Klaus Modick: „Konzert ohne Dichter“

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Fritz Mackensen war 1884 bei seinem ersten Besuch von Worpswede begeistert. Die Landschaft, die Natur und die Weite des nordischen Himmels faszinierte seitdem junge und aufstrebende Künstler, die den überregionalen Ruf des Künstlerortes festigen. Die Gründer sind Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. 1895 ist eine gemeinsame Ausstellung im Münchener Glaspalast der Worpsweder Künstler und ihr Bekanntheitsgrad steigt und zieht weitere Künstler an. Sie werden zu einem festen Begriff der Kunstszene. Unter ihnen befindet sich auch Rainer Maria Rilke, der dort die Bildhauerin Clara Westhoff kennen lernt, die er auch später heiratet. Ebenso lernen sich dort Heinrich und Martha Vogeler kennen, sowie Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker. Es entsteht ein künstlerisches Zusammenleben, eine Künstlerfamilie, die aber auch durch die unterschiedlichen künstlerischen und wohl auch politischen Haltungen kränkelt.

Der neue Roman von Klaus Modick „Konzert ohne Dichter“ macht uns diese Zeit und ihre Protagonisten erlebbar. Modicks umfangreiches literarisches Schaffen hat mich stets begeistert. Er schafft es mit einer leichten und doch sehr literarischen Art zu unterhalten und zu bilden. Seine bekanntesten Werke sind: „Der kretische Gast“, „Klack“, „Bestseller“ und „Sunset“. Auch „Sunset“ war wie „Konzert ohne Dichter“ ein Künstler-Roman. In „Sunset“ ist es Feuchtwanger, der im kalifornischen Exil 1956 an einem Augustmorgen die Nachricht vom Tode Bertold Brechts bekommt, die ihn tief erschüttert und innerhalb eines Tages, bis zum Sonnenuntergang, an die gemeinsame Zeit erinnern lässt.

Im Roman „Konzert ohne Dichter“ ist es Heinrich Vogeler, dem im Jahr 1905 die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen wird. Besonders für das nach fünfjähriger Arbeit fertiggestellte Werk „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“. Der Roman spielt an drei Tagen: 7. Juni, 8.Juni und am 9. Juni 1905. An diesen Tagen wird das Erlebte, aber auch Vogelers Blick auf die Entstehung der Gemeinschaft erzählt. Vogeler war Maler, Grafiker, Architekt und Designer. Er war das jüngste und letzte Mitglied der Worpsweder Malervereinigung. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Repräsentanten des Jugendstils.

Der Ruf der Künstlerszene und besonders der Erfolg von Vogeler lockt weitere Künstler an. Unter ihnen der Dichter Rainer Maria Rilke. Der nicht gerade sehr sympathische Mann, der hier als junger Lyriker erscheint, der bisher nur schlechte Gedichte verfasst hat, ist auf der Suche nach Sponsoren. Sein wahres, großes Schaffen, sein lyrisches Werk kam erst später. Hier ist Rilke ein Schnorrer und Frauenheld. Rilke nutzt seine Chance und sucht die Unterstützung Vogelers und profitiert von dessen Einfluss.
Rilke heiratet die Malerin und Bildhauerin Clara Westhoff. Sie führen eine unglückliche Ehe. Auch Vogeler, der an dem berühmten Gemälde „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“ arbeitet, ist unglücklich. Seine Ehe kriselt, sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerät ins Wanken und seine Freundschaft zu Rilke zerbricht. Das Werk, das den Freundeskreis auf der Terrasse bei einem Konzert darstellt, ist das Kernstück dieses klugen Romanes. Alle Protagonisten stehen verträumt und nach innen gekehrt im ländlichen Idyll. Sie hängen in Gemeinschaft eigenen Gedanken nach und verweilen in Traurigkeit. Im Bild befindet sich ein leerer Stuhl. Ein Platz zwischen den Frauen bleibt leer. Es ist der Platz, den Rilke besetzen sollte…

Ein wunderbares Buch, das uns in die Zeiten des Jugendstils versetzt und in die Worpsweder Künstlerkolonie einlädt. Ein Roman über Freundschaft, die durch kleine Bemerkungen oder Gesten fragil werden kann. Ein historischer Roman, der aber auch den Bogen ins Jetzt schlagen kann, denn es sind die Verkleidungen, das Künstliche, das Dekadente und das Natürliche, das uns zu prägen vermag.

Ein gut lesbarer Kunstroman, der auch in der Gestaltung überzeugt. Der Einband erinnert an die Buchgestaltungen des Jugendstils und liegt wunderbar in der Hand. Neben der Abbildung des Gemäldes im Buch sind auch die Initialien an den Kapitelanfängen künstlerisch gestaltet, diese stammen aus einer von Heinrich Vogeler gestalteten Schmuckschrift.

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