Siegfried Lenz: „Der Überläufer“

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Ein neuer, alter Lenz. In der ersten Fassung von 1951 lautete der Arbeitstitel noch: „…da gibt´s ein Wiedersehen“. Es ist ein Antikriegsroman, die Geschichte eines Wehrmachtssoldaten, der im letzten Kriegssommer zur Roten Armee überläuft.

Siegfried Lenz verstarb 2014 und hatte vor seinem Tod noch eine kleine Erzählung beenden können. Dies dachte man, sei wohl seine letzte Veröffentlichung. Doch Günter Berg, sein damaliger Verleger, jetziger Nachlassverwalter und Vorstand der Lenz-Stiftung, findet einen Roman. Dies ist der zweite Roman von Lenz und wird erst jetzt verlegt. Der Verlag hatte große Hoffnungen in dem jungen Autoren. Lenz stürzte sich nach einem kurzen Urlaub mit seiner Frau und nach seinem ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“ sofort auf die Arbeit an seinem zweiten Werk.
Es wurde ein sehr persönlicher Roman, den er auch auf Wunsch des Verlages und dessen Berater überarbeitete. Doch wurde dieser dann doch abgelehnt und nicht verlegt. Der Verlag traute sich nicht diesen Text zu Zeiten des beginnenden Kalten Krieges zu drucken. Es war die Sorge der Geister jener Zeit. Lenz war nicht der Kämpfer, er gab auf und sah diesen Roman, der später den Titel „Der Überläufer“ trug, als Übung eines jungen Autors an. Doch ist dies viel mehr als eine Übung. Lenz hat wohl diesen Text dem Verlag nie wieder angeboten.
Das Buch wird sich nun behaupten und eingehen in den Reigen der großen Werke der Nachkriegsliteratur.

Wir lernen im Roman den Soldaten Walter Proska kennen, der gleich Lenz aus dem masurischen Lyck stammt. Vieles, das Lenz wohl persönlich erlebt hat, wird die Anregungen zu der Geschichte von Proska gegeben haben. Walter Proska kehrt nach seinem Heimaturlaub zurück zu seiner Kompanie. Der Zug, mit dem er zurück an die Front reist, erlebt einen kleinen Stopp, um mit Wasser befüllt zu werden. Während dieser kleinen Pause lernt er die Polin Wanda kennen, die ihn bittet, sie eine kleine Weile mitreisen zu lassen. Doch stellt sich heraus, das sie zu den Partisanen gehört, die Angriffe, Überfälle und Anschläge auf die Truppen und den auf diesen Gleisen fahrenden Zügen verüben. Sie entkommt kurz bevor der Zug in die Luft gesprengt wird. Proska, als einziger Überlebender, strandet bei einer kleinen Einheit, die die Zuglinie sichern soll. Diese kleine Gruppe verschanzt sich in einer selbstgebauten Waldfestung „Waldesruh“. Sie patrouillieren die Strecke und stehen einer großen Überzahl an Partisanen gegenüber. Daher vermeiden sie zu große Aufmerksamkeit. Es ist ein verlorener, sinnloser Posten, der abgeschnitten und vergessen wirkt. Der Kommandant ist ein lebens- und menschenverachtender Mann, der aus einer Laune heraus schikaniert und tötet. Nach einem weiteren Wiedersehen mit Wanda, dem polnischen Partisanenmädchen, geht diese Proska nicht mehr aus dem Kopf. Seine Kameraden werden durch den Sumpf, der Einsamkeit und der leeren Gewalt fast wahnsinnig und verlieren sich im äußeren und inneren Kampf. Der eine verliert seinen klaren Verstand beim Zweikampf mit einem Hecht und ein anderer verliert sein Leben beim abkühlenden Bad im See.

Es sind die Gespräche mit dem kleinen, grüblerischen Kameraden, den alle nur Milchbrötchen nennen, die Proska nachdenklich werden lassen. Was ist Deutschland? Wer oder was ist das? Was ist dieser Krieg? Was bedeutet Leben und Freiheit? Was ist wichtiger: Pflicht oder Gewissen?
Milchbrötchen und Proska beschließen die Seiten zu wechseln. Der Roman schließt mit dem Anfang, in dem Proska nach dem Krieg einen langen Brief an seine Schwester geschrieben hat. Seine Schwester sucht per Aushang am Bahnhof nach ihrem Mann, nicht ahnend, dass dieser tot ist und ihr eigener Bruder damit zu tun hatte. Doch hat dieser Brief ein ähnliches Schicksal wie dieser Roman, er bleibt vom erhofften Leser ungeöffnet…

Ein großer Roman, ein Antikriegsroman, der den Krieg mit all seinen Schrecken und seiner Sinnlosigkeit zeigt.

Eine tolle Wiederentdeckung und somit schon eine Sensation.

Zum Buch

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

4 Antworten zu “Siegfried Lenz: „Der Überläufer“

  1. Bin sehr neugierig auf dieses Buch!

  2. Auch für mich ein Muss-Buch! Sowohl mit Blick auf das Thema als auch auf den Verfasser. Ich bin ein Fan von Lenz und seinen Büchern. Viele Grüße

  3. Pingback: Blogbummel Februar 2016 – 2. Teil – buchpost

  4. Hallo Xeniana und Constanze,
    dann wünsche ich Euch ein tolles Leseerlebnis. Ich habe den Roman „Der Überläufer“ sehr gerne gelesen!
    Herzliche Grüße, Hauke

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