J.M. Coetzee: „Die Kindheit Jesu“

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Heute ist mir der „Weltenretter“ als Protagonist im neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee erschienen. Das Buch hat sich prompt auf den Thron für den Titel des Monats, wenn nicht sogar mehr, erhoben.

David ist als kleiner Junge über den Ozean in ein neues Land gekommen. Getrennt von seinen Eltern, verlor er bei der Überfahrt den Brief, der alles hätte erklären können. Auf dem Schiff nimmt sich Simón, ein älterer Mann, seiner an. Bei der Ankunft werden beiden neue Namen und Geburtsdaten verliehen.

Fremd in einem fremden Land versucht Simón, dem Kind eine neue Mutter zu finden. Und wirklich, bei einem Spaziergang auf dem Land erhaschen sie den Anblick einer Frau, in der Simón die Mutter zu erkennen glaubt und die er überzeugen kann, diese Rolle zu übernehmen. Auch David möchte (s)eine Mutter finden, aber noch dringlicher will er herausfinden, woher er kommt und wer er ist.

J. M. Coetzees großer Roman „Die Kindheit Jesu“ ist voller Intensität, Überraschungen, Schönheit, Emigration, Einsamkeit und das Rätsel einer Ankunft. In einem fremden Land finden sich ein Mann und ein Junge wieder, wo sie ohne Erinnerung ihr Leben neu erfinden müssen. Sie müssen nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch dem Jungen eine Mutter suchen. – In einem dunklen Glas spiegelt J. M. Coetzee unsere Welt, so dass sich alles Nebensächliche unseres Umgangs verliert und die elementarsten Gesten sichtbar werden.

Es ist ein Spiel mit dem Leser, denn das Wort, d.h. der Name „Jesus“ findet im Text keine Erwähnung. Aber im Inhalt werden die christlichen Lehren und Bilder angedeutet und durchgespielt. Der Roman berührt philosophische Grundgedanken, sticht ab und zu unterhaltsam in die Kulturgeschichte und erfüllt die Bücher des Evangelium. Coetzee nimmt biblische Leerstellen als Anlass, um spielerisch durchzuexerzieren, was es heißt, Fakten mit Fiktionen zu ersetzen. So werden die beiden Ankömmlinge in einem fremden Land die erste Nacht in einem selbstgebauten Stall übernachten. David und sein Begleiter Simón landen im „Nirgendwo“ namens „Novilla“, halb „Neustadt“, halb „Kein Haus“, da sind die Namen David, Simón, Ana und „Der König“. Ebenso die Vaterfigur, die kein leiblicher Vater ist, und nach der Mutter des Jungen sucht. Und dann einfach irgendeine Frau zur Mutter erklärt, als sei ihm der Heilige Geist erschienen. Mit tiefgängigem und feinem Humor wird dem Leser die Geschichte voller Rätsel der Dinge und den Wundern erzählt, an die man noch länger denken kann und wird.

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