eines Arztes saß, konnte nicht ausschließen, dass der Kellner oder jener Arzt ein Massenmörder war.

Der Roman schleudert uns in die Welt eines Nachtwächters, der in der Dunkelheit seine Kreise zieht und seinen Gedanken nachgeht. Er ist einer der Menschen, die von der Justiz ungesehen und ungestraft durchs Leben wandern. Er, der damalige SS-Gruppenführer, der sich mehrfach schuldig gemacht hat und nun am Tage bangt, erkannt zu werden.  

Erich Straffer ist Nachtwächter. Er zieht seine Bahnen durch die Kathedralen gleichen Hallen. Die Produktionen sind wichtig und die Öfen dürfen nicht ausgehen. Deutschland erlebt das Wirtschaftswunder. Nicht so Straffer, denn er beobachtet dies alles mit Skepsis, ist aber irgendwie erneut oder weiterhin stolz auf seine Landsleute, die fleißig sind und immer wieder aufstehen. Doch er selbst lebt mit seiner Familie in kargen Verhältnissen. Er erwartet einen persönlichen Lebenswandel, denn er denkt, bald wird er erkannt, bald erfolgt seine Bestrafung. Er war unter Hitler ein skrupelloser SS-General. Sein damaliges Netzwerk funktioniert noch heute. Man deckt und schützt sich weiterhin und bleibt verborgen. Reue ist für fast alle ein Fremdgefühl, denn sie waren doch nur Befehlsempfänger.

Nach vielen einsamen Nächten wird ein junger Mann sein Kollege. Ein Jude aus Tel Aviv, der in Deutschland den Mörder seines Onkels sucht. Ein damaliger Lagerkommandant soll sterben. Straffer ahnt, die Stunde der Bestrafungen naht. Das bisher keiner gehandelt hat, sie, die Täter, ungestraft Karriere machen konnten und unerkannt ein gutes Leben führen können, irritiert und verunsichert ihn gleichermaßen.

Ein beklemmendes, aber genauso wichtiges Buch, das uns die Sprachlosigkeit gegenüber der Vergangenheit förmlich ins Gesicht schreit.

Vielen Dank, dass ich das Manuskript vorab lesen durfte und auf der Rückseite des Buches zitiert werde.

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Stefan Moster: „Bin das noch ich“

Was passiert, wenn man seine Rolle im Leben verliert, seiner Begabung oder Berufung nicht mehr nachgehen kann? Wenn das, was einen im Leben auszumachen scheint, nicht mehr greifbar ist, verliert sich dadurch die Persönlichkeit?

Stefan Moster ist Übersetzer und Schriftsteller. Die finnischen Werke, die er übersetzt und seine eigenen Romane haben stets den Rang von Weltliteratur. Sein neuer Roman erzählt still und sehr einfühlsam die Selbstfindung eines Künstlers. Dabei spielen die Musik und der natürliche Klangraum eine große Rolle. Moster versteht es, die Natur und ihre Klänge, besonders den Vogelgesang, der klassischen Musik gegenüberzustellen, zu verbinden und wörtlich einzufangen. Der Roman begeistert durch die Vielfältigkeit, die sich ganz still entfaltet. Das Wissen, das Moster hat und einzubinden versteht, setzt für sein lesendes Publikum keine Vorkenntnisse voraus. Ein großer Roman, der Moster spätestens jetzt mit an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur setzt.

Simon ist leidenschaftlicher Berufsmusiker. Ein Violinist, der nicht die ganz großen Erfolge feiert. Aber er ist dennoch so gut, dass er für Konzertreisen als Solo- oder als Orchestermusiker weltweit gebucht wird. Er kennt seine kunstvollen Grenzen. Diese zeigte ihm eine heutige Stargeigerin, der er in Folge des Romans schreiben wird. Die Pandemie hat seine Welt ins Stocken und in Gefahr gebracht. Doch jetzt scheint endlich wieder vieles möglich zu sein und mit Kollegen ist er für einige Kammerkonzerte gebucht. Auf einer Sommertournee in Finnland kommt es zu einem Vorfall, der ihn aus der Bahn wirft. Lange hat er es verdrängt und den Schmerz überspielt. Auf dieser Konzertreise möchte er seiner Agentin und dem Publikum etwas beweisen und durch die Musik zu einem besonderen Erlebnis einladen. Er wählt ein Werk von Bach, um danach etwas von Bartók zu spielen, das das Thema des vorherigen Stückes aufgreift. In der anspruchsvollen Musik wählt der Komponist wohl auch seine zukünftigen Interpreten durch die Komplexität mit aus. Doch was passiert, wenn das Können verloren geht? So verbindet sich das Werk, das Leben von Bartók mit der Situation von Simon. Er kann nicht mehr greifen, seine Hand versagt beim Geigenspiel. Er bricht das Konzert ab und muss nun befürchten, dass seine musikalische Laufbahn beendet ist. Eine Freundin und Mitmusikerin lädt ihn ein, ihre Insel zu besuchen. Sie überlässt ihm für eine Woche ihre kleine Hütte auf einer Schäreninsel, damit er zur Ruhe und zu sich finden kann. Die ersten Tage verbringt er ruhelos, denn er ist ganz in seiner Misere gefangen und von der Außenwelt abgeschnitten, denn sein Ladekabel für sein Handy ist weg. Doch jeden Tag verbringt er mehr in und mit der Natur. Die Vogelwelt zeigt ihm ihre orchestrale Macht und er lernt hinzuhören und sich neu kennen. Aus der einen Woche werden mehr und er beginnt zu reflektieren und sich neu zusammenzusetzen.

Die existentielle Selbstreflexion ist eine literarische Reise, die gerade die Musik erklingen lässt, die in der Stille erwacht. Der Raum zwischen den angespielten Tönen steigert sich und der Resonanzkörper wächst. Ein großer Roman über die Auseinandersetzung mit der Identität, dem Können und der Berufung.

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Julie Otsuka: „Solange wir schwimmen“

Ein wiederkehrendes Thema der Autorin ist das individuelle Auflösen in der Masse und ein Einkehren im Wir. Die Autorin Julie Otsuka schreibt ungewöhnliche Wunderwerke. Ihre Perspektive auf ihre Geschichten sind dem Individuellem enthoben, um letztendlich genau die persönliche Einzigartigkeit, die uns allen innewohnt, zu fokussieren. Die Sprache ist auf das Wesentliche reduziert und erzeugt dadurch Raum, der wie ein kleiner Riss plötzlich auftaucht und kontinuierlich im Kopf und Herzen wächst.

Ihr Roman „Wovon wir träumten“ war damals ein Überraschungserfolg. Wie ein Chorgesang wurde darin die Geschichte der Japanerinnen erzählt, die voller Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika auswanderten. Es sind Frauen, die mit japanischen Einwanderern vermählt werden. Bis zu ihrer Ankunft kennen sie die Männer lediglich als Abbild und dies zerplatzt bei der Einreise.

Erneut ist es die Geschichte von Japanern in Amerika. Erneut ist es ein rhythmischer Chorgesang, der im Wir geschrieben ist und zuweilen in der direkten Anrede das Du anbietet. Dennoch ist der neue Roman von Otsuka ein anderer. Er wandelt von einer Schwimmhalle im Keller zu einer Pflegeeinrichtung namens Belavista und vom Wasser zur Wüste. Solange sie schwimmen ist für die Viele, die erzählt, die Welt noch eine erträgliche. Es sind Menschen, die aus therapeutischen, sportlichen, gesundheitlichen oder aus leidenschaftlichen Gründen ihre Bahnen ziehen. Die Kerngruppe hat ihre Mehrstimmigkeit und beharrt auf Abstand und der stets eigenen Bahn. Wie im Leben oberhalb des Bades gibt es hier unten Regeln. Regeln und Rituale, die besonders Alice Struktur geben. Alice ist es, die in der Mehrstimmigkeit auftaucht und heraustritt. Ihr Leben, ihre Erinnerungen drohen zu verschwinden. Der Wendepunkt kommt mit einer Fraktur. Ein unbedeutender Riss im Becken. Vermutungen, Sorgen und Überinterpretationen bestimmen den Chorgesang. Als die geliebten Bahnen nicht mehr gezogen werden können, verändern sich das Thema und der Klang des Buches.

Alice ist demenzerkrankt. Vorerst ist es mehr eine zeitliche Demenz. Dennoch kommt ihr die Welt abhanden und ihre Tochter versucht, die Erinnerungen zu bewahren. Die Tochter ist Schriftstellerin und hatte eine feste Vorstellung vom Leben. Die Geschichte soll nicht versiegen und die letzten Zeugen sollen gehört werden. Die Geschichte der Japanerinnen in den USA. Die Ansprache ist stets in der Du-Form deutlicher und unmissverständlich. Im Wir sind die Einzelschicksale verwässert und stechen dennoch deutlich hervor. Im Du geht es um Verlust und das Abhandenkommen. Im Wir schwimmt einiges noch eher im Einklang.

Ein Roman über die Verantwortung innerhalb von Familienkreisen, von Mutterliebe und Demenz. Ein bewegender Text, der trotz der knappen Sätze und Szenen erobert werden will. Denn der Inhalt zeigt sich vorerst wie jener kleine Riss im Schwimmbad. Ein klangvoller und ergreifender Roman, der aber auch viel Humor besitzt. Das Buch wurde von Katja Scholtz aus dem Amerikanischen übersetzt.

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