Jamil Ahmad: „Der Weg des Falken“

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Die Reisenden der Verlage sind nun unterwegs und besuchen die Buchhandlungen mit den vielen Neuheiten des kommenden Leseherbstes. Im Deutschen Taschenbuch Verlag erscheint ein Werk, daß ich ganz vergessen hatte und nun zum Glück aus meinem ungelesenen Bücherberg gefischt und mit Begeisterung gelesen habe. Das Buch ist bei Hoffmann und Campe verlegt und erscheint im November als Taschenbuch.

Ich habe das Buch angefangen und konnte mich dem Text nicht mehr entziehen. Ein sprachliches Kunstwerk. Ein moderner, poetischer Abenteuer-Roman, der uns eine Welt offenbart, die uns sehr fern ist. Das Buch lebt von der unglaublich schönen Sprache, die knapp bemessen, das Wesentliche der Geschichte berichtet.

Der Autor, ein greiser Pakistaner, der ehemals in Belutschistan als Regierungsbeauftragter für die Stämme dieser Region und später als Botschafter in Kabul tätig war, schrieb bereits vor vierzig Jahren diesen Roman. Durch diesen aussagekräftigen Text ist Jamil Ahmad eine Art Star-Autor geworden. Er lebt ganz einfach, kann keinen Computer bedienen, tritt nicht im Fernsehen auf und meint, er habe nur ein paar Geschichten zu Papier gebracht, per Hand, ganz einfach… Wir verdanken seiner deutschen Frau, daß wir diesen `Leseschatz´ nun lesen dürfen.

Im Roman folgen wir als gebannter Leser den Spuren des jungen Tor Baz – dem schwarzen Falken – durch eine archaische Welt. Die Geschichte erzählt aus der Grenzregion zwischen Pakistan, Afghanistan und Iran. Dies ist der Zusammenhalt des ganzen Buches. Die karge, lebensabweisende Landschaft der Nomaden. Ein bisher in der Literatur seltenes Gebiet, denn die Überlieferungen der Nomaden sind flüchtig und an eine erzählende, mündlich überliefernde Kultur gebunden. Jamil Ahmad hat sich sehr literarisch und poetisch tief in die Stammeskulturen und Geschichte dieser Regionen versenkt.

Das Schicksal von Tor Baz steht unter einem schlechten Stern. Seine Eltern haben durch ihre Liebe die Stammesregeln verletzt und werden jahrelang gehetzt. Das junge Paar flieht vor den Verfolgern in die Berge und sie erhalten Obdach in einem Militärstutzpunkt. Keine Zuflucht – lediglich Obdach. Dies ist in diesen Regionen ein großer Unterschied. In diesem Stützpunkt kommt Tor Baz zur Welt. Das Schicksal schlägt aber zu und die Verfolger finden das Paar und nur der Junge überlebt das Gemetzel und man lässt ihn alleine in der Wüste. Sein Leben wird nun zu einer einzigen Odyssee über die Grenzen dreier Länder hinweg. Mal steht er unter der Obhut eines Soldaten, dann ist er Begleiter eines Lehrlings eines wandernden Mullahs, schließlich Ersatzsohn eines Paares, dessen Kind auf zweifelhafte Weise zu Tode kam. Tor Baz erlebt Stammeszwiste, Mädchenhandel, er begegnet Rebellen aber auch normalen Männern und Frauen, die alles geben würden, um ihre traditionelle Lebensweise zu bewahren. Aber alles ist im Wandel, im zeitlichen Wandel in den Regionen.

Ein wunderbares, faszinierendes Buch. Es erschließt dem Leser eine bisher verborgene, unbekannte in Teilen unverständliche Welt. Mit sparsamen Worten schafft es Jamil Ahmad ein klares Bild zu zeichnen. Nicht Gekünsteltes schafft dieses kleine Kunstwerk. Es ist die unkünstliche Weise dieser Erzählung, die uns in die Kargheit der Landschaft und ihren Protagonisten entführt.

Zum Buch

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