Celeste Ng: „Was ich euch nicht erzählte“

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„Die Dinge, die wir nicht sagen, nagen oft an uns. Sei es, weil wir sie nicht ausgesprochen haben, oder weil der andere uns nicht angehört hat, obwohl er es wirklich wollte“    Celeste Ng

Das Buch ist ein hochgelobter Spannungsroman und ist wirklich ein literarischer und vielschichtiger Roman, in dem es um das Verschwiegene und das Verdrängte innerhalb einer Familie geht.

Die Handlung beginnt an einem Morgen des Jahres 1977 und der erste Satz lässt keinen Zweifel zu: „Lydia ist tot.“ Die Familie Lee wundert sich, warum Lydia nicht zum Frühstück erscheint. Lydia war das Lieblingskind ihrer Eltern. Es ist eine amerikanisch-chinesische Familie, die in Ohio lebt. Der Vater, James, ist Einwanderer der zweiten Generation, Wissenschaftler und Dozent an der Universität. Die Mutter, Marilyn, Amerikanerin, die sich in der damaligen Zeit ihren Studienplatz hart erarbeitet hat und von einem Leben als Medizinerin träumte.

James wurde stets wegen seiner Herkunft gemieden und musste sich ständig behaupten. Daher versuchte er ein unauffälliges Leben zu führen. Als er Marylin als Studentin bei seiner Vorlesung an der Universität kennenlernt, zweifelt er, denn er kann es nicht glauben, dass eine kluge, selbstbewusste und hübsche amerikanische Frau sich in ihn verlieben würde. Marylin bricht ihr Studium für die Liebe ab und die beiden heiraten. Dies trotz des Hohns ihrer Umgebung und besonders von Marylins Mutter, die die Ehe nicht akzeptieren will und den Kontakt abbricht.

Sie bekommen drei Kinder Lydia, Nathan und Hannah. Lydia war eine ernsthafte, verantwortungsbewusste und stets freundliche Schülerin. Als die Polizei ihre Leiche im nahegelegenen See findet, bricht die Fassade der Familie. Die Perspektiven und die Beobachtungen wechseln mit den Protagonisten. Marylin versucht verzweifelt herauszubekommen, was passiert ist und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Ferner kommt auch ihre Vergangenheit zu Tage, da sie vor der Geburt von Hannah ihre Familie kurzweilig verlassen hatte, um erneut an der eigenen Karriere zu arbeiten. Auch ohne ein Wort zu ihrer Familie. Ebenfalls flüchtet sich James in eine Beziehung und betrügt stillschweigend seine Frau.  Dann sind da die unbeschriebenen Tagebücher von Lydia, die vorerst als ein Zeichen innerer Leere wirken. Hannah, die Jüngste, die oft übergangen wird, beobachtet mehr und nimmt sehr viel wahr. Doch schweigt sie, wie der Rest der Familie. Der Junge, der wohl engen Kontakt zu Lydia hatte und sie zuletzt sah, schweigt ebenfalls…

Die Zeitung schreibt: „Lee als eine von zwei Asiaten an der Middlewood High – der andere ist ihr Bruder Nathan – fiel in der Schule auf. Allerdings scheinen sie nur wenige gut gekannt zu haben.“

Ein Selbstbild muss nichts gemein haben mit der Perspektive der anderen. Inwieweit kennt man die Menschen, die man liebt und die Personen seines Umfeldes wirklich?

Ng (sprich Ing) hat einen spannenden, feinfühligen Roman über die Stille und das Unaussprechliche innerhalb einer Familie und deren Umfeld geschrieben. Die Verletzungen liegen weit zurück und haben vor der Ehe ihren Anfang genommen. Es geht um Familie, Ausgrenzung und den Versuch der Anpassung. Ein psychologischer Spannungsroman, der jedem Protagonisten seinen Raum gibt. Jeder agiert in seinem selbst kreierten Universum. Jeder schweigt aus falscher Angst und erst dadurch wird das Drama möglich.

Ein vielschichtiger, kluger und beklemmender Roman über das Bild einer Familie, die mit sich selbst und ihrer Wahrnehmung innerhalb der Gesellschaft und deren Rollenbildern hadert. Der Rest ist Schweigen….

Zum Buch

Siehe auch die Besprechungen auf „Literaturen„, „Bücherwurmloch“ und „Buchlese

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