Michael Chabon: „Telegraph Avenue“

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Ich habe über Pfingsten endlich „Telegraph Avenue“ von Michael Chabon gelesen. Es geht im Buch viel um Musik. Um die Leidenschaft, Musik zu hören, zu machen und besonders, Musik zu sammeln. Die Handlung spielt 2004 also zum Zeitpunkt der beginnenden und überhandnehmenden Digitalisierung. Doch wahre Liebhaber, die sich tiefgründig und umfassend mit Musikern und deren Musik beschäftigen sammeln ganze Alben. In der Telegraph Avenue hat Michael Chabon die Kirche des Vinyls für uns geöffnet. In dieser „Kirche“ treffen sich Menschen, die diese Leidenschaft eint. Es sind Jazz- Funk- und Bluesliebhaber die über diverse Pressungen und Konzerte sprechen. Der Laden lebt vom Verkauf diverser rarer LPs von teilweise vergessenen Genies, die durch Nachlässe oder andere Quellen ihren Weg in das Plattengeschäft „Brokeland Records“ geschafft haben.

Die Handlung ist geprägt von Gegensätzen und spielt in Oakland, einer schwarz geprägten Stadt der Bay Area. Der meist weiße Reichtum der Nachbarstadt ist noch nicht wirklich eingetroffen. Doch bahnt sich eine neue Lebensweise auch in der Telegraph Avenue ihren Weg zum Erfolg.

Der Plattenladen „Brokeland Records“ wird geführt von Nat Jaffe und Archy Stallings. Wir lernen beide in ihrem Geschäft kennen, als Archy einen Säugling im Arm hält, den er zum Üben ausgeliehen hat und nebenbei einhändig in dem neu eingegangenen Fundus einer Plattenkiste stöbert. Als Nat den Laden mit einer Hiobsbotschaft betritt ist in dieser Anfangsszene vieles vom Kommenden angedeutet. Das ganze Buch ist auch voller Anspielungen auf Literatur, Musik und Geschichte, so dass man als Konsument dieses Buches wohl viele überliest ohne diese zu verstehen oder sogar zu missen. Das Buch entpuppt sich als Reigen großartig gezeichneter Menschen und toller Geschichten.

Die Hiobsbotschaft ist der angekündigte Bau einer Mall nur wenige Straßenecken weiter. Dieser Konsumtempel soll Kinos, Gastronomie und viele Geschäfte beinhalten. Ebenfalls ist ein mehrstöckiges Musikgeschäft geplant, dass neben den herkömmlichen CD-Angeboten auch Vinyl-Raritäten im Sortiment führen soll. Der Stadtrat hatte bisher für die kleinen inhabergeführten Geschäfte gesorgt und diese unterstützt. Doch wurde er anscheinend bestochen, denn er macht es möglich, dass der reichste Afro-Amerikaner Gibson Goode in der Nachbarschaft diese Einkaufsmall errichten kann. Goode, einst Baseball-Legende und nun erfolgreicher Unternehmer, würde den kleinen Geschäften und somit auch dem Plattenladen von Nat und Archy die Existenzgrundlage nehmen. Auch bietet Goode Archy später sogar an, in der Vinyl-Abteilung zu arbeiten.

Doch ist dies nur einer der Handlungsstränge. Auch die Frauen von Nat und Archy haben berufliche Probleme. Archys Frau Gwen ist schwanger und arbeitet zusammen mit Nats Frau Aviva als Hebamme. Wegen der Schwangerschaft ist ein regelmäßiges Einkommen wichtig. Allerdings stellt sie auch jetzt gerade ihren Beruf in Frage und durch eine tragische Verkettung einer Hausgeburt, die in der Klinik endet, drohen den beiden Frauen auch noch der Lizenzentzug und eine Klage. Ferner hat Gwen ihren Mann Archy auch bei einem Seitensprung ertappt. Die ungewisse berufliche Zukunft und die privaten Probleme werden noch durch das Auftreten von dem Jungen Titus vermehrt. Titus ist der Sohn einer ehemaligen Geliebten von Archy. Diese Beziehung war vor der Ehe mit Gwen, hat aber Titus als Resultat und erst jetzt wird Archy mit dieser Tatsache konfrontiert. Titus befreundet sich mit Nats Sohn Julie, der sich Hals über Kopf in diesen verliebt.

Eine tolle, literarische Milieustudie, die viel zu entdecken bietet. Das Buch lebt von den Charakteren, den vielen Anspielungen, Verweisen und natürlich von der Leidenschaft zur Musik. Aber es geht auch um die Arbeit, die einem liegt und um die Leidenschaft, mit der man diese, seine Tätigkeit, füllen sollte. Das Buch ist gespickt mit Szenen, die voller Liebe zu deren Inszenierung sind, voller Humor und Genauigkeit. Auch hat Barack Obama eine kleine Nebenrolle als Konzertbesucher bekommen. Der Roman reflektiert die Jazz-Szene, das Milieu der Schwarzen und Weißen und deren Verhältnisse zueinander. Nat als weißer Jude, der in Richmond aufwuchs und nun aus Liebe zum Vinyl sich mit Archy zusammentut für eine, wie sie empfinden, höhere Sache.

Es gibt in diesem komplexen amerikanischen Roman sehr viel zu entdecken. Besonders die toll charakterisierten Menschen in diesem Werk gewinnt man sehr schnell lieb und wird sie so schnell nicht wieder vergessen. Wer den Roman noch nicht gelesen hat, darf sich auf einen tollen Lesespaß freuen!

Zum Buch

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Michael Chabon: „Telegraph Avenue“

  1. Bri

    Ein großartiges Buch – Michael Chabon ist ein begnadeter Erzähler. Da gibt es noch viel zu entdecken. LG

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