Ralf Rothmann: „Im Frühling sterben“

Suhrkamp Sterben im Frühling

Der neue Roman von Ralf Rothmann lässt uns teilhaben am Wahn der letzten Kriegsmonate. Ralf Rothmann bekam bereits viele Literaturpreise überreicht und seine Themen sind meist einfache Lebenssituationen, kleine Rebellionen und Einsamkeit. Zum Beispiel wendet sich sein Werk „Milch und Kohle“ dem Ruhrgebiet der 60er Jahre zu. Der Roman schildert ein Leben aus der Sicht eines Arbeitersohnes, dessen Vater vorerst Melker in Schleswig, dann aber als Kumpel unter Tage tätig ist.

In „Im Frühling sterben“ geht Rothmann weiter in die Vergangenheit. Es ist wieder die Vatergeneration, die hier als Erzähler dem Sohn ihre Geschichte erzählt. Es ist das Schweigen, das Verschweigen der Elterngeneration, die im Krieg war. Die Erinnerung kommt durch Kleinigkeiten zu Tage und füllt das familiäre Vakuum mit erlebter Geschichte.

„Im Frühling sterben“ ist ein Antikriegsroman, der die Geschichte von Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli erzählt. Beide sind siebzehn Jahre alt, leben in Schleswig und befinden sich in der Ausbildung zu Melkern. Es ist das Jahr 1945 als Jugendliche zwangsrekrutiert wurden. Die jungen Männer wurden in Kurzlehrgängen ausgebildet und in SS-Uniformen gesteckt und an die Front geschickt. Walter, da er einen Führerschein hat, wird Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS. Fiete, der bereits bei der Rekrutierung seinen Mund nicht hält und gegen den Wahn und die Machenschaften der Nazis angeht, kommt direkt an die Front. Sie müssen nach Ungarn, wo die russische Armee immer näher rückt. Es ist ein letztes idiotisches Aufbäumen einer Kriegsmaschinerie, in der Phosphorbomben, Granaten und Bomben den Alltag untermalen. Doch ist in den meisten Soldaten eine Treue zum Vorgesetzten und eine Freude an der Gewalt vorhanden, die einen beim Lesen erschauern lassen. Walter, der wegen einer ehrenvollen Tat wenige Tage frei bekommt, um das Grab seines Vaters zu suchen, findet bei seiner Rückkehr Fiete im Kerker vor. Fiete wollte, da er bereits verwundet war, nicht mehr zurück an die Front und desertierte. Hitlers Kommando: „Ein Soldat kann sterben, ein Deserteur muss sterben“ lässt nun Walter mit einem Karabiner in der Hand vor seinem besten Freund stehen…

Ein Roman voller durchdringender Bilder. Im Mittelpunkt der unfreiwillige SS-Mann Walter. Es sind schreckliche Bilder, die stets die Grausamkeit des Krieges zeigen. Es sind viele Tote, Gefallene auf allen Seiten der Fronten – auf den Feldern, im Wasser, an den Bäumen hängend oder die Landbevölkerung, die einfach sinnlos und brutal ermordet wird. Die Wehrmacht ist auf dem Rückzug und doch sind die Menschen so sehr in diesem Wahn gefangen, dass die Gewalt ein beständiger Begleiter zu sein scheint. Man tötet, feiert Orgien und doch hoffen alle aufs Überleben, an ein baldiges Ende und eine Heimkehr zu den Familien. So endet auch die Geschichte von Walter in einer zarten Liebesgeschichte zu Elisabeth, die bereits vor dem Einzug auf dem Lande ihren Anfang nahm. Nach dem Krieg ist sie in Kiel in einer Kneipe tätig, doch geht sie mit ihm zurück aufs Land und der Bogen spannt sich zum Roman „Milch und Kohle“.

Ein wichtiger Roman, der uns die Schrecken des Krieges und des Naziterrors vor Augen führt und die Frage aufwirft, warum der Mensch zu Gewalt neigt. Ein Antikriegsroman, der sich vor Vergleichen mit der großen Literatur nicht scheuen muss. Unbedingt Lesenswert!

„Mann, was hab ich hier eigentlich verloren. Ich meine, wenn ich Hitler gewählt hätte, wie die meisten … Aber ich wollte nicht in den Schlamassel, genauso wenig wie du. Ich habe keine Feinde, jedenfalls keine, die ich umbringen möchte. Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. Dabei sind´s nur Kleingeister und Schwächlinge, ich hab´s im Feld erlebt. Treten nach unten, buckeln nach oben und massakrieren Frauen und Kinder“ (S. 160f)

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