Irène Némirovsky: „Pariser Symphonie“

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Irene Némirovsky kam 1903 in Kiew zur Welt. Sie floh mit ihren Eltern vor der russischen Revolution nach Paris und begann hier zu schreiben. Némirovsky wurde ein Star der französischen Literaturszene. Sie verfasste zwischen 1921 und 1942 fünfzehn Romane und mehr als fünfzig Novellen sowie Drehbücher und Skizzen für Kinofilme. In dieser Sammlung, die nach einer der elf Kurzgeschichten benannt ist, befinden sich Texte, die zeigen, wie sprachgewandt und tiefgründig die Autorin schrieb und mit Stilen und Ideen experimentierte. Némirovsky wurde 1942 in Ausschwitz ermordet und der Krieg ließ sie und ihr Werk für längere Zeit vergessen. Erst durch die Entdeckung eines unfertigen Manuskripts wurde ihre Literatur erneut zugänglich gemacht. In ihrem Nachlass befand sich der Text zu ihrem bekanntesten Werk „Suite française“.

Ich habe die Autorin durch Ihre Romane „Jesabel“ und „Suite française“ kennen und schätzen gelernt. Jesabel behandelt das Verlangen nach immerwährender Schönheit und das unfertige „Suite française“ handelt vom Untergang Frankreichs.

Das Buch „Pariser Symphonie“ lässt schon durch das Titelbild erahnen, wohin uns die Geschichten mitnehmen. Eine Frau balanciert auf dem Eifelturm. Im Hintergrund die Stadt Paris, auf dessen Wahrzeichen mit einer Unbekümmertheit jene Frau wandelt. Aber ist es Leichtigkeit oder Leichtsinn? Lebensfreude oder Lebensmüdigkeit?

Die Erzählungen sind meist kurz und sehr verdichtet. Es sind Ellipsen oder sogar Texte, die wie ein Drehbuch zu lesen sind. Bei einigen Texten wird man gleich einer Kamerafahrt abgeholt, die den Leser fokussiert auf den Kern der Erzählung lenkt. Es sind meist psychologische Einsichten, die in der damaligen Zeit durch die moderne Erzählstruktur verstörend waren. Gerade durch die oft neutrale Erzählerstimme.

Wir erlesen über Häusliches, Gewöhnliches, über das Eheleben und natürlich über den einkehrenden Schrecken. Es ist die Rede von der Macht der Leidenschaft und den Erfahrungen mit dem Übernatürlichen.

Es sind Erzählungen, in denen u.a. die Hauptfigur ihre Jugendliebe verloren hat und in ihrer Mutterrolle mit den Geistern der Vergangenheit konfrontiert wird. In einem Abstellraum sehen die Kinder diese Geister und erfahren mehr als ihnen von der Mutter bisher erzählt wurde.

In einer anderen Geschichte wird aus einem okkultistischen Spiel traurige Wahrheit. Die von der Gesellschaft vorerst belächelten Prophezeiungen bewahrheiten sich und führen, da sie nicht angenommen wurden, zu einem Drama.

Ein Diebstahl entpuppt sich als lieblose Verschwörung um unbeliebte Familienmitglieder, die erst in folgender Generation zu Tage kommt und diese mit einbezieht.

Eine Frau, die ihrer ersten Ehe nachsinniert und überzeugt ist, dass ihre Liebe trotz zweiter Ehe den Tod überdauert.

Oft ist der Schauplatz Paris, so auch die titelgebende Geschichte, die gleich einem Drehbuch die Stadt als Klang erfasst. Ist Armut und Erfolglosigkeit für große Kunst notwendig? Einige Geschichten, so auch diese, sind geschrieben wie Kameraeinstellungen. Ganz besonders in „Der Film“ wird u.a. durch Schnitte das Geschilderte in Szene gesetzt.

Es sind leichte, melancholische Erzählungen, die auch den Schrecken beinhalten. Aus Angst kann schnell ein Handeln mit fatalen Folgen und tödlichem Ausgang werden. Ein Echo der erlebten Vergangenheit kann sich im Ego manifestieren. So auch ein gefeierter und überzogener Autor, der sein Gefühlsleben als Kind unverstanden und von der Mutter missachtet wahrnahm,  meint nun als Autor dieses ausleben zu können. Er zwingt aber dadurch seiner Ehe und dem Kind ein Echo seiner eigenen Vergangenheit auf.

Eine Sammlung an Erzählungen mit großen Themen. Es sind zeitlose Geschichten über Liebe, Tragik, Tod und Freundschaft. Meist sind die Geschichten durchwoben vom Charme der 1930er Jahre. Aber die Figuren und Probleme wirken lediglich auf den ersten Blick als vergangen und uns fern.

Eine sehr lesenswerte Sammlung, die neugierig auf das Werk der Autorin macht.

Zum Buch

Siehe auch Maikes Besprechung in Herzpotenzial

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Eine Antwort zu “Irène Némirovsky: „Pariser Symphonie“

  1. Ich habe die Autorin auch durch ihren Roman „Suite francaise“ kennen- und schätzengelernt. Dieses Buch habe ich verschlungen, weitere folgten. Für mich zeigt gerade dieses Beispiel, wie vergessene Autoren und ihre Werke wieder entdeckt werden. Tragischerweise kann die Autorin dies nicht mehr erleben. Ihr Schicksal macht mich noch immer sehr betroffen. Viele Grüße

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