Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“

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Durch meine Leidenschaft über Bücher zu reden und meine Leseeindrücke, die ich hier festzuhalte, habe ich nicht nur viele fiktive Freunde bekommen. Es kommen auch Lesetipps zurück, die ganz genau zu mir passen. Darüber bin ich sehr dankbar und ich möchte mich bei diesen lieben Menschen bedanken! Jetzt in diesem Augenblick zwischen den Frühjahrs-  und Herbstnovitäten habe ich mir ein Buch aus dem Jahr 2014 gegönnt. Es wurde mir oft ans Herz gelegt, denn anhand meiner Besprechungen konnten viele erahnen, dass dieses Buch zu mir passt. Es ist also eines der Bücher, die zu einem kommen und dann wohl für länger ein guter Begleiter bleiben, wenn nicht sogar für immer. Denn ich möchte nicht ausschließen, dass ich mir trotz der jährlichen Flut an Neuheiten diese Geschichte erneut zu Gemüte führen werde.

Das Buch beinhaltet vieles, was ich sehr mag. Es erzählt mindestens eine tolle Geschichte, ist tiefgründig, philosophisch, spirituell und macht trotz der Tragik sehr glücklich.

Die Autorin ist die Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin und ist ferner Filmemacherin und Zen-Priesterin. Sie lebt in New York und auf einer kanadischen Insel. So ist es nicht verwunderlich, dass dies alles in ihrem Roman „Geschichten für einen Augenblick“ einfließt. Wenn nicht sogar Ruth selbst, die als Figur in diesem Roman auf einer kanadischen Insel mit ihrem Mann lebt und am Strand eine Hello-Kitty-Box findet. Durch diesen Fund beginnt die Geschichte.

Ruth bemerkt erst ein winziges Glitzern, ein Funkeln. In einem Büschel Seetang findet sie, durch das reflektierte Sonnenlicht angelockt, einen verschrammten Gefrierbeutel, der lange im Wasser gewesen sein muss. In diesem Beutel ist eine Lunchbox, die neben japanischen und französischen Briefen eine Uhr und ein Buch beinhaltet. Das Buch ist eine alte, gebundene Ausgabe von Marcel Proust „A la recherche du temps perdu“. Doch ist es nicht Proust, der über die vierte Dimension schreibt, sondern es sind die handschriftlichen Zeilen von Naoko Yasutani. Der Buchblock wurde gegen einen neuen ausgetaucht und lediglich der Einband erinnert an Proust. Wie ist das Buch nach Kanada gekommen? Ist die Verfasserin der Zeilen durch den Tsunami ums Leben gekommen? Hat sie sich, wie anfänglich angekündigt das Leben genommen? Denn das vorzeitige Beenden der Sein-Zeit scheint in der Familie bereits öfters vorgekommen, d.h. erwünscht zu sein.

Ruth beginnt erst zögerlich, dann immer gebannter die Geschichte von Naoko, die sich wie folgt vorstellt, zu lesen:

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“

Sein-Zeit bezieht sich auf Dogen-Zenji. Auch das Namenskürzel Nao stellt durch die englische Aussprache die Verbindung zum Jetzt her. Denn jeder Augenblick ist ein ganz kleines Teilchen Zeit. So klein und doch sind es immer die Augenblicke, die etwas bewegen. Man kann diesen Moment kaum messen und doch bemisst er unser Leben und ist alles.

Nao sitzt, als sie an ihrem Tagebuch schreibt, in einem französischen Dienstmädchencafé in Akiba Electricity Town. Ruth, die immer mehr in den Gedankengängen und Geschichten von Nao versinkt, macht sich immer mehr Sorgen um das Leben der Verfasserin. Nao trauert ihrem Leben in Amerika nach. Als die Bitcom-Blase platzte, musste sie mit ihren Eltern zurück nach Japan. Nao muß lernen, sich neu einzuleben. Durch ihr fremdeln wird sie ein gefundenes Opfer der brutalen Schikanen ihrer Schulkameraden und Lehrer. Ihre Eltern verfallen ebenfalls in depressive Züge und verhalten sich immer verschlossener. Die Mutter schaut im Aquarium den Quallen zu und der Vater geht kaum noch aus dem Haus, bastelt Origami-Tiere und ist stark suizidgefährdet.

Halt sowie eine geistige und spirituelle Zuflucht findet Nao bei ihrer Urgroßmutter Yasutani Jiko, einer Zen-Meisterin. Diese nimmt sie einen Sommer zu sich. Auch danach bleiben sie ständig via Mail und SMS-Nachrichten in Verbindung. Die weise Yasutani Jiko schätzt sich selbst und sagt, sie sei wohl 104 Jahre alt. Ihr Sohn war ein Philosophie-Student, der dann als Kamikazekrieger ums Leben kam. Er hatte das Leben geliebt und es doch mehr oder weiniger selbstbestimmt beendet. Dieser spiegelt sich in Naos Vater, der mit seinem Leben hadert und ebenfalls den großen Denkern nacheifert und stets versucht sein Leben zu beenden.

Ruth, die als Autorin eigentlich an den Memoiren ihrer eigenen Mutter arbeiten wollte, ist nun auf der Suche nach der ganzen und wahren Geschichte von Nao. Sie liest und  kommentiert für uns Leser mit Fußnoten und Anhängen den Text von Nao. Neben der japanischen Philosophie, vordergründig dem Zen-Buddhismus, geht es um Quantenphysik, Schrödingers Katze, Umweltbewusstsein, die Sein-Zeit, Depressionen, Mobbing und Selbstmord. Auch spannt das Buch den historischen Bogen vom Zweiten Weltkrieg, dem Pazifikkrieg, den Terroranschlägen des 11. September 2001 bis zum Tsunami von 2011 mit der Katastrophe in Fukushima.

Passend zur japanischen Literatur bietet der Text auch mystische Elemente. Parallel- und ätherische Welten verweben sich in die Ebenen der eigentlichen Geschichte. So trifft Nao im Zen-Kloster auf ihren verstorbenen Großonkel und Ruth und ihr Mann bekommen Besuch von einer japanischen Krähenart. Die Krähe als Symbol des Boten, des Übermittlers zwischen den Welten.

Ein Leseschatz, der mich voll und ganz begeisterte. Ich habe vieles aus den Lehren des Zen verinnerlicht und habe eine Ausbildung in Reiki, daher sind mir die japanische Philosophie und Spiritualität sehr nah und ich konnte viele Bilder und Andeutungen in diesem Buch finden, die man, sollte man keine Vorkenntnisse haben, beim Lesen unbewusst aufnehmen wird. Sollte man mehr wissen und erfahren wollen, sind die Kommentare und Anhänge eine gelungene Anregung.

001Ein außergewöhnliches und seltenes Buch. Es ist phantastisch und realistisch zugleich – unsere wahrgenommenen und selbstbestimmten Welten.

Ein Buch, das auf mehreren Ebenen funktioniert und nebenbei große Lesefreude bietet.

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 Weitere Leseeindrücke auf: Masuko13, Buzzaldrins und Bücherwurmloch

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ruth Ozeki: „Geschichte für einen Augenblick“

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