Olli Jalonen: „Von Männern und Menschen“

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Ein Roman, der alte Zeiten aufleben lässt und mich dabei unglaublich süchtig gemacht hat. Beim Lesen verweilt man gerne im skandinavischen Sommer des Jahrs 1972 und vermischt mit Bildern der eigenen Kindheit wurde das Buch für mich sehr erlebbar. Der Roman wurde von Stefan Moster, der mich in diesem Jahr bereits mit seinem Roman „Neringa“ begeistern konnte, aus dem Finnischen übersetzt. Die Tonlage und der Stil des Romans erinnern an Frank Goosen, Magnus Mills oder Gerhard Henschel (siehe u.a.: „Künstlerroman„) . Der Roman ist detailverliebt, aber niemals überladen und der tolle Erzählstil trägt einen sehr schnell durch diesen kleinen Wälzer. Es lässt uns den Protagonisten als Freund empfinden, der einem sehr vertraut wird. Auch Finnland wird etwas vertrauter. Im Anhang hat der Übersetzer Stefan Moster einen kleinen Aufsatz über die Politik Finnlands im Sommer 1972 geschrieben. Dieser rundet den Text von Jalonen ab und trägt im Kleinen dazu bei, die Umstände besser zu vertiefen.

Der Held des Romans ist 17 Jahre alt und ein kluger Schüler, der sogar von seiner Lehrerin für ein Stipendium vorgeschlagen wird. Aber seine unbeschwerten Tage enden mit den Schlaganfällen seines Vaters. Bisher hat er die Sommermonate gerne mit Krebsefangen und Radiohören verbracht. Je nach Wetterlage und Tageszeit ist es eine Leidenschaft der Jungs, mit ihren Weltempfängern Sender der ganzen Welt zu suchen und somit zumindest mit dem Radio dem landschaftlichen Einerlei zu entkommen. Sein Vater erkrankt und kann nicht mehr arbeiten und somit auch die Raten für den frisch erworbenen Wagen nicht mehr bezahlen. Diesen hat die Familie vom Autohändler des Ortes, gekauft, der nun von einem Rückkauf nicht sehr begeistert ist. Zum Glück ist der Händler der Bruder eines sogenannten nahen Verwandten, „Vetter“ Lampinen, eher Freund der Familie, dem die Installationsfirma „Volles Rohr KG“ gehört. Dieser kommt zu den Nachverhandlungen bezüglich der Rückabwicklung des Autokaufs hinzu und macht einen Deal aus, dass der Ich-Erzähler die noch fehlenden Raten, trotz des zurückgegebenen Autos, auf dem Bau abarbeiten soll.

So verbringt der Erzähler seine Ferienmonate mit dem Auffegen der Werkstatt von Vetter Lampinen und dem Bau von Regenrinnen. Er findet sich wieder in einer Welt der Handwerker und erwachsenen Männer. Da er auch werktags in dem Bauwagen der Firma übernachtet, akklimatisiert er sich schnell in dieser Welt und neben der harten Arbeit lernt er viel über Freundschaft, Verantwortung, Loyalität und Zwischenmenschliches, denn auch die Mädchen werden zu Frauen und erscheinen unserem Helden bald auch in einem neuen Licht…

Ein Abenteuer voller schriller, verschrobener Charaktere in einem Sommer, in dem es um vieles und wiederrum nichts geht. Es geht um Begeisterung und Liebe, um Freundschaft und ums Erwachsenwerden. Nebenbei erlebt man das Jahr 1972 aus finnischer Perspektive. Es ist das Jahr der Olympischen Sommerspiele in München und Kiel und die Hochphase der Piratensender. Auch der Held ist beteiligt an der Entstehung von „Radio Satan“, in dem er und sein Kumpel bereits gesendete Beiträge von regulären Sendern zusammenschneiden und dadurch den Inhalt verfremden oder diesem eine neue Bedeutung geben. So beginnt auch jedes Kapitel im Buch mit einem kleinen Beitrag aus diesen fungierten Interviews.

Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht und durch die Sprache, sowie den Inhalt wurde ich immer süchtiger nach den Figuren und der Handlung. Olli Jalonen gehört zu den bedeutendsten Autoren Finnlands und ich hoffe, seine Werke werden auch im deutschsprachigen Raum eine größere Leserschaft erreichen. Ein tolles, unterhaltsames, kluges und stets humorvolles Buch.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Olli Jalonen: „Von Männern und Menschen“

  1. Ach Männer sind auch Menschen … 😉

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