Matthias Brandt: „Raumpatrouille“

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Diese autobiographischen Geschichten von Matthias Brandt stehen alle für sich, aber ergeben, wenn man das Buch chronologisch und im Ganzen gelesen hat, die Fülle eines ganzen Romans.  Es sind literarische Reisen in die eigene Kindheit, die jeweils dazu einladen in den Kosmos des jetzigen Schauspielers Matthias Brandt einzutauchen. Der rote Faden ist das Aufwachsen in den siebziger Jahren in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Seine Kindheit ist geprägt durch die Arbeit seines Vaters, der gerade Bundeskanzler ist.

Die erste Geschichte beginnt mit dem Satz: „Keiner da.“ In dieser Erzählung lernen wir Matthias Brandt kennen, der als Siebenjähriger seine kleine Freiheit sucht. Er streunert gerne mit seinem Hund durch das großzügige Grundstück und versucht ab und zu den Blicken der Wachhabenden, die das Anwesen und deren Bewohner schützen, zu entkommen. Er versteht sich eigentlich sehr gut mit dem Personal des Sicherheitsschutzes. Gerne sucht er diese auch auf und lauscht mit diesen Radiokonzertmitschnitte von James Last. Aufgenommen auf den gerade erfundenen Kassetten. Durch den Beruf des Vaters und das Leben mit Personal, empfindet er sich selbst wie ein Astronaut. Er fremdelt und fühlt sich isoliert. Die letzte Geschichte schließt den Bogen mit dem Vater, der sich Zeit für Matthias nimmt und vorliest.

Die reduzierte Sprache und die bescheidene Sicht auf das junge Ego des Autors macht dieses Buch und seinen Verfasser unglaublich sympathisch und man folgt ihm gern auf seinen kleinen Reisen in seine Vergangenheit. Das Bild des Astronauten wird auch in einer Geschichte real, in der er die von seiner Mutter mitgegebenen 20 Mark, eigentlich gedacht für Schulbücher, in dem Spielzeugladen für einen Astronautenanzug ausgibt. Die erste Mondlandung und die Serie „Bezaubernde Jeannie“ haben in ihm den Wunsch geweckt, einer dieser Helden zu sein. Seine Kindheit ist, trotz der Bekanntheit seiner Familie, eine bescheidene und stille. Er macht sich Gedanken über die Realität. Er hadert mit sich, weil er traurig und wütend ist als sein Hund verstirbt, aber er nicht wirklich um diesen trauert. Auch ist seine Reise in die Kindheit mit einer echten Reise nach Oslo verbunden. Durch diese Schiffsreise wird auch noch eine kleine Stippvisite in Kiel erwähnt.

Matthias Brandt möchte durch seine Berühmtheit keine Sonderbehandlungen und steht ungern im Mittelpunkt. Er trinkt Kakao mit dem ehemaligen Bundespräsidenten und Fußball wird seine große unerwartete Liebe, denn sein Spiel schadet eher seiner Mannschaft. Viele Ausflüge mit der Familie werden inszeniert wie zum Beispiel der Ausflug zum Jahrmarkt, auf den er sich freute, der dann aber doch mehr zu einer Medienshow verkommt. Ihm fehlt der unbeschwerte Spaß. Er wird mitgenommen zu einer Radtour mit einem ungeliebten Kollegen seines Vaters. Damit die Herren sich beim Radeln näher kommen können. Doch wird auch dieser Ausflug eher zu einem Fahrrad-Zirkus.

Der junge Matthias Brandt sucht eine Gemeinschaft durch ein Hobby. Durch den Postboten angeregt, interessiert er sich kurzzeitig fürs Briefmarkensammeln. In der Schule findet er Anerkennung in einem Außenseiter, den er anfänglich zum Selbstschutz mit gequält hatte. Er lernt den Unterschied zwischen erwachsenen und kindlichen Gedanken. Sein Traum, Zauberer zu werden, verdampft im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Misslingen war im Nachhinein wichtiger als die eigentliche Absicht. Er sehnt sich nach einer normalen Familie und findet diese bei seinem Freund. Das erste Übernachten bei diesem zeigt eine vom Vater belächelte andere Welt, in der das Abendprogramm von Wim Thoelke gefüllt wird. Nachts hat er Heimweh und dadurch wird ihm bewusst, wo er wirklich sein möchte und sein Alleinsein ist keine Einsamkeit.

Das Buch ist für mich ein Highlight. Es ist das Debut eines Schauspielers, der es versteht mit Sprache umzugehen und mit dieser zu spielen. Seine Geschichten voller Erinnerungen werden zu eigenen und man reist mit dem Autor gerne zurück in eine Fürst-Pückler-Eis-Welt, die mit dem Song „Popcorn“ beschallt wird.

Dieser Leseschatz ist besonders, denn die enthaltenen Geschichten sind auch Teil eines Projektes des Musikers Jens Thomas, dem Bühnenpartner von Matthias Brand. Viele der Erzählungen sind auf der CD „Memory Boy“ vertont. Das Buch und die CD entstanden parallel und in Zusammenarbeit, d.h. im Austausch. Buch und CD sind für mich eine Bereicherung. Durch viele Songs reist man in den Text zurück und durch den gelesenen Text bekommen die Songs eine Tiefe, die man immer wieder gerne hört.

Ein Leseschatz mit eigenem Soundtrack. Ein Buch voller literarischer Erinnerungen. Mit Herzblut, Humor und Ehrlichkeit geschrieben. Danke Major Tom!

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Matthias Brandt: „Raumpatrouille“

  1. Lieber Hauke,
    nach Deinem Lob für beides – Buch und CD (keine Kassette? :-))- komme ich da ja kaum noch dran vorbei… Es gibt ja bald wieder einmal Herbstferien, vielleicht genau das richtige für die freie Zeit.
    Viele Grüße, Claudia

  2. Hallo Hauke,
    vor ein paar Tagen habe ich dieses Büchlein aus der Buchhandlung „mitgehen“ lassen, und freue mich darauf, es bald zu lesen. 🙂 Dass es sogar einen Soundtrack dazu gibt, wusste ich bislang nicht – danke also für den Tipp! Guter Lesestoff und Musik sind immer eine wunderbare Mischung. 🙂
    Liebe Grüße von Tina

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