Martin Suter: „Montecristo“

diogenes suter montecristo

„…so lange schweben wir weiter in der großen Seifenblase. Und wir werden uns alle darin so behutsam wie möglich bewegen, denn niemand will, dass sie platzt.“

Da ist er also, der neue Roman von Martin Suter. Für mich immer ein kleines Fest. Ich habe mich sehr gefreut, als ich die Sendung vom Verlag mit den ganzen Leseexemplaren ausgepackt hatte und mich „Montecristo“ anschaute. Dies habe ich mir ziemlich lange aufgehoben, denn wie bereits gesagt, ein Suter-Roman ist für mich irgendwie immer etwas Besonderes.

Die Handlung beginnt in einem Zug. Der Protagonist, Jonas Brand, ein Videojournalist, der selbständig tätig ist, sitzt im Speisewagen des Intercitys nach Basel, als dieser im Tunnel durch eine Notbremsung zum Stehen kommt. Es handelt sich um einen „Personenschaden“. Dieser sachliche Begriff umschreibt einen Todesfall, d.h. jemand ist unter den Zug geraten. Die Notverriegelung einer Tür wurde geöffnet und es ist jemand aus dem Zug gesprungen oder gestoßen worden. Jonas Brand hält alles mit seiner Kamera fest und wittert eine kleine Skandalstory, denn der Verstorbene, Paolo, ein Bankangestellter, wird von seinen mitreisenden Kollegen mehr oder weniger vermisst…

Der Grund, warum aber Jonas Brand nach Basel reist, ist eine Party, bei der die Prominenz der Stadt Gelder für wohltätige Zwecke sammelt. Er soll über diese Festlichkeiten eine Reportage für seinen Hauptkunden „Highlife“, einem Lifestylemagazin, drehen. Daher wandert sein Film über das Unglück im Zug bisher lediglich in seine privaten Archive.

Seinen Beruf sieht Jonas Brand bisher auch nur als Übergangslösung an. Eigentlich möchte er einen Film drehen, dessen Plot ein moderner Graf von Montecristo ist und auch den Arbeitstitel „Montecristo“ trägt. Seiner neuen Freundin, Marina Ruiz, die er auf einer Filmpremiere kennen lernt, erzählt er die Handlung seiner Filmidee. Ein Gründer eines Dotcomunternehmens, das mehr als erfolgreich läuft, wird in Thailand festgenommen, da man ihm Heroin ins Gepäck geschmuggelt hat. Dieser Fall erregt großes Aufsehen, als aber seine Geschäftspartner ihn überraschend belasten, verliert sich das öffentliche Interesse. Seine Partner, die ihm auch das Heroin unterschmuggeln ließen, erhalten die Kontrolle über sein Vermögen. Er kann aber fliehen und nach operativen Veränderungen nimmt er Rache…
Als Brand sich in Marina Ruiz verliebt, rücken seine Träume erneut in den Vordergrund, denn sie sieht in diesem Film ebenfalls Blockbusterpotential.

Drei Monate später spielt ihm der Zufall wieder etwas Merkwürdiges in die Hände: zwei Hundertfrankenscheine mit identischer Seriennummer – beide, wie ihm von seiner Hausbank mitgeteilt wird, echt. Sein journalistisches Interesse ist geweckt, denn wie kann trotz der vielen Sicherheiten und Vorsichtsmaßnahmen seitens der Bundesbanken und deren Druckereien, so ein Fehler passieren?
Als auch noch in Brands Wohnung eingebrochen und diese durchwühlt wird und er kurz danach überfallen und brutal zusammengeschlagen wird, drängt sich der Verdacht auf, dass jemand Interesse an seinen Funden und Recherchen hat.
Denn wie sich später herausstellt, scheint auch der „Personenschaden“ mit diesem Fall in Verbindung zu stehen, denn der tote Banker, Paolo, hat Unmengen von Geldern verspekuliert und jemand will nun alle Ungereimtheiten aus der Welt schaffen. Auch sein Filmplot scheint eine Metapher des Kommenden zu sein, denn Jonas Brand gerät immer mehr in einen Strudel aus wirtschaftlichen und politischen Interessen.

Ein sehr spannender Roman aus der Welt der Banker, Börsenhändler, Filmproduzenten, Journalisten und Politiker. Ein gelungener Lesespaß und ein Thriller über ein abgründiges Szenario. Ein Suter über die Moral in der Finanzwelt, aber auch in der Liebe…

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Martin Suter: „Montecristo“

  1. Lange keinen Suter mehr gelesen. Klingt zumindest unterhaltsam. Meinen Favoriten blieben aber immer die ersten: Small World und Die dunkle Seite des Mondes“.

  2. Da muss ich wohl mal wieder einen Suter lesen! Bei dem spanndenden Thema: Banker, Spekulationen, Börsenhandel – so richtig mittendrin im Leben.
    Viele Grüße, Claudia

  3. Suter hat ein echt spannendes Thema gewählt und mit Jonas Brand einen super sympathischen Helden. Ich habe lange keinen so guten Suter gelesen wie „Montechristo“ und denke, er erreicht hier seine frühen Qualitäten – wie in „Dunkle Seite des Mondes“ beispielsweise. Schöne Besprechung!

  4. Ich kenne den Autor noch gar nicht….aber dieses Buch klingt megainteressant….wird gleich notiert 🙂

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