Lutz Seiler: „Kruso“

„Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel mir dieser außerordentlich“ Daniel Dafoe  „Robinson Crusoe“

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren und lebt heute in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloß er ein Studium der Germanistik ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Er unternahm Reisen nach Zentralasien, Osteuropa und war Writer in Residence in der Villa Aurora in Los Angeles sowie Stipendiat der Villa Massimo in Rom.

Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis und den Fontane-Preis.

Nun legt Lutz Seiler seinen lang erwarteten ersten Roman vor. Es geht um einen jungen Mann namens Bendler, der auf die Insel Hiddensee flüchtet, ein Ort „jenseits der Nachrichten“, wo sich alle Arten von Aussteigern und Systemverweigerern als Tellerwäscher und Saisonarbeiter durchschlagen können.

„Ich möchte einen Platz auf der Welt, der mich aus allem heraushält… Er brauchte keine Verteidigung, keinen Graben. Alles, was auf ihn zukam in dieser Fremde, war nicht mehr als genau das. „Genau“ war die kürzeste und beste Beschreibung der Insel. Die Insel „Genau“ lag mitten in seinem Schweigen, uneinnehmbar.“

Er schließt Freundschaft mit Kruso, dem Inselpaten, dessen Utopie von Freiheit zu funktionieren scheint. „Niemand kann dir das Sehen verbieten, niemand kann dir die Sehnsucht verbieten, schon gar nicht bei Sonnenuntergang.“

Bendler bleibt ein gestrandeter, ein Schiffsbrüchiger auf der „Arche“, ein sogenannter Esskaa (SK), eine Saisonkraft. Er findet in seiner alltäglichen, stupiden und körperlichen Arbeit seine Erfüllung. „Er konnte die Insel, weiß Gott auch wieder verlassen. Oder?“

„Es gibt sie, die Freiheit. Sie ist nämlich hier, auf der Insel. Denn es gibt diese Insel, oder?“ – „ Wer hier war hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“

Die Insel wird sein Versteck, sein `Hidden´see. Die Insel ist der Ort wo die Flüchtlinge zusammenkommen. Wo man zurückkehrt zu sich selbst. Zur Natürlichkeit. Niemand müsste fliehen, niemand würde ertrinken. Die Insel ist die Erfahrung, die es ihnen erlaubt zurückzukehren, als Erleuchtete. Mit einem Maß an Freiheit, zumindest im Herzen.

In dem Roman, der die Zeit zwischen 1989 bis in die Gegenwart umfasst, spürt Lutz Seiler den Spuren verschollener Ostseeflüchtlinge nach. 5600 Flüchtlinge. 913 davon erfolgreich, 4522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopfer seit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark. Aus diesen „Fluchten wurden Fluchtgeschichten und aus Flüchtlingen Helden, Menschen, die alles riskiert und überlebt hatten.“

Diesen Menschen ist der vorliegende, sprachgewaltige Roman gewidmet. Ein Buch, das Raum für eigene Interpretation und viel zum Nachdenken gibt. Es sind Anspielungen auf Werke von Trakl, Rimbaud und natürlich auf Daniel Dafoe zu finden, die einen inhaltlichen Bogen zum Erzählten schaffen.

Ein literarisches Werk. Klug und unglaublich toll geschrieben. Man verweilt und liest einige Sätze mehrfach. Langsam versinkt man im Text und strandet in einer neuen, alten Welt….

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kruso

9 Kommentare

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9 Antworten zu “Lutz Seiler: „Kruso“

  1. Oh, ist die Sperrfrist schon um? 🙂 Ich lese gerade Kastelau, werde Kruso dann aber als nächstes in Angriff nehmen und freue mich schon auf die Lektüre …

    • Wir haben das Buch heute vom Verlag (ohne Nennung eines Erstverkaufstags) erhalten und frisch ausgepackt… Ein Buch mit dem man sich länger beschäftigt. Ich wünsche Dir viel Spaß. Herzliche Grüße aus Kiel, Hauke

  2. Die Besprechung, lieber Hauke, sowie auch der Trailer machen mich sehr neugierig auf den Roman. Eine tolle Geschichte, eine wunderbare Sprache. Beste Zutaten also, um auch noch auf weiteren Buchpreislisten von „Kruso“ zu lesen…
    Viele Grüße, Claudia

  3. Bin ganz begeistert von deiner Rezension, finde in deinem Text meine eigenen Gesefühle beim Lesen von „Kruso“ bestätigt.

  4. Pingback: Lutz Seiler. Kruso | masuko13

  5. Pingback: Sonntagsleserin – September 2014 | buchpost

  6. So wunderschön beschrieben, dass ich Kruso und Bendler unbedingt kennenlernnen möchte.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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